Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

Transcript

Zurück zur Episode

00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Hier im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu, jeden Tag ein anderer Wissenschaftler, aus einem anderen Fachbereich, zu einem anderen Thema. Heute geht es um Homeoffice und darum, ob das Arbeiten von zu Hause funktionieren kann. Darüber rede ich mit Jan Digutsch, der als Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund forscht. Herr Digutsch, viele Bundesbürger - man sagt, das sind ungefähr die Hälfte der Beschäftigten - haben in den vergangenen Tagen und Wochen zum ersten Mal Erfahrungen mit Homeoffice gesammelt. Nicht alle sind begeistert. Können Sie das verstehen?

00:00:39: Jan Digutsch: Das kann ich auf jeden Fall nachvollziehen. Denn man muss bedenken, dass gerade die aktuelle Situation durch Corona komplett verändert ist. Also, wenn wir von Homeoffice reden vor einem halben Jahr beispielsweise, dann haben wir das noch ganz anders bewertet. Vor einem halben Jahr war es mehr eine Art Vorteil oder Luxus, den manche privilegierte Arbeitnehmer hatten, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Wenn wir heutzutage in diesen Wochen über Homeoffice reden, dann ist das eine ganz andere Bewertung, weil die meisten Arbeitnehmer doch eher aus Zwang vielleicht sogar im Homeoffice sind und Situationen antreffen zu Hause - beispielsweise, weil die ganze Familie vor Ort ist - die sie vorher so nicht erlebt haben und die sehr stressig sein kann, weil eben die Bedingungen, die vorher vielleicht im Homeoffice geherrscht haben oder auch auf der Arbeit, überhaupt nicht mehr vorhanden sind.

00:01:22: Ursula Weidenfeld: Weil man viel mehr Sachen unter einen Hut bringen muss. Sie haben geredet von denen, die das jetzt zum ersten Mal machen und dies auch nicht freiwillig machen, dies auch nicht als Privileg empfinden, sondern einfach jetzt ihren Arbeitgebern auch aus der Misere helfen wollen und müssen. Was sind die Hauptstressfaktoren, außer dass man vielleicht kleine Kinder hat, die da rumlaufen.

00:01:43: Jan Digutsch: Generell ist es im Homeoffice natürlich immer schwierig, seine Arbeitsorganisation weiter aufrechtzuerhalten. Also, wenn wir ins Büro gehen, haben wir meistens geregelte Abläufe. Wir gehen, ich sag jetzt mal, um acht ins Büro, machen zu festen Zeiten Mittag, haben den üblichen Plausch mit den Kollegen und Kolleginnen. Das fällt jetzt natürlich komplett weg. Es ist dementsprechend auch relativ wichtig für Leute, die im Homeoffice sitzen, sich eine gewisse Routine anzueignen. Also dass man vielleicht trotzdem sich ganz normal anzieht. Viele Leute, gerade auch Freunde von mir, da weiß ich, dass sie auch gerne in Jogginghose arbeiten. Es könnte vielleicht helfen, gerade im Hinblick auf die Motivation und auf das letztendlich, was man an einem Arbeitstag schafft, dass man sich trotzdem zu den gleichen Zeiten aufsteht, dass man sich normal fertig macht, normal anzieht und so seinem Gehirn auch ein bisschen zu signalisieren: Ich bin jetzt im Arbeitsmodus. Wenn ich eine Jogginghose an habe, ist es vielleicht mehr der Freizeitmodus.

00:02:31: Ursula Weidenfeld: Und da hilft es auch nicht, wenn man nachts eine andere Jogginghose anhat als tags.

00:02:36: Jan Digutsch: Die Studie habe ich jetzt nicht gemacht. Ich denke mal, eher nicht. Also es macht halt wirklich Sinn, gerade sich, auch was die Struktur des Arbeitstages betrifft, sich trotzdem noch weiter mit Arbeitskollegen auch auszutauschen.

00:02:47: Ursula Weidenfeld: Bleiben wir noch mal gerade mal bei der Frage, was man, was man trägt zur Arbeit. Muss man auch eine Krawatte anziehen, wenn man üblicherweise im Büro mit Schlips und Kragen gesessen hat?

