Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Hier im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu. Jeden Tag zu einem anderen Thema. Heute geht es um Kontrollverlust. Dazu begrüße ich Donya Gilan. Sie ist Leiterin des Bereichs Resilienz und Gesellschaft am Deutschen Resilienz Zentrum in Mainz. Das ist ein Leibniz-Institut. Frau Gilan, wie entsteht Panik und wann?

00:00:28: Donya Gilan: Panik ist aus psychologischer Perspektive betrachtet ein, ja, absoluter Ausnahmezustand, kann man sagen. Plötzlich auftretende starke Angst trifft man vor, die mit einer Vielzahl, auch körperlicher Symptome einhergeht, also Zittern, Schwitzen, Herzklopfen und so weiter. Aktuell entsteht Panik und Hysterie in der Gesellschaft, weil wir noch nicht so geübt sind in einer ausreichenden Ambiguitätstoleranz, also in dem Umgang mit Unsicherheiten. Und wir erfahren momentan auch eine Flut an Informationen, die wir verarbeiten müssen, und die Bewältigungsmechanismen sind für solche Ausnahmesituationen noch nicht besonders stark oder besonders fortgeschritten oder besonders herangereift. Deshalb, ja, empfinden viele eben Panik und müssen sich erst mal mit der Komplexität der Situation auseinandersetzen. Und das führt zu großer Unsicherheit und Ängsten innerhalb der Gesellschaft. Und auch die Sicherheitsmaßnahmen, die propagiert werden, also dass man Abstand halten muss, dass man nicht mehr die Hände reichen sollte, das sind alles Aspekte, die natürlich die Menschen stark verunsichern, weil sie stark in den sozialen Kontext eingreifen. Dabei geschehen eben auch solche Mechanismen, die man aus vergangenen Epochen auch kennt, also dass man sehr voreingenommen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen wird und mit dieser diffusen Angst zumindest im Beginn nicht so gut umgehen kann.

00:02:03: Ursula Weidenfeld: Welche Rolle spielen Nachrichten? Welche Rolle spielen die Medien in einer solchen aufgeregten Zeit, in der - die Politiker nennen das - eine dynamische Lage entstanden ist, also entweder eine Lage, in der sich permanent alles im Sekundentakt ändert? Welche Rolle spielen Medien und Journalisten?

00:02:23: Donya Gilan: Ich denke, sie spielen eine sehr einflussreiche und wichtige Rolle. Aber die Medien befinden sich auch, glaube ich, in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite haben sie ja das Mandat, sehr schnell und umfassend zu informieren, die Gesellschaft über jegliche Entwicklung in Kenntnis zu setzen, insbesondere Zahlen und Empfehlungen auch auszusprechen. Gleichzeitig sollen sie sich aber nicht so an dieser Panikmache beteiligen. Diese Balance einzuhalten, denke ich, ist auch für die Medienlandschaft sehr schwierig. Und wir sehen ja, dass dann bestimmte Medien oft auch sozusagen die Falle fallen, besonders knackige Schlagzeilen zu publizieren und damit eben auch zur Verunsicherung wieder in der Gesellschaft beitragen.

00:03:11: Ursula Weidenfeld: Würden Sie sagen, dass normale Konsumenten von Nachrichten den Unterschied erkennen zwischen einer falschen Nachricht, einer journalistisch verantworteten Nachricht und einer Nachricht oder einem Gerücht, die in den sozialen Medien kursieren und bei denen man den Urheber gar nicht kennt? Oder ist das alles dasselbe?

