Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu, jeden Tag ein anderer Wissenschaftler, aus einem anderen Fachbereich, zu einem anderen Thema. Heute geht es um Ernährung. Darüber rede ich mit Professor Tilman Grune. Er ist wissenschaftlicher Vorstand beim Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Das ist einLeibniz-Institut. Herr Grune, welcher Tee hilft denn gegen Corona? Ingwer, Pfefferminz, Kurkuma?

00:00:31: Tilman Grune: Frau Weidenfeld, da gibt es leider nur negative Nachrichten. Die Corona-Infektion ist eine seriöse Virusinfektion. Da helfen keine Hausmittel. Das kann man einfach unter schlechter Werbung verbuchen, weil solche Mittel können ein Virus nicht akut bekämpfen.

00:00:48: Ursula Weidenfeld: Trotzdem gibt es ja im Augenblick einen richtigen Run auf Knoblauch, Lachsöl, Johanniskraut-Präparate, Ernährungsergänzungsmittel. Können die denn gar nichts tun, um die Abwehrkräfte in einer Pandemie zu stärken?

00:01:00: Tilman Grune: Ohne Zweifel hängt die Infektanfälligkeit einer einzelnen Person vom Status des Immunsystems ab. Und natürlich hängt das Immunsystem wiederum von unserer Ernährung ab. Ob jetzt einzelne Produkte wie Knoblauch, Öl, Johanniskraut dort wirklich stark und unterstützend wirken, ist mal dahingestellt. Auf alle Fälle kann man sagen: Eine gesunde Ernährung hilft, das Immunsystem zu stärken.

00:01:25: Ursula Weidenfeld: Haben Sie Verständnis für Menschen, die im Augenblick alles tun wollen? Man hat ja das Bedürfnis, irgendetwas zu tun, um sich selber, seine Familie zu schützen oder zu stärken gegen diese Pandemie. Ist es nicht vernünftig, so was zu denken und zu tun?

00:01:42: Tilman Grune: Also, man sollte vor allen Dingen an eine gesunde Ernährung denken, und das ist sicherlich nicht so einfach. Vor allen Dingen in Zeiten, wo wir eine gewisse Kontaktarmut, soziale Kontakte, Kontakte im Laden einschränken sollen, ist es immer schwieriger, solch ein gesundes Ernährungsregime für sich selbst und die Familie durchzusetzen.

00:01:58: Ursula Weidenfeld: Was ist denn die richtige Ernährung in einer solchen Phase?

00:02:01: Tilman Grune: Ich glaube, man sollte in solch einer Phase, und wir sehen es ja jeden Tag im Laden, nicht nur auf die jetzt häufig gekauften Dauerprodukte - Nudeln, Reis und so weiter, Fertigtiefkühlpizza - achten, sondern vor allen Dingen auch, dass Obst und Gemüse auf dem Speiseplan stehen und dort auch bleiben für die nächste Zeit, weil das ist eine der Voraussetzungen für eine gesunde, abwechslungsreiche Ernährung.

00:02:24: Ursula Weidenfeld: Aber Obst und Gemüse sind ja nun ausgerechnet die Sachen, die sofort verrotten, wenn ich sie nach Hause bringe, während eben Nudeln und Reis sich länger halten.

00:02:33: Tilman Grune: Na ja, es gibt ja eine Reihe von Obst und Gemüsen, die relativ lange lagerbar sind. Wir reden jetzt im Bereich von sieben bis zehn Tagen. Dazu gehören Äpfel, dazu gehören aber auch Möhren, Kohlsorten und so weiter, die ja durchaus auch dazu zählen. Dazu kommen einige Säfte, die man verwenden kann. Nüsse sind hier angefragt, aber natürlich auch Tiefkühlkost.

00:02:55: Ursula Weidenfeld: Mit Tiefkühlkost meinen Sie jetzt Erbsen und Blumenkohl und nicht Pizza und Lasagne.

00:03:02: Tilman Grune: Ja, Tiefkühlkost in Form von Obst und Gemüse.

00:03:04: Ursula Weidenfeld: Wenn ich das alles tue und beherzige, kann ich jetzt noch etwas tun, um Abwehrkräfte zu stärken? Wenn man sich vielleicht die letzten Monate oder Jahre tendenziell eher nicht so gesund ernährt hat.

00:03:17: Tilman Grune: Wir wissen, dass die Effekte von Vitaminen und auch einigen Spurenelementen - ich denke da an Vitamin C, D, E, aber auch Spurenelemente wie Zink und Selen - relativ kurzfristig wirken. Also da hilft es durchaus auch jetzt, sein Immunsystem noch einmal zu stärken, um dann gewappneter zu sein. Wie gesagt, das hilft vielleicht nicht im Fall einer Exposition zu dem Virus. Aber es kann natürlich den Krankheitsverlauf abschwächen beziehungsweise die eigenen Reserven stärken.