00:02:55: Jan Digutsch: Das natürlich nicht. Es gibt keine Vorschriften, jetzt auch aus rechtlicher Sicht sind mir da keine Vorschriften im Homeoffice besonders bekannt. Was ich jetzt nur meinte, ist, dass es helfen kann, sein Gehirn auszutricksen und im Gehirn diesen Arbeitsmodus im Vergleich zu dem Freizeitmodus auszutricksen. Es gibt natürlich keinen Zwang dazu. Das muss auch nicht unbedingt helfen. Manche Leute können vielleicht auch in Jogginghose genauso gut arbeiten wie im Anzug mit Krawatte. Aber wenigstens eine vernünftige Hose und vernünftiges T-Shirt, sage ich jetzt mal, können da durchaus helfen.

00:03:22: Ursula Weidenfeld: Betrifft es auch die Ausstattung des Arbeitsplatzes? Im Büro sitzt man ja normalerweise im Büro, also am Schreibtisch, hat einen Computer vor der Nase und hat ein Telefon und arbeitet da eben sehr konzentriert. Viele haben das zu Hause nicht und sind jetzt darauf angewiesen, entweder am Küchentisch oder vom Sofa aus zu arbeiten. Kann man da vernünftig arbeiten?

00:03:43: Jan Digutsch: Meistens, denke ich, eher weniger. Das Problem gerade durch Corona ist natürlich, dass viele von jetzt auf gleich ins Homeoffice sind, also es konnte wenig vorbereitet werden. Der Arbeitgeber konnte wenig vorbereiten, sprich für die Ausstattung sorgen, was dann ziemlich wichtig ist. Gerade, wenn wir jetzt ganz einfach aus ergonomischer Sicht denken: Wenn wir zu Hause sind, sind wir vielleicht am Küchentisch, an einem Laptop. Das heißt, wir sind nach unten gebeugt, wir gucken auf einen relativ kleinen Bildschirm. Bei den meisten auf der Arbeit ist es wahrscheinlich so, dass der Rechner ungefähr in Augenhöhe ist, dass man einen vernünftigen Tisch hat, manche heutzutage vielleicht sogar einen höhenverstellbaren Tisch. Das ist auf der Couch oder am Wohnzimmer-Esstisch natürlich aus ergonomischer Sicht relativ schwierig.

00:04:21: Ursula Weidenfeld: Ergonomisch heißt für den Körper, also dass man eben keine Verspannungen bekommt, dass man das richtige Licht hat, dass man aufrecht steht, dass man vielleicht keine Rückenprobleme und Ähnliches bekommt. Wie sieht denn ein guter Heimarbeitsplatz aus?

00:04:34: Jan Digutsch: Im Idealfall so wie der ideale Arbeitsplatz auf der Arbeit aussieht. Also sprich: Ich habe einen großen, relativ großen Bildschirm. Es ist sehr anstrengend für uns, wenn wir den ganzen Tag auf Smartphones oder Laptops gucken. Gerade wenn es acht Stunden am Stück sind. Deshalb wäre das Ideal natürlich, einen dementsprechend großen Bildschirm zu haben, dann einen vernünftigen, eingestellten Schreibtisch. Das ist natürlich abhängig von der Größe und von den Körpermaßen, wenn wir den haben. Und wenn wir vor allem auch einen Raum haben, in dem wir uns zurückziehen können. Das könnte auch das Wohnzimmer sein, beispielsweise, oder selbst das Kinderzimmer, wo irgendwelche Spielfiguren herumliegen. Wichtig ist nur, dass wir die Ruhe bekommen, die wir auch am Arbeitsplatz haben. Also im Idealfall keinen Kundenkontakt oder keinen Kollegenkontakt, wenn wir wirklich Phasen brauchen für, ich sag jetzt mal, ein, zwei Stunden, wo wir uns wirklich konzentrieren wollen, wo wir Sachen schaffen wollen. Das ist natürlich in der Praxis dann nicht immer umsetzbar. Gerade in der aktuellen Phase. Aber das wäre natürlich die Idealbedingung.

00:05:25: Ursula Weidenfeld: Wie arbeitet man denn am schlauesten, wenn jetzt auch Partner oder Partnerin, möglicherweise die Kinder und der Hund um die Füße streichen? Die Partner und Partnerin tun das natürlich nicht, aber: Wie arbeitet man am besten, wenn auch der Partner oder die Partnerin, möglicherweise Kinder zu Hause sind?

