Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Hier im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu, jeden Tag eine andere Wissenschaftlerin, aus einem anderen Fachbereich, zu einem anderen Thema. Heute geht es um die Frage, was Medien in der Corona-Krise richtig und was sie falsch machen. Zu Gast ist Professor Sonja Utz. Sie ist Leiterin der Nachwuchsgruppe Soziale Medien am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen. Frau Utz, welche Rolle spielen die Sozialen Medien in der Corona-Krise?

00:00:34: Sonja Utz: Die Sozialen Medien spielen eine sehr wichtige Rolle in der Corona-Krise. Also, zum einen, weil sie wie bislang auch helfen, soziale Beziehungen zu pflegen. Aber das wird ja im Moment noch mal wichtiger oder geht fast nur noch über Medien, seitdem die meisten Leute zu Hause sitzen. Und zum anderen, weil die Corona-Krise ja eine Stresssituation darstellt und Soziale Medien verschiedene Möglichkeiten der Stressbewältigung bieten. Also, da wird da in der Forschung von eher problemorientierten Methoden - wie sich Informationen suchen - gesprochen, eher emotionsbasierte Stressbewältigungsmethoden, wie dass man soziale Unterstützung sucht, oder auch, dass man sich einfach mal ablenkt. Und all das können wir mit Sozialen Medien machen.

00:01:13: Ursula Weidenfeld: Und das hilft auch dann, wenn die Sozialen Medien selber voll mit Corona sind und diese ganzen anderen Aspekte, die man üblicherweise da findet, im Moment eher keine große Rolle spielen?

00:01:25: Sonja Utz: Ja, das hilft auch dann, weil man sieht ja auch, dass es anderen Leuten genauso geht, zum Beispiel. Also, viele teilen ja gerade Bilder vom Homeoffice. Aber man kriegt auch wichtige Informationen, und zwar nicht unbedingt, also nicht nur zu Corona, sondern auch, wie man Videokonferenzen für die Arbeit abhält. Oder wenn man daheim mit den Kindern sitzt, dann gibt es ja Tipps von entweder Eltern oder Pädagogen, wie man die dann am besten den ganzen Tag beschäftigen könnte. Also, all solche Informationen sind ja durchaus hilfreich in der Krise.

00:01:52: Ursula Weidenfeld: Und welche Rolle spielen die klassischen Medien, also der professionelle Journalismus?

00:01:57: Sonja Utz: Der spielt auch eine wichtige Rolle. Aber da liegt der Fokus vor allem auf der Information. Die klassischen Medien geben ja Informationen zu den Fallzahlen, den Maßnahmen der Regierung, wie man sich verhalten sollte, und so weiter.

00:02:09: Ursula Weidenfeld: Ist das gut oder ist es schlecht, dass es so eine Art Aufgabenteilung zwischen Sozialen Medien und klassischen Medien gibt, also die einen für die emotionale Unterstützung und den alltagspraktischen Hinweisen und das andere eher, um sich zu informieren, um up to date zu sein, wie weit die Pandemie fortschreitet?

00:02:27: Sonja Utz: Also, es ist auf jeden Fall gut, dass es unabhängige Medien gibt, dass wir Journalisten haben, die eben vertrauenswürdige Berichte schreiben und die eben auch die Zeit haben, zum Beispiel für längere Hintergrundrecherchen. Das haben wir auf den Sozialen Medien oft nicht so. Ich würde allerdings nicht so strikt zwischen diesen zwei Welten trennen, weil es ja auch so ist, dass all die großen Printmedien, die Fernsehsender, die haben ja auch alle Profile auf Sozialen Medien, und viel von dem Content, den Sie sehen, in Ihrem Social-Media-Stream, ist ja eigentlich nur klassische Printmedien- oder Fernsehberichte, die da eben auch geteilt werden. Und auf der anderen Seite ist es ja auch so, dass die klassischen Medien auch aufgreifen, was auf den Sozialen Medien passiert. Also, eine ganz scharfe Grenze ist es sowieso nicht.