00:03:45: Ursula Weidenfeld: In Ihrem Institut gibt es Studien, die zeigen, dass Menschen bei Lebensmitteln gerne zu Produkten greifen, die vor ihnen im Geschäft von anderen angeschaut oder gekauft wurden. Also in unserem Fall jetzt wahrscheinlich Mehl, Toilettenpapier, Hefe. Ist das in Krisensituationen erst recht so, dass man das Gefühl hat, man muss das haben, was die anderen auch im Einkaufskorb haben?

00:04:07: Tilman Grune: Ich denke, das ist ein selbstverstärkender Mechanismus. Da gibt es, glaube ich, wenig Studien dazu, weil es gibt ja einen gewissen Gruppenzwang oder Panikkäufe hier bei bestimmten Produkten, die häufig nicht nachzuvollziehen sind. Sie haben einige davon genannt. Das, glaube ich, ist ein gewisser Effekt der Massenkonsumtion. Wenn Sie erst einmal ein leeres Regal in einem Laden geben, gehen Sie in den nächsten, und wenn Sie das Produkt sehen, nehmen Sie es auch mit. Es könnte ja nicht mehr da sein an dem nächsten Tag.

00:04:35: Ursula Weidenfeld: Können die Leute dann überhaupt noch mit solchen Produkten umgehen? Ich meine, das sind ja doch zum Teil vergleichsweise komplizierte Sachen: weiße Bohnen, getrocknete weiße Bohnen, Hefe, frische Hefe. Ein Kilo Mehl. Kann man damit in einem normalen Arbeitsalltag, in einem normalen Familienalltag, kann damit noch jeder umgehen?

00:04:55: Tilman Grune: Menschen kaufen in der Regel etwas, womit sie umgehen können. Ob das jeder kann, sei dahingestellt. Aber wir haben ja jetzt zum Zeitpunkt auch keinen normalen Arbeitsalltag. Die meisten Menschen haben ja keinen normalen Arbeitsalltag. Deshalb kann man darin ja vielleicht auch eine Chance sehen, neue Rezepte auszuprobieren. Man hat durch mobiles Arbeiten mehr Zeit auch zu Hause zu verbringen, vielleicht etwas Neues auszuprobieren. Insofern kann man es vielleicht auch für Nebeneffekte nutzen, dass man jetzt neue Produkte ausprobiert.

00:05:25: Ursula Weidenfeld: Und dass man lernt, wie man damit umgeht und wie man daraus dann ein Mittagessen oder ein Abendessen kocht.

00:05:32: Tilman Grune: Sicherlich, denn das Internet ist voll von Rezepten, die schmackhaft sind und wo bestimmt jeder etwas findet, wenn er diese ausprobieren will.

00:05:41: Ursula Weidenfeld: Wenn man jetzt den wissenschaftlichen Vorstand beim Deutschen Institut für Ernährungsforschung fragt: Was ist denn in Ihrem Einkaufskorb, wenn Sie für mehrere Tage einkaufen?

00:05:51: Tilman Grune: Ja, einfach kann man sagen: Alles, was man braucht, ja? Der frische Anteil muss da sein. Man kann natürlich viele dauerhafte Produkte wie Nudeln und so weiter ergänzen, durch Kräuter, durch verschiedene Gewürze, um einfach einer gewissen Eintönigkeit vorzubeugen, wenn man wirklich mal 10 oder 14 Tage unter Quarantäne stehen muss.

00:06:12: Ursula Weidenfeld: Wie ernährt man sich dann in der Corona-Krise sinnvoll, wenn man in Rechnung stellt, dass man sich ja nicht mehr so sehr viel bewegt wahrscheinlich, dass man mehr und länger zu Hause sitzt, dass man möglicherweise gar nicht mehr so viele Kalorien braucht, wie man sie braucht, wenn man morgens zum Bus rennen muss und abends dann geschafft wieder nach Hause kommt.

00:06:31: Tilman Grune: Ja, das ist, glaube ich, eines der größten Probleme, dass wir natürlich parallel zur Ernährungsumstellung auf diese Dauerprodukte, die häufig sehr kalorienhaltig sind, eben auch eine Bewegungsarmut haben. Man kann versuchen, dieses abzuschwächen, indem man zu Hause Übungen macht, die Möglichkeit nutzt, die man für Bewegung im eigenen Haus hat. Und man kann natürlich sogenannte energieärmere Produkte, wo die Energiedichte nicht so groß ist, nutzen. Und dann sind wir wieder bei Gemüsen, bei lange haltigen Gemüsen, die hier eine Rolle spielen. Wurzelgemüse gehört dazu und so weiter. Lassen Sie mich noch eins sagen: Was wir bis jetzt noch nicht erwähnt haben, ist: Man soll vor allen Dingen auch auf ausreichend Ballaststoffzufuhr achten. Am besten macht man das: Vollkornprodukte, Vollkornnudeln, Vollkornbrot, was immer man dort bekommt, weil neben Gemüseanteil ist Vollkorn eben die andere Quelle für Ballaststoffe.

