Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Hier im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu, jeden Tag zu einem anderen Thema. Heute soll es um die Frage gehen, wie man am besten persönlich auf die Corona-Krise reagiert. Und dazu ist Donya Gilan da. Sie leitet den Bereich Resilienz und Gesellschaft beim Deutschen Resilienz Zentrum in Mainz, und das ist ein Leibniz-Institut. Frau Gilan, wir sehen seit Wochen jetzt, dass jeder eigentlich in irgendeiner Form von der Corona-Krise betroffen ist. In der Gesundheits-, in der Wirtschafts- und Finanzpolitik werden drastische Maßnahmen ergriffen. Städte werden abgeriegelt, das persönliche Leben wird eingeschränkt. Wie geht man am besten mit einer solchen Bedrohung und dann den darauffolgenden Einschränkungen um?

00:00:55: Donya Gilan: Es gibt hierfür kein Patentrezept, auch wenn man sich das sehr wünschen würde. Es gibt auch leider nicht die eine Handlungsempfehlung, die man hier aussprechen kann. Denn es zeigen sich ja in der Bevölkerung auch ganz unterschiedliche Reaktionsweisen auf die aktuell veränderten Lebensbedingungen. Und die variieren natürlich von Zielgruppe, sind abhängig vom kulturellen Kontext, auch von dem Informationsstatus, den die Menschen haben. Und wichtig im Umgang mit der aktuellen Situation ist in erster Linie die Aufklärungsarbeit, auch was die psychologischen Folgen betrifft.

00:01:32: Ursula Weidenfeld: Was sind denn psychologische Folgen von einer solchen Infektionskrise?

00:01:37: Donya Gilan: Menschen empfinden einen höheren Stress, also sie haben ein höheres Stressempfinden aktuell. Sie reagieren ganz häufig mit Angst, auch mit psychosomatischen Angstsymptomen. Sie haben Schwierigkeiten, diese Mehrdeutigkeit, also diese Ambiguität oder diese Unsicherheit aktuell auszuhalten.

00:01:56: Ursula Weidenfeld: Das heißt, dass man keine klare Botschaft hat, sondern dass viele Leute wie Sie als Wissenschaftler ja auch sagen: Wir wissen einfach nicht so viel. Und damit muss man umgehen.

00:02:06: Donya Gilan: Damit muss man umgehen. Und diese Verunsicherung führt in der Bevölkerung zu ganz unterschiedlichen Anpassungsstrategien und auch ganz unterschiedlichen Reaktionen. Auf der einen Seite Verunsicherung, Übersprungsreaktionen, die man an den extremen Vorratseinkäufen beobachten konnte in den letzten Wochen. Aber auf der anderen Seite auch Wut. Auch die Suche nach Schuldigen und leider auch Hetze gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen. Zunächst hat man das ja sozusagen so betrachtet, dass das ein chinesisches Problem ist, und hat diese Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt. Aktuell sind es die Urlaubsrückkehrer und viele andere Bevölkerungsgruppen.

00:02:47: Ursula Weidenfeld: Die Leute, die Karneval gefeiert haben. Gucken wir doch mal auf die unterschiedlichen Gruppen und deren unterschiedliche Strategien, umzugehen. Also wir haben auf der einen Seite die, die sagen: "An der Grippe sterben jedes Jahr 250 000 Leute, stellt euch nicht so an. Ich mache so weiter wie bisher." Was ist das für eine Reaktion? Wie würde man das als Psychologe erklären?

00:03:08: Donya Gilan: Das zählt auch zu einer Anpassungsstrategie, ist eher eine verharmlosende Strategie. Im Grunde ist es natürlich gut, auch vergleichende Informationen heranzuziehen, auch hinsichtlich anderer Krisensituationen. Aber insgesamt sind das eben auch extreme Anpassungsstrategien, das heißt, die Sicherheitsmaßnahmen, die aktuell empfohlen werden, müssen tatsächlich auch eingehalten werden. Und ich denke, in Zeiten von Fake News kommen natürlich auch ganz unterschiedliche andere Ängste auf die Bevölkerung zu. Und deshalb ist es gerade wichtig, wissenschaftlich fundierte Quellen heranzuziehen.

00:03:47: Ursula Weidenfeld: Also würde man sagen: Diejenigen, die das ignorieren, handeln zwar menschlich irgendwie verständlich in einem Anpassungsmuster, das man erklären kann. Aber es ist nicht vernünftig.