00:03:08: Ursula Weidenfeld: Im Moment hört man aber, was die Sozialen Medien betrifft, vor allem von Gerüchten, die da verbreitet werden. Also Fake News. Die Frage: Kommt das Virus wirklich aus China? Oder hat es Bill Gates erfunden? Irgendwelche Kuren, die man anwenden kann, damit man es nicht bekommt. Ist das nur eine besondere Wahrnehmung, oder werden in der Krise tatsächlich mehr Gerüchte verbreitet als sonst?

00:03:29: Sonja Utz: Sehen Sie das in Ihrem eigenen Social-Media-Feed oder hören Sie eher, dass es so ist?

00:03:33: Ursula Weidenfeld: Man hört es eher so, dass es so ist.

00:03:35: Sonja Utz: Ja. Ich glaube nämlich auch, dass es eher so ist, dass man das hört. Also, es ist durchaus so, dass es Fake News gibt, was Sie genannt haben. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Es ist aber auch so, dass man das Problem eher in Whatsapp-Gruppen hat als auf Sozialen Medien wie Facebook. Was auch daran liegt, dass man auf den Whatsapp-Gruppen weniger Kontrolle hat. Also, Facebook gibt sich im Moment sehr große Mühe, um das einzuschränken. Also, wenn man sich einloggt, bekommt man so eine Informationsbox, die nennen einem für jedes Land spezifisch verschiedene vertrauenswürdige Quellen, von denen man sich Informationen holen sollte und so weiter. Also, das ist das eine. Wir haben die Fake News zwar, aber da wird versucht, sie zu korrigieren. Und das andere ist, dass ich glaube, dass viele Leute in ihrem Social-Media-Feed zum einen auch die richtigen Informationen haben. Also, ich denke zum Beispiel an diese "Flattening the Curve". Da gab es ja verschiedene Simulationen.

00:04:27: Ursula Weidenfeld: Das heißt, dass man die Infektionskurve abflachen muss, damit die Krankenhaus-Kapazitäten nicht überlastet werden.

00:04:30: Sonja Utz: Ja, und das hatte ich auf Twitter, auf Facebook. Das habe ich von verschiedenen Menschen wiederholt geteilt bekommen. Also, so was ist ja auch sehr dominant.

00:04:37: Ursula Weidenfeld: Aber da fragt man sich ja doch immer: Nehmen Sie das so wahr, weil Sie sozusagen in der richtigen Community unterwegs sind in den Sozialen Medien? Oder ist es tatsächlich breit so, dass es alle trifft? Also, gibt es heute diese Filterblasen, von denen man ja immer spricht, dass man eben immer das widergespiegelt bekommt, was man selber ohnehin denkt oder wie man selber ohnehin unterwegs ist. Dass das jetzt in Ihrem Fall dann dazu führt, dass Sie eher die guten Nachrichten oder die richtigen Nachrichten bekommen? Oder gilt es für alle, also auch für diejenigen, die normalerweise vielleicht eher in einer Gesellschaft unterwegs sind, die anfälliger ist für Gerüchte?

00:05:15: Sonja Utz: Ja. Da sprechen Sie einen sehr guten Punkt an. Also, das ist natürlich schon ein wichtiger Punkt auf Sozialen Medien, dass man ja zum großen Teil selber in der Hand hat, was man bekommt. Also, es gibt natürlich schon einmal Algorithmen, die so ein bisschen ranken, was man jetzt vermutlich besonders interessant findet. Aber ich entscheide ja, mit wem ich mich auf Facebook befreunde oder wem ich auf Twitter folge. Und wenn ich da eher vertrauenswürdigen, seriösen Quellen folge, dann bekomme ich auch natürlich eher vernünftige Informationen. Wenn ich jetzt eher Impfgegner bin und mich schon davor mit eher solchen Leuten umgeben habe, dann werde ich vermutlich jetzt auch viel mehr von diesen Fake News sehen.

00:05:49: Ursula Weidenfeld: Sie haben Facebook angesprochen, dass auch die anderen großen Anbieter in den Sozialen Medien, die anderen großen Intermediäre, nennt man das, dass die klar filtern und versuchen, Falschinformationen, Gerüchte auszusteuern.