00:05:40: Jan Digutsch: Bei einem Partner kann es sogar vorteilhaft sein. Also ich beispielsweise habe die Tage und letzte Woche auch mit meiner Freundin zu Hause gearbeitet, und das war für mich sogar vorteilhaft, weil es dann eine Art sozialen Druck aufgebaut hat für mich. Also hat zwar jemand, sie arbeitet inhaltlich etwas ganz anderes, aber wir saßen uns gegenüber und haben uns gegenseitig so ein bisschen kontrolliert. Also, sprich: Machst du auch wirklich die Aufgaben, die du gerade machen wolltest? Und haben uns gegenseitig ein bisschen dazu getrieben, konzentriert zu arbeiten und das zu schaffen, was man schaffen wollte an dem Tag. Wenn jetzt Kinder dazukommen, wäre das natürlich relativ schwierig. Also, das ist so ein bisschen, ich sag jetzt mal, unkontrollierbar. Was ich damit meine, ist beispielsweise, wenn die Kinder reinkommen, Hausaufgaben machen und Fragen dazu haben. Also immer diese Unterbrechung, diese Arbeitsunterbrechung, die man hat. Das ist mit Kindern natürlich relativ schwer zu kontrollieren. Was da hilfreich sein könnte, ist, wirklich feste Regeln dann auch zu formulieren, klar zu kommunizieren und im Idealfall zu prüfen, dass diese auch eingehalten werden. Sprich: Wenn ich jetzt eine Aufgabe mit hohen Konzentrationsanforderungen habe, dann wäre das natürlich ideal, wenn ich die Kinder dementsprechend beschäftige, beispielsweise mit Hausaufgaben, und wirklich sage: "Bitte für die nächsten ein, zwei Stunden oder bis ich aus dem Haus komme, mich nicht ansprechen, mich nicht stören, weil ich muss jetzt arbeiten." Das kann dementsprechend logischerweise besser oder schlechter klappen. Aber das wäre eigentlich meiner Meinung nach die beste Variante aus der Situation -...

00:06:53: Ursula Weidenfeld: Müssen Arbeitgeber da auch jetzt Abstriche machen bei ihren Erwartungen an ihre Beschäftigten, wenn es eben genau darum geht, dass man eben nicht acht Stunden am Stück arbeiten kann, weil man vielleicht zwischendurch doch mal mit den kleinen Kindern um den Block gehen muss, damit die friedlich bleiben, müssen Arbeitgeber da zurückstecken?

00:07:12: Jan Digutsch: Ich denke, beide Seiten sollten ein gewisses Verständnis für die Situation aufbringen, also sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sind jetzt in einer sehr sonderbaren Situation, die dann auch zu gewissen Entscheidungen führt oder Situationen, wo man eben nicht genau planen kann und vielleicht auch seine Erwartungen vielleicht noch mal neu bewerten sollte. Was ich damit meine: Aus Arbeitnehmersicht sollte man vielleicht auch Verständnis für den Arbeitgeber aufbringen, jetzt auch von jetzt auf gleich vielleicht in Situationen geworfen wurde, wo er seinen ganzen Arbeitsablauf umstrukturieren musste. Das ganze System, beispielsweise, umstrukturieren musste, damit Homeoffice oder Heimarbeit überhaupt möglich ist. Aus Arbeitgeber-Sicht, wenn ich jetzt die Führungskraft beispielsweise betrachte, dann ist es natürlich klar, dass jetzt in dieser Situation es kein normales Homeoffice ist, sondern Kinder, Partner oder sonstige Leute zu Hause sind, man vielleicht auch private Pflegefälle hat, um die man sich kümmern muss oder Krankheitsfälle jetzt Corona-bedingt. Dementsprechend wäre es natürlich für beide Seiten gut, eine gewisse Empathie zu entwickeln und ein gewisses Verständnis für beide Situationen.

00:08:06: Ursula Weidenfeld: Was ist denn aus wissenschaftlicher Perspektive wichtig, was Vorgesetzte wissen müssen und was sie beachten müssen? Einmal normalerweise, aber vor allem jetzt?