00:03:58: Donya Gilan: Genau, es ist nicht vernünftig und es ist eine Methode, um die Angst zu reduzieren, genauso wie übertriebene Handlungen, panische Einkäufe bis hin zu hysterischen Reaktionsweisen auch Strategien sind, um diese Unsicherheit und den subjektiv empfundenen Kontrollverlust zu reduzieren und ein Sicherheitsgefühl, eine Stabilität wieder herzustellen, die ja aktuell in äußeren Aspekten oder öffentlichen Aspekten sehr schwierig zu finden ist. Das heißt, die Menschen sind gezwungen, wieder eine innere Stabilität zu finden. Und die aktuelle Situation ist ja auch etwas paradox, weil auf der einen Seite man in Krisensituationen Rückhalt ganz häufig auch im sozialen Netzwerk sucht. Gleichzeitig wird aber empfohlen, soziale Kontakte für eine Zeitlang zu vermeiden, und das macht die Aufgabe auch ein bisschen schwierig, sozusagen im privaten Kontext Zusammenhalt vielleicht in Krisensituationen zu finden.

00:04:56: Ursula Weidenfeld: Sie sagen, dass soziale Kontakte, man hat Familie, Freunde, auf die man sich verlassen kann: Das macht einen eigentlich in Krisen widerstandsfähiger, und das wird jetzt gerade abgeschnitten. Dafür sagt man ja gerade: "Das sollt ihr jetzt ausgerechnet nicht machen." Ich würde aber ganz gerne noch einmal bei den weiteren Gruppen gucken. Wir haben also die Ignoranten. Dann haben wir die, die Angst haben, und die sagen "extreme Vorratshaltung". Dieses "Ich muss unbedingt Toilettenpapier zu Hause haben." Das ist auch eine Anpassung an empfundenen Stress, die mir am Ende mehr Sicherheit gibt? Also, wenn ich zehn Packungen Spaghetti zu Hause habe, fühle ich mich besser, als wenn ich nur eine habe.

00:05:36: Donya Gilan: Ja, das kann ein fiktives Sicherheitsgefühl einem geben, also dass man quasi sich die Kontrolle über solche Faktoren erkauft hat. Allerdings muss man tatsächlich sagen: eine Illusion, weil eben dieser Mechanismus nur ganz kurz wirkt. Das heißt, man wird am nächsten Tag, wenn man besonders ängstlich reagiert, die gleiche Angst wieder empfinden. Also diese Vorratskäufe oder andere extreme Anpassungsmechanismen führen dann langfristig nicht zu einer Stabilisierung, sondern sie müssen dann ständig wiederholt werden und stellen eigentlich auch so einen archaischen Mechanismus dar, den man auch in anderen Epochen gesehen hat, wo es darum geht, dass man sozusagen auf sich selbst und auf seine Engsten aufpassen möchte und durch solche Handlungen eben wieder Kontrolle zurückerlangen möchte.

00:06:25: Ursula Weidenfeld: Das wäre also ein Reaktionsmuster, das dem Menschen in irgendeiner Form zugegeben ist in seiner Entwicklung über Jahrtausende, das wir bis heute brauchen und benutzen, um Angst zu reduzieren und ein zumindest kurzfristiges Sicherheitsgefühl zu entwickeln. Jetzt gucken auf die, die nicht ängstlich sind, sondern wütend. Die, die wütend sind auf den Staat, auf die Politiker, dass sie einem diese Krise zumuten, dass sie einem diese Ausgangsbeschränkungen zumuten, und die wütend sind - das hatten Sie eben schon gesagt - auf Menschen, von denen sie behaupten, die hätten uns in diese Lage gebracht. Was sind das für Menschen? Welche Ängste haben die?

00:07:08: Donya Gilan: Diese Ängste sind natürlich auf ein altes, bekanntes Muster, was man immer wieder in Krisensituationen trifft, zurückzuführen, nämlich, dass sozusagen für eine diffuse Angst Schuldige gesucht werden, weil das auch ein Mechanismus ist, auf den man die Ängste projizieren kann, und das Gefühl hat, das kontrollieren zu können. Wir hatten ja schon die Bevölkerungsgruppen genannt, auf die diese Ängste projiziert wurden, die als sozusagen Mitschuldige für diese Pandemie jetzt oder die Ausbreitung verantwortlich gemacht wurden. Das sind eigentlich auch in gleicher Weise Formen, um dieses Unsicherheitsgefühl zu reduzieren, um es auf eine bestimmte Gruppe zu projizieren. Das haben wir auch bei der Migrationswelle gesehen, als von "dem Fremden" gesprochen wurde und viele negative gesellschaftliche Entwicklungen auf diese Minoritäten projiziert wurden.