00:03:31: Donya Gilan: Es kommt darauf an, wie gut sich Personen mit Medien, mit unterschiedlichen Quellen auskennen. Also, wenn da große Erfahrungen bestehen, man häufig beispielsweise unterschiedliche vergleichende Quellen heranzieht, gibt es dafür bestimmt schon einen Umgang, der ganz sicher ist. Aber ich würde jetzt sagen, dass die Medienkompetenz und auch die Selektion von richtigen Medien noch nicht flächendeckend in der Bevölkerung ausgereift ist. Und deshalb hat die WHO ja beispielsweise auch von einer Infodemie gesprochen, also dass so viele Fehlinformationen Menschen enorm verunsichern und Menschen auch gar nicht mehr genau selektieren können: Was ist richtig? Welche Quelle ist zuverlässig? Deshalb sollte man besonders in der aktuellen gegebenen Zeit sich wirklich nur auf fundierte Institutionen und Quellen berufen, auch mit einem Misstrauen sozusagen ins Netz gehen, mit einem gesunden Misstrauen, um etwas übervorsichtiger zu sein und auch nicht gleich Artikel teilen oder liken, weil sie sich ja so auch sozusagen vermehren.

00:04:37: Ursula Weidenfeld: Die WHO ist die Weltgesundheitsorganisation. Und dieser Aufruf - nicht alles liken, nicht alles teilen, was einem begegnet - der ist sicher richtig. Nur woher weiß ich denn, dass das jetzt gerade nicht etwas ist, was ich teilen und liken soll, während etwas anderes, wie zum Beispiel die Schließung des Kindergartens am nächsten Tag oder das Hilfsersuchen eines Nachbarn oder so natürlich etwas ist, was man sofort teilen und liken würde. Wer macht den Unterschied, wer erkennt ihn und welche Gruppen, würden Sie sagen, sind im Moment besonders ratlos, was die Quelle ihrer Informationen betrifft?

00:05:16: Donya Gilan: Also, es gibt ja offizielle Stellen und auch große namhafte Medien, auf die man sich fokussieren kann. Wenn es eben Quellen sind, wo man nicht genau weiß, woher die stammen, würde ich mir anschauen, welcher Autor dahintersteht, da mal recherchieren, ob es ein seriöser Autor ist oder eine seriöse Stelle. Also man muss da schon jetzt aktuell genauer hinschauen und lieber sich über offizielle Stellen erkundigen als im sozialen Netzwerk die Nachrichten jetzt holen. Die sind vielleicht für Austauschprozesse interessant, wobei man da auch etwas zurückhaltend sein sollte, weil man sonst wieder reizüberflutet wird. Aber genau die Inhalte eben prüfen und die Quelle genau prüfen. Das kann man ja auch recherchieren.

00:06:01: Ursula Weidenfeld: Wenn man am Ende, nach sorgfältiger Prüfung der Quellen zu dem Schluss gekommen ist: Jetzt ist aber ganz schlimm, und es gibt etwas wie Kontrollverlust in meinem engeren Umfeld, in meinem breiteren Umfeld. Ich traue vielleicht auch der Politik nicht mehr, dass sie die Sache noch im Griff hat und dass sie die Lage noch unter Kontrolle hat. Was ist so schlimm an diesem Kontrollverlust? Warum macht es so Angst?

00:06:29: Donya Gilan: Also, man hat das Gefühl, wenn man einen Kontrollverlust erlebt, dass man eben sozusagen keine Sicherheit mehr in seinem Lebensbereich hat, also vielleicht, dass man nicht mehr anderen Menschen trauen kann, nicht mehr sozusagen der Bundesregierung trauen kann in ihrer Vorgehensweise. Also das erschüttert sehr stark und führt dazu, dass man eigentlich gar nicht genau weiß, wie man in so einer Situation handeln muss, und führt sozusagen zu einer Ohnmacht vielleicht auch oder zu einer Lähmung, so ein enormes Angstgefühl und zu einer sehr unrealistischen Einschätzung der Situation.

00:07:10: Ursula Weidenfeld: Was kann man dagegen tun?