00:06:03: Sonja Utz: Also, sie versuchen es jetzt auf jeden Fall deutlich mehr. Ich habe vorhin gesehen, dass YouTube auch einen Link hat mit vertrauenswürdigen Quellen. Ich könnte es jetzt nicht für ganz alle Medien sagen, aber es gibt da auf jeden Fall mehr Bestrebungen.

00:06:13: Ursula Weidenfeld: Sie würden insgesamt sagen, dass Soziale Medien in dieser Krise eine positive Rolle spielen?

00:06:19: Sonja Utz: Ja, das würde ich auf ganz jeden Fall sagen. Das gibt schon ein bisschen diese Fake News, aber was es schon auch gibt, und ich glaube, das ist nicht nur meine verzerrte Wahrnehmung, in den verschiedenen Städten, Gemeinden gibt es ja auch zurzeit viele Initiativen, wie Leute sich gegenseitig unterstützen, also entweder Nachbarn für jemanden einkaufen gehen, der eine Risikoperson ist, oder dass man versucht, die lokalen Unternehmen zu stärken, indem man bei denen bestellt und nicht eben bei Amazon oder so was. Also, so was wird ja auch sehr viel geteilt. Das ist ein Punkt. Dann wird es zum Teil direkt für die Krisenkommunikation genutzt, also nicht nur unbedingt auf Regierungsebene, aber zum Beispiel unser lokaler Bürgermeister nutzt Facebook und Instagram eigentlich ganz hervorragend, um gerade noch mal die jüngere Zielgruppe zu erreichen.

00:07:02: Ursula Weidenfeld: Muss sagen, dass Ihr lokaler Bürgermeister in Tübingen Boris Palmer ist, der...

00:07:07: Sonja Utz: Nee, nee, nee. Ich wohne in Nürtingen. Also, ich rede nicht über Boris Palmer.

00:07:12: Ursula Weidenfeld: Okay.

00:07:12: Sonja Utz: Aber Boris Palmer ist auch sehr aktiv auf Sozialen Medien, das stimmt. Genau. Also, dafür kann es genutzt werden. Was wir auch sehen, ist zum Beispiel auch auf Instagram, das, so ein Gefühl von Solidarität. Wir haben ja so Hashtags wie #Wirbleibenzuhause, verschiedener Challenges, dass Leute irgendwelche Fitness-Videos teilen oder versuchen, gemeinsam solche Sachen zu machen, oder teilen, wie man sich dann beschäftigen kann, wenn man den ganzen Tag daheim bleibt. Solche Sachen sind ja auch noch mal sehr wichtig in dieser Krise.

00:07:39: Ursula Weidenfeld: Hat das Netz kreativere Ideen und mehr Humor als reguläre Medien, seriöser Journalismus, als Fernsehen und Rundfunk?

00:07:48: Sonja Utz: Man findet auf jeden Fall sehr viel kreative Ideen und sehr viel Humor da drauf. Das würde ich sagen. Ob die jetzt tatsächlich mehr Ideen haben oder ob das daran liegt, dass das ja die Plattform ist, wo es auch völlig okay ist, so was zu äußern, und die seriösen Journalisten nun mal seriös schreiben sollen, kann ich nicht sagen. Aber es ist unglaublich, wie schnell die Leute immer auf alle möglichen Ereignisse mit neu kreierten Internet-Memes und so weiter reagieren.

00:08:11: Ursula Weidenfeld: Soziale Medien werden üblicherweise - jedenfalls wenn es um Heranwachsende, um Jugendliche und junge Erwachsene geht - eher kritisch beurteilt. Da sagt man, die sind irgendwie viel zu viel im Netz, viel zu lang. Die vernachlässigen ihre analogen sozialen Kontakte. Ändert sich das in Zeiten von Social Distancing, also von der gewählten Quarantäne, der Einsamkeit, des Nicht-miteinander-durch-die-Gegend-Ziehens?