00:08:04: Ursula Weidenfeld: Und wir haben es eigentlich auch in allen anderen großen Seuchen-Zügen seit dem Mittelalter gehabt, dass Sündenböcke gesucht werden. Das waren sehr oft Teile der jüdischen Bevölkerung. Das waren sehr oft auch damals Minderheiten, religiöse Minderheiten, die dann wirklich Opfer auch von Pogromen oder von Vertreibung geworden sind. Jetzt sind wir ja nicht mehr im Mittelalter, und man könnte ja denken: Wir haben auch wunderbare Einrichtungen. Forschungseinrichtungen wie das Deutsche Resilienz Zentrum, dass wir auch bei der Frage, wie wir damit umgehen, weitergekommen sind. Also dass wir heute, wenn wir all diese Ängste so schön sortieren können und die Reaktionsmuster so schön sortieren können, dass wir auch viel mehr über die Therapie wissen. Was wissen wir denn darüber, wie man diesen Bevölkerungsgruppen das Gefühl geben kann: "Ihr seid sicher, auch wenn ihr nicht 200 Rollen Toilettenpapier zu Hause habt?"

00:08:59: Donya Gilan: In der aktuellen Situation ist die Regulation negativer Emotionen wichtig, dass man zunächst mal versteht, weshalb man sich fürchtet oder weshalb man Angst hat in dieser ambivalenten Zeit. Und viele Menschen haben vielleicht auch noch nicht so große Erfahrungen damit, dass bestimmte Gefühle eben auch zu bestimmten Handlungen motivieren, dass man dann besonders wütend oder mit Hetze und Hass gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen reagiert. In diesem Sinne wäre eigentlich angezeigt, die Bevölkerung in der Breite, in Bezug auf die Emotionalität oder auf die Emotionsregulation aufzuklären.

00:09:41: Ursula Weidenfeld: Wie macht man das?

00:09:42: Wenn ich mich ärgere, werden wahrscheinlich meine Rechte und Normen verletzt. Wenn ich eher Scham empfinde, ist ein anderes Thema dafür ursächlich, also erst mal überhaupt eine Annäherung zur Basisemotion zu schaffen und darüber dann zu zeigen, wie man bestimmte Emotionen regulieren kann, welche Strategien es gibt, die man jetzt auch in der aktuellen Zeit anwenden kann: sich nicht permanent mit dem Thema zu beschäftigen, sondern vielleicht Zeiten - dreimal am Tag - einzuführen, in denen man sich Informationen aus wissenschaftlich fundierten Quellen oder Institutionen heranzieht. Dann auch zu versuchen, seine Routinen einigermaßen einzuhalten. Es ist natürlich aktuell schwierig, weil man bestimmte Bereiche jetzt erst einmal geschlossen hat oder eindämmen musste. Aber dass man die gesunde Lebensweise auch aufrecht erhält, also Sport betreibt, seine sozialen Kontakte versucht trotzdem noch zu pflegen, auch wenn es jetzt über andere Kanäle laufen muss, was jetzt gerade ältere Personen oder ältere Familienmitglieder betrifft oder erkrankte. Aber Routine hilft immer in unsicheren Zeiten. Das wäre ein wichtiger Aspekt. Ein weiterer wichtiger Aspekt wäre, die Gesamtsituation natürlich auch mal durch einen anderen Blickwinkel zu betrachten. Wir haben ja jetzt uns sehr viel mit den Gefahren beschäftigt. Aber wenn wir uns anschauen, was gerade in der Gesellschaft geschieht, gibt es auch viele positive Prozesse, die jetzt sozusagen beginnen, sich zu vollziehen. Man merkt eine extreme Selbstfürsorge in der Gesellschaft, auch eine Fürsorge für die Mitmenschen, die gerade wächst. Das Thema Gesundheit ist allgegenwärtig und hat sogar Vorrang vor wirtschaftlichen Aspekten. Das hatten wir auch noch nie so in der Form mit so einer Priorität. Bürgerinnen und Bürger achten viel mehr auf ihre Gesundheit und lernen aktuell auch, sich auf die Schwächeren innerhalb der Gesellschaft zu konzentrieren, auf Erkrankte, ältere, sozial Benachteiligte. Das, denke ich, ist ein sehr positiver Prozess, der parallel zu diesen Gefahren sich entwickelt. Und auf der anderen Seite sieht man auch, dass so ein Prozess der Selbsterkenntnis gerade in der Gesellschaft auf Individualebene abläuft. Die Menschen müssen sich mit ihren Ängsten auseinandersetzen, mit ihrer Sterblichkeit, mit dem Thema Unfreiheit, auch Kontrollverlust, was Sie gerade thematisiert haben. Mit den Grenzen der Einflussmöglichkeiten. Und dieser Aspekt führt dazu, dass man noch einmal sich selbst reflektiert. Und es stellt eben auch ein sehr gutes Resilienztraining oder Resilienzlager dar, weil man aus dem Hamsterrad jetzt heraustreten muss und achtsamer über sich selbst, auch über seine Mitmenschen reflektieren muss. Und das führt zu so einer Entschleunigung innerhalb der Gesellschaft.