00:07:12: Donya Gilan: Man kann sich - erst einmal ganz wichtig ist Aufklärungsarbeit und Information, sich vielleicht auch mit den Zahlen genau auseinanderzusetzen, mit den Statistiken, die ja in den meisten Berichterstattungen präsentiert werden. Aber auch sich mit vertrauten Personen austauschen, nach den Erfahrungen fragen, wie andere mit dieser Situation umgehen, sich auch Halt eben bei vertrauten Personen suchen. Das muss man dann vielleicht in manchen Fällen über digitale Kommunikationsmittel aktuell initiieren. Aber der soziale Kontakt, der Austausch führt eben auch dazu, dass man allein das Wissen, dass man sich auf andere Personen berufen kann, wenn man zu starke Angst hat, kann dazu führen, dass Stressantworten geringer ausfallen.

00:08:02: Ursula Weidenfeld: Was mache ich, wenn ich Zeit meines Lebens nicht besonders viele Freunde hatte und auch nicht besonders viele soziale Kontakte und das auch gar nicht wichtig fand? Und jetzt bin ich in der Situation, wo ich das eigentlich bräuchte, aber nicht habe. Was tue ich dann?

00:08:16: Donya Gilan: Da wäre vielleicht eine Idee, sich anzuschauen, ob es vielleicht Hotlines gibt, an die man sich wenden kann, Telefonseelsorge. Aber man kann natürlich, auch wenn die Ängste übermächtig werden, sich an medizinisches und therapeutisches Personal wenden.

00:08:34: Ursula Weidenfeld: Die haben doch schon in ruhigen Zeiten keine Kapazitäten. Haben die denn jetzt Zeit oder Energie für jemanden, der einfach nur Angst vor Corona hat?

00:08:44: Donya Gilan: Das wird wahrscheinlich nicht so einfach sein. Aber ich denke schon, dass in nächster Zeit auch sozusagen Beratungsstellen für diese Thematik eingerichtet werden, weil große Bevölkerungsgruppen sehr verängstigt sind und eigentlich Strategien im Umgang mit dieser Pandemie nicht richtig vorgegeben sind. Viele wissen einfach nicht: Wie verhalte ich mich? Wie soll ich jetzt mein Leben in dieser Ausnahmesituation weiterführen? Und ich gehe stark davon aus, dass es demnächst beratende Stellen auch für besorgte Bürger gibt, die einfach sich dort Informationen und Ideen holen können, wie sie damit umgehen können.

00:09:23: Ursula Weidenfeld: Wenn man davon ausgeht, dass die Zeiten immer unsicherer werden - auch wenn wir diese Pandemie irgendwann einmal bewältigt haben werden, werden die Zeiten nicht sehr viel sicherer werden - : Wie wappnet man sich am besten?

00:09:38: Donya Gilan: Diese Sicherheit ist im Grunde, wie ich schon erwähnt hatte, eine fiktive Sicherheit. Wir streben nach Ordnung, möchten am besten alles reglementiert haben.

00:09:47: Ursula Weidenfeld: Also man sucht sie, aber man hat sie nicht.

00:09:48: Donya Gilan: Man hat sie im Grunde nicht. Und jetzt in der Situation wird das besonders deutlich. Man kann jetzt natürlich leider auch nicht von einem Tag auf den anderen seine Widerstandsfähigkeit innerhalb solcher Krisensituationen aufbauen. Das ist ein längerer Prozess. Was man aber empfehlen kann, ist, dass eben dieses Thema "Wie gehe ich mit veränderten Situationen, mit Ausnahmesituationen um? Wie kann ich mich trotz dieser negativen oder belastenden Situation wieder in positive Stimmung bringen? Was bedeuten meine Emotionen? Wie kann ich mit ihnen umgehen? Oder welche Distanzierungstechniken kann ich anwenden, um auch mal abzuschalten und dieses allgegenwärtige Thema nicht ständig im Kopf zu haben?" Das sind Strategien, die, denke ich jetzt aktuell sehr wichtig sind, damit man sich eben auch stabilisieren kann und aber auch die Möglichkeit hat, sich zeitweise von dem Thema zu distanzieren, um einfach zur Ruhe zu kommen.

00:10:48: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Frau Gilan.

00:10:48: Donya Gilan: Danke auch.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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