00:08:38: Sonja Utz: Ja, also, ich würde schon mal der ersten Aussage bisschen widersprechen, weil das nicht dem aktuellen Forschungsstand entspricht. Also, viele größere, längsschnittliche Studien zeigen, dass es eigentlich oft gar keine oder vernachlässigbar kleine Effekte der Social-Media-Nutzung gibt.

00:08:53: Ursula Weidenfeld: Ganz kurz, um das noch mal zu klären. Vernachlässigbare Effekte würde heißen: Jugendliche, junge Erwachsene, die viel im Netz sind, die jetzt sehr viel im Netz sind und die jetzt ihre sozialen Kontakte über Social Media nutzen und pflegen, das sind nicht junge Erwachsene und Heranwachsende, die sich da verlieren und ihre tatsächlichen analogen alltagsweltlichen Kontakte vernachlässigen?

00:09:20: Sonja Utz: Nein, würde ich nicht sagen. Und interessanterweise, diese Frage ist ja eigentlich schon so alt wie das Internet. Ich habe angefangen, mich in den 90er-Jahren mit Internet-Forschung zu beschäftigen, und damals machte diese Angst, dass die Leute nur noch in ihren Zimmern sitzen und mit Leuten virtuell nur kommunizieren, macht ja eigentlich noch viel mehr Sinn, weil da haben viel weniger Leute das Internet benutzt, und man hat sich tatsächlich mit irgendwelchen Amerikanern ausgetauscht, die weit weg waren. Aber wenn wir jetzt heute die Social Media anschauen, die Leute posten ja auch was. Und was posten sie denn üblicherweise, wenn jetzt nicht gerade Corona ist, dann posten sie Bilder, wie sie im Urlaub sind, wie sie mit ihren Freunden Partys feiern...

00:09:56: Ursula Weidenfeld: ...was sie essen...

00:09:58: Sonja Utz: Es ist ja nicht so, dass das nur eine Online-Welt ist. Sondern diese Grenze zwischen online und offline verschwimmt für die ja oft völlig, also, auch wenn die irgendwo sind, dann haben sie das Handy dauernd in der Hand und reden wieder mit anderen Leuten. Aber es geht eben in beide Richtungen. Also, meine Online-Freunde sind ja auch meine wirklichen Freunde.

00:10:15: Ursula Weidenfeld: Als Psychologin, würden Sie sagen, dass, wenn jetzt junge Erwachsene, Jugendliche viel stärker, noch stärker im Netz sind als sonst, als üblich, ist es eher ein gutes Zeichen?

00:10:27: Sonja Utz: Ich denke, in dem Fall jetzt ist es schon gut, weil man muss ja irgendwas machen. Es hängt natürlich immer davon ab, was sie machen. Aber dadurch, dass man ja jetzt sonst keinen anderen Kontakt mit seinen Freunden haben kann, macht das durchaus Sinn, weil sonst fällt einem ja wirklich die Decke auf den Kopf. Also entweder geht es ja um die Kontaktpflege oder auch wenn das alles zu viel wird mit den eher pessimistischen Nachrichten, dass man sich halt einfach mal eine Weile lang irgendwelche lustigen YouTube-Videos anschaut oder irgendwelche Witze macht und teilt, das hat ja durchaus eine wichtige Funktion.

00:10:57: Ursula Weidenfeld: Würden Sie auch sagen, wenn man sich jetzt einsam fühlt und alleine ist, dass man da bei Facebook, Instagram, Whatsapp Trost findet?

00:11:05: Sonja Utz: Da kann man auf jeden Fall Trost finden. Also, ich würde jetzt bei so was denken, dass Whatsapp eher noch mal Sinn macht. Also, man weiß schon, dass in privaten Kommunikationskanälen, wo eben nicht jeder mitliest, dann auch eher intimere Kommunikation stattfindet. Das heißt, wenn ich jetzt wirklich unter der Situation leide und mich sehr einsam fühle, dann bringt es wahrscheinlich mehr, wenn ich mich mit einem guten Freund eine halbe Stunde lang unterhalte, als wenn ich jetzt auf Facebook was teile. Aber es gibt durchaus Studien dazu, dass, wenn Leute auf Facebook um Rat fragen, weil sie eben ein Problem haben, das wir dann auch online mehr soziale Unterstützung erfahren.

00:11:44: Ursula Weidenfeld: Und da würde man jetzt tatsächlich unterscheiden zwischen eher öffentlichen Sozialen Medien wie Facebook und Instagram, wo man in der Regel die Dinge, die man teilt, öffentlich teilt, und Whatsapp, einem Sozialen Medium, in dem man eher privat mit seinen Freunden, mit befreundeten Gruppen kommuniziert.

00:12:02: Sonja Utz: Genau, zum Einen kann man die Medien unterscheiden, aber auch innerhalb von Facebook. Also, wir haben da auch Studien gemacht. Also, ich kann ja meinen Status an alle schicken. Ich kann die nur an eine Subgruppe schicken, und ich kann ja auch innerhalb von Facebook private Nachrichten schreiben. Und auch da findet man, dass eben innerhalb von Facebook in den privaten Nachrichten die intimere Kommunikation und die nicht ganz so positive Kommunikation stattfindet. Und in der öffentlichen haben wir halt diese starke Positivitätsnorm, dass man sich da immer als glücklich, erfolgreich und so weiter darstellt.

00:12:31: Ursula Weidenfeld: Das ist ja erstaunlicherweise auch tatsächlich so, das zeigen ja auch Ihre Studien, dass Menschen, die in Sozialen Medien anderen Menschen folgen, sich hinterher in der Regel schlechter fühlen, weil sie eben nicht so perfekt sind oder nicht so schön oder nicht so schlank. Ist das jetzt tatsächlich anders?

00:12:48: Sonja Utz: Also, ich habe jetzt natürlich keine neuen Studiendaten seit Corona. Generell ist es so, dass man schon diesen Effekt findet für Leute, die Soziale Medien überwiegend passiv nutzen. Das heißt, die eigentlich nur lesen, ohne selber was zu posten, dass die dann durch diese sozialen Vergleiche, weil man immer die tollen, nur schönen, erfolgreichen, anderen sieht, neidischer werden. Es gilt aber auch nicht für alle gleichermaßen. Man findet das vor allem auch für Leute, die sowieso generell eher neidisch sind. Für Leute mit einem niedrigeren Selbstwert. Oder auch Leute, die sich generell häufig mit anderen vergleichen. Wir haben zum Beispiel auch gefunden, dass die Leute eigentlich normal viel häufiger angeben, dass sie sich für die Person, die das positive Erlebnis teilt, mitfreuen, also vor allem, wenn es ein enger Freund ist. Wir haben aber ja schon bei dieser kleineren Gruppe diese Tendenz dadurch, dass wir diese Positivitätsnorm haben, dass sich alle so toll darstellen, dass das Neid auslösen kann. Und jetzt auch ohne Studienergebnisse zu haben, würde ich annehmen, dass wir im Moment ja weniger von diesen ganz, ganz positiven Bildern haben. Weil im Moment kann eigentlich niemand Urlaubsbilder posten. Man kann nicht schön auf einer Party mit Freunden feiern oder auch nur schön im Restaurant sitzen. Und natürlich gibt's vermutlich Influencerinnen, die sich immer noch jeden Tag aufstylen. Aber man sieht eigentlich ja auch gehäuft jetzt Leute, die halt in irgend einem T-Shirt im Homeoffice sitzen. Also von daher sollte die Menge der Neid auslösenden Posts geringer werden.

00:14:13: Ursula Weidenfeld: Sie haben eben gesagt, dass für junge Erwachsene die virtuelle und die analoge Welt, also ihr reales Leben und das virtuelle Leben ineinander verschränken und verschwimmen. Wir haben ja jetzt ganz viele Menschen, die beruflich auch in den Sozialen Medien unterwegs sind, die virtuelle Konferenzen abhalten, die eben versuchen, ihren beruflichen Alltag auch im Netz mit Sozialen Medien oder mit professionellen Sozialen Medien zu regeln. Sind diese virtuellen