00:08:15: Jan Digutsch: Ich denke, Vertrauen spielt da - ... Wenn ich jetzt davon ausgehe, dass meine Mitarbeiter faul sind und, wenn ich sie nicht kontrolliere, nichts machen, dann werden die nächsten Wochen und Monate natürlich schwierig für mich. Wenn dieses Vertrauen nicht da ist, dann gehe ich natürlich davon aus, dass die Qualität der Arbeit oder die Produktivität jetzt stark leidet. Deshalb wäre es natürlich nicht schlecht, wenn die Führungskraft am besten natürlich schon vor dem Corona-Ausbruch den Mitarbeitern auch gewisse Kontroll-Spielräume zugetraut hat und diese auch gewährleistet oder dafür sorgt, dass die vorhanden sind.

00:08:44: Ursula Weidenfeld: Auf der anderen Seite ist es aber ja so, dass klare Ziele auch Arbeitnehmern helfen, nicht? Wenn ich noch nie Homeoffice gemacht habe und jetzt sitz ich, wie Sie eben geraten haben, morgens um acht am Schreibtisch und bin auch gut angezogen, hab auch schon gefrühstückt und arbeite so vor mich hin. Acht Stunden. Dann ist es doch auch hilfreich, wenn man klare Ziele hat und Punkte, die man an dem Tag erreichen muss. Oder ist das falsch gedacht?

00:09:10: Jan Digutsch: Nee, da kann ich nur zustimmen. Gerade jetzt, wo der Kontakt mit den Kollegen oder Führungskräften wegfällt, ist es gerade wichtig, jetzt weiterhin in Kontakt zu bleiben. Also, wir machen das beispielsweise sehr oft über Skype oder sonstige Software, über die man über das Internet miteinander telefonieren kann oder vielleicht auch über Videotelefonie seinen Bildschirm teilen kann. Und so ist es für uns jetzt in unserer Situation relativ einfach, transparent zu halten: Wer hat welche Aufgaben, wer hat welche Ziele und können die auch in der entsprechenden Zeit erreicht werden? Das kann je nach Arbeit und je nach Tätigkeiten, je nach Organisation natürlich unterschiedlich sein. Einfacher umzusetzen, schwieriger umzusetzen. Allerdings kann es jetzt auch, wie Sie gerade sagten, auch den Arbeitnehmern helfen, eben auch klare Ziele formuliert zu bekommen mit klaren Deadlines, die dann zu einem gewissen Zeitraum - ich sag jetzt mal - täglich, wöchentlich oder alle zwei, drei Tage - dann auch kontrolliert werden, und mit kontrolliert meine ich jetzt, klingt jetzt relativ negativ, aber auch einfach als Hilfe für den Arbeitnehmer, jetzt klare Erwartungen formuliert zu bekommen.

00:10:04: Ursula Weidenfeld: Und wenn ich bisher immer um 12 Uhr mittags mit meinen Kollegen gegessen habe? Das kann ich jetzt nicht mehr. Würden Sie sagen, da muss man sich dann oder sollte man sich dann auch seinen Nudeltopf an den Schreibtisch holen und dann mit Skype gemeinsam mit den Kollegen essen?

00:10:20: Jan Digutsch: Das kommt natürlich auf die Person an. Ich persönlich denke, das ist eigentlich eine ziemlich gute Lösung. Es gibt derzeit natürlich die Möglichkeit, vielleicht auch mehr mit Familie so was zu machen. Natürlich dann über virtuelle Möglichkeiten, aber auch mit den Arbeitskollegen kann man solche Sachen machen, dass man sagt: Okay, wenn wir alle vorher um 12:30 Uhr gegessen haben und, ja, auch die gleichen Arbeitszeiten jetzt haben oder zur gleichen Zeit anfangen, macht es Sinn, vielleicht um 12:30 Uhr, 12 Uhr, wie Sie gerade sagten, gemeinsam vor den Rechner zu setzen und zu essen. Für den einen kann das komisch sein oder möchte das vielleicht lieber selber machen oder mit dem Partner, mit den Kindern, die vor Ort sind. Aber das ist prinzipiell natürlich eine gute Möglichkeit, um weiterhin soziale Kontakte aufrecht zu erhalten.

00:10:56: Ursula Weidenfeld: Ihr Institut hat vor einiger Zeit mal untersucht, wie sich der dienstliche Gebrauch des Smartphones nach Dienstschluss auf die Gesundheit auswirkt. Wie soll man das denn halten, wenn man jetzt nur noch mit dem Telefon mit dem Arbeitgeber verbunden ist? Wie klar ist es, dass man eben auch mal Feierabend macht, dass man zu Ende ist mit der Arbeit?

00:11:15: Jan Digutsch: Ja, da ist es auch relativ wichtig, von Anfang an klare Bedingungen zu formulieren, also von beiden Seiten aus. Es sollte jetzt natürlich nicht der Fall sein, dass jetzt um zehn Uhr abends beispielsweise E-Mails ankommen, Nachrichten, Anrufe, und man sich dann verpflichtet fühlt, zu arbeiten. Das ist natürlich abhängig von der Führungskraft, natürlich auch von dem Unternehmen, wie immer. Aber das sollte vorher klar definiert sein. Und dann sollte auch nicht die Erwartung sein bei Führungskräften beispielsweise oder von Kollegen, dass ab einer gewissen Uhrzeit die E-Mails zum Beispiel noch beantwortet werden.

00:11:44: Ursula Weidenfeld: Weil: Wenn man einen entgrenzten Arbeitstag hat, und darüber reden wir ja im Kern, eben über die Gefahr, dass Arbeitstage jetzt zerfransen in alle Richtungen, weil das Stress macht und Stress macht in dem Fall krank?

00:11:58: Jan Digutsch: Stress ist erst mal prinzipiell nichts Schlechtes. Notwendiger Mechanismus des Körpers. Die Sache ist immer die, dass wir gewisse Belastungen haben auf der Arbeit. Also irgendwas, was Stress auslöst, sei es jetzt Zeitdruck, die Komplexität der Aufgaben oder was neu dazukommt, dass eben diese Vereinbarkeit von Beruf und Familie, also dass Kinder vielleicht da sind, obwohl ich konzentriert arbeiten muss. Im Allgemeinen führt das zu negativer Gesundheits- ....

00:12:21: Ursula Weidenfeld: Negative Gesundheit ist Krankheit?

00:12:22: Jan Digutsch: Beispielsweise. Also, es kann kurzfristige Erscheinungen haben, so was wie "Ich hab Kopfschmerzen, Rückenschmerzen". Ich kann aber auch einfach erschöpft sein und mit keinem mehr reden wollen. Wenn das natürlich langfristig anhält, gibt es langfristige Folgen davon. Da haben wir solche Themen wie Burn-Out, was ich jetzt einfach mal in den Raum werfe. Aber da gibt es auch noch andere Gesundheitsbeeinträchtigungen. Wichtig ist auf jeden Fall zu gucken, wenn man feststellt, dass auf täglicher Ebene, also abends nach dem Feierabend Beeinträchtigungen der Gesundheit, sei es, dass man sich schlapp fühlt oder schlecht gelaunt ist, dass man dann gewisse Ressourcen aufbauen sollte, also sprich Schutzfaktoren. Die können entweder persönlich sein, beispielsweise Schlafqualität. Es könnte ja sein, dass ich eine Beziehung habe zum Partner und die mir eine gewisse Kraft gibt oder mich mit Freunden treffe. Soziale Sachen. Oder es könnte von der Arbeit kommen, dass der Arbeitgeber dafür sorgt, so einen gewissen Kontext zu schaffen, die eben diese Belastungsauswirkungen abschwächen.

00:13:15: Ursula Weidenfeld: Was macht ein Arbeitgeber da klugerweise?

00:13:18: Jan Digutsch: Das gibt es viele Sachen. Es gibt das Verhalten der Führungskraft, was wir gerade angesprochen haben. Da gibt es natürlich die Frage: Inwieweit vertraue ich meinen Mitarbeitern oder wie kontrolliere ich sie oder unterstütze sie natürlich auch aktiv. Dann gibt es solche Sachen, wie generelle Kontrolle über die Arbeit. Dass ich jetzt nicht nur als Führungskraft, sondern dass es vom Unternehmen per se die Möglichkeit gibt, die Arbeiten zu erledigen, wann man möchte, natürlich einen gewissen Spielraum, aber auch die Art und Weise, wie man sie erledigen möchte. Genau, da gibt es noch solche Sachen, die wir auch gerade besprochen haben. Nicht zu erwarten, dass vielleicht ab 6 Uhr, wenn das jetzt Feierabend ist, dann die Mitarbeiter noch auf Arbeitssitzungen, E-Mails oder Anrufe antworten müssen.

00:13:55: Ursula Weidenfeld: Wenn man jetzt mal ein Strich drunter macht und sagt: Das sind jetzt zwei Wochen oder drei, die Menschen im Homeoffice freiwillig oder unfreiwillig arbeiten. Was würden Sie vermuten? Am Ende dieser drei, vier Wochen, sind die Leute dann dankbar, wenn sie wieder zurück ins Büro dürfen? Oder sind sie tendenziell eher geneigt zu sagen: Mensch, das war eine Erfahrung, die möchte ich gerne in meinen Arbeitsalltag integrieren?

00:14:17: Jan Digutsch: Ich denke, hier gibt es eine große Möglichkeit und eine große Chance, so möchte ich formulieren. Gerade jetzt sind wir in so einer Zwangssituation, wo viele Unternehmen sich innerhalb von wenigen Tagen umschalten mussten, Schnittstellen mit der Software vielleicht entwickeln mussten, das ist auf kurzfristige Sicht jetzt die nächsten Wochen vielleicht etwas anstrengend für alle Seiten, gerade auch für die Arbeitnehmer, die dann auf einmal Kinder zu Hause haben und so weiter, das haben wir gerade besprochen. Langfristig gesehen ist es natürlich schön zu sehen, dass die Möglichkeiten des Homeoffices bestehen. Also aus technischer Sicht. Dann besteht eigentlich nur noch die Frage: Möchte ich es oder möchte ich es nicht? Vorher bestand aber vielleicht die Frage: Ist es überhaupt möglich? Macht es aus finanzieller Sicht Sinn, gerade für mittelständische Unternehmen, die Frage: Ja, jetzt wollen hier zwei Mitarbeiter Homeoffice machen, ist ja auch eigentlich nicht schlecht, habe ich nichts gegen. Aber wenn man dann die Kosten dagegenstellt, die vielleicht die Software-Schnittstellen kosten, oder den Laptop, den ich dann anschaffen muss, vielleicht ein Extra-Smartphone noch, dann war das immer so eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Und jetzt hoffentlich in der Zukunft ist erst einmal, ich sag mal, die technische Schwelle nicht mehr da. Und wir haben auf der anderen Seite aber auch vielleicht ein Verständnis dafür, dass das Homeoffice vielleicht doch nicht so schlimm ist, wie es manche, ich sag mal, konservative Führungskräfte vorher vielleicht dachten. Die Vorurteile, die Mitarbeiter, wenn die zu Hause sind, die gehen auch erst um zehn Uhr an den Rechner und arbeiten dann vielleicht vier Stunden, ist vielleicht dann doch nicht immer der Fall. Also dass die Leistung unterm Strich dann eigentlich gleich bleibt.

00:15:37: Ursula Weidenfeld: Also, Sie würden sagen, Homeoffice kann genauso produktiv sein wie ein Arbeitsplatz im Büro. Und das kann auch dauerhaft so sein?

00:15:44: Jan Digutsch: Genau, es gab eine Studie, die vor ein paar Jahren das schon eben verglichen hat: Mitarbeiter im Homeoffice, Mitarbeiter normal im Büro. Und da wurde auch gezeigt, dass die Leistung eigentlich die gleiche ist und in manchen Motivationsindikatoren sogar gefördert waren im Homeoffice. Wahrscheinlich bedingt durch die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das ist aktuell durch Corona bedingt natürlich ein bisschen verschwommen. Und das kann man damit nicht direkt vergleichen. Wenn wir jetzt von normalen Bedingungen reden allerdings, bin ich davon überzeugt, dass im Allgemeinen, also im Durchschnitt Homeoffice durchaus gleichwertige Arbeit erzielen kann.

00:16:12: Ursula Weidenfeld: Herr Digutsch, vielen Dank.

00:16:12: Jan Digutsch: Sehr gerne.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

Ein Abonnement von "Tonspur Wissen" bei Apple Podcasts, Spotify, Google Podcasts oder in Podcast-Apps ist kostenlos. Sie bekommen dann immer die neueste Folge.

von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

Abonnieren

Follow us