00:12:43: Ursula Weidenfeld: Wenn es gut geht, dann wird das alles tatsächlich, werden diese positiven Effekte, die Sie beschrieben haben, auch eintreten. Aber wenn wir diesen ersten Teil zusammenfassen, würden wir sagen: Pünktlich aufstehen, regelmäßig essen, irgendwelche Routinen, wenn die alten weg sind, neue finden und neue entwickeln, sich nur noch mit festen Mustern über die Krise informieren und eben nicht mehr jeden Tag 24 Stunden in den sozialen Medien verfolgen, was das letzte Gerücht ist. Und das letzte wahrscheinlich auch das Schwierigste, was Sie genannt haben: eine positive Haltung also, das Positive in dieser Krise sehen und sehen können. Das betrifft den Einzelnen. Die Frage: Kann man das auch als Gesellschaft, also kann man sich auch als Gesellschaft auf die Couch legen und sagen: "Wir werden das genau mit diesen Eigenschaften, mit Routine, mit Pünktlichkeit, mit einer gelassenen Informationsstrategie bewältigen können." - ist das so?

00:13:44: Donya Gilan: Ich denke, das ist ein Prozess, der sich ja jetzt, wie wir auch sehen, von Tag zu Tag dynamisch verändert. Und langfristig, denke ich, wird auch in diese aktuelle Ausnahmesituation eine Art Routine einkehren, sodass ein Adaptionsprozess stattfindet. Also man gewöhnt sich auch an die aktuelle Lage vermutlich in einigen Wochen und kann viel besser mit den Gegebenheiten umgehen. Und diese anfängliche Panik oder Hysterie, die man jetzt feststellt, wird sich auch etwas normalisieren. Denn es ist eigentlich wie bei jedem Anpassungsprozeß, dass es erst mal sozusagen eine Formationsphase gibt und dann aber Anpassungsprozesse greifen und der Mensch sich auch an die veränderte Situation anpassen kann.

00:14:33: Ursula Weidenfeld: Wie lange dauert das?

00:14:35: Donya Gilan: Das kann man nicht genau sagen. Es kommt natürlich auf die Entwicklung an, wenn jetzt über die Wissenschaftler und Forscher, die beispielsweise an dem Impfstoff forschen, positive Nachrichten berichtet werden, positive Ergebnisse erzielt werden, wird es natürlich schneller zu einer Entspannung innerhalb der ganzen Gesellschaft führen. Gleichzeitig kommt es auch darauf an, wie Medien weiterhin mit diesem Thema umgehen. Ob sie beispielsweise ständig jedes kleine Thema als Aufmacher präsentieren und damit natürlich auch zu einem ständigen Reiz innerhalb der Gesellschaft führen, also ständig die Gesellschaft mit neuen Informationen reizen oder ob sie jetzt vielleicht versuchen, ein bisschen Zurückhaltung auszuüben, eher mehr Substanz und Sorgfalt auch bei der Recherche anwenden und nicht jede kleine Meldung sozusagen zum Aufmacher wählen. Das, denke ich, spielt auch eine wichtige Rolle.

00:15:27: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Frau Gilan.

00:15:28: Donya Gilan: Danke auch.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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