00:07:24: Ursula Weidenfeld: Warum muss man jetzt, gerade jetzt auf Ballaststoffe achten?

00:07:27: Tilman Grune: Ballaststoffe ist sowieso eines der Nahrungsmittel oder eine Gruppe der Nahrungsbestandteile, die in Deutschland nicht sehr häufig konsumiert wird. Die Gefahr ist jetzt, dass man die noch viel weniger aufnimmt. Und dann kann es zu allen möglichen Veränderungen in der Verdauung kommen und zu Verdauungsstörungen.

00:07:43: Ursula Weidenfeld: Das heißt, dass man eher Verdauungsprobleme bekommt.

00:07:46: Tilman Grune: An dieser Stelle, verbunden mit einer sitzenden Tätigkeit zu Hause, kann das schon zu Problemen führen.

00:07:52: Ursula Weidenfeld: Und Ballaststoffe stecken vor allem in Hülsenfrüchten und Ähnlichem.

00:07:55: Tilman Grune: Hülsenfrüchte. Vollkornprodukte sind eine wesentliche Quelle hiervon. Sowohl Brot als auch Nudeln und anderes.

00:08:01: Ursula Weidenfeld: So, dann wissen wir also jetzt, was wir kaufen und essen sollen. Wir sollen Möhren kaufen, Äpfel kaufen, wir dürfen oder sollen Vitamin C zu uns nehmen, Hülsenfrüchte und nicht so viele Nudeln und nicht so viel Mehl, wie wir vielleicht im Schrank haben. Was machen wir damit?

00:08:19: Tilman Grune: Es sind ja lang haltende Lebensmittel, und man kann sie natürlich essen und im Laufe der Zeit verbrauchen, hoffentlich auch noch nach der Corona-Krise. Diese lang-... Möhren und Kohl und Äpfel sind deshalb empfohlen, weil sie natürlich den Kontakt zur Außenwelt einschränken können.

00:08:36: Ursula Weidenfeld: Weil man die nicht jeden Tag kaufen muss.

00:08:38: Tilman Grune: Weil man die nicht jeden Tag kaufen muss, genau.

00:08:39: Ursula Weidenfeld: Und wenn man sich als Ernährungsforscher fragt - nehmen wir mal an, jeder würde das jetzt beherzigen und würde seine Ernährung tatsächlich umstellen und würde sich eben auch klarmachen, im Homeoffice oder wenn man zu Hause sitzt, dann braucht man nicht so viel Kalorien wie wenn man jeden Tag draußen ist und eben vielleicht auch körperlich arbeitet. Wie lange halten denn erfahrungsgemäß solche neuen Regimes in der Ernährung? Wenn man guckt auf die lange Frist.

00:09:06: Tilman Grune: Das ist sehr unterschiedlich. Da kann man einfach keine Faustregel geben. In der Regel halten sie besser, wenn trotz dieser Einschränkung oder dieser Umstellung bestimmte Geschmackspräferenzen erhalten werden. Also das, was ich immer mag, sollte man nicht unbedingt von dem Speisezettel streichen. Und man sollte immer noch abwechslungsreich und vor allen Dingen schmackhaft sein. Und da muss man vielleicht neue Wege beschreiten.

00:09:30: Ursula Weidenfeld: Bei Geschmackspräferenzen: Wenn ich viel mit Tomatensoße esse, dann soll ich das auch weiter tun?

00:09:37: Tilman Grune: Ja, das denke ich schon. Dann muss man eben an anderer Stelle verzichten. Und man muss jetzt nicht unbedingt in den Weg der Selbstkasteiung. Es gibt Leute, die mögen Schokolade und andere vielleicht mehr Tomatensoße.

00:09:49: Ursula Weidenfeld: Und wenn man neue Geschmackspräferenzen ausbildet, wie macht man das? Und wie lange muss man etwas essen, damit man es dann auch mag?

00:09:58: Tilman Grune: Ha, das ist eine gute Frage, die letztlich von der Wissenschaft noch unbeantwortet ist. Natürlich gibt's Ernährungsumstellungen, die viele Menschen schaffen und auch dauerhaft schaffen. Aber wir alle kennen auch die Aussage: So wie zu Hause in der Kindheit schmeckt's am besten. Das heißt, bestimmte Prägungen behalten wir vielleicht bei. Inwieweit diese Prägung überschrieben werden kann durch neue Präferenzen, in welchem Ausmaß, wird gerade intensiv erforscht.

00:10:23: Ursula Weidenfeld: Dann müssen wir auf die Ergebnisse warten. Hoffentlich nicht bis zur nächsten Pandemie. Vielen Dank, Herr Grune.

00:10:27: Tilman Grune: Bitte schön!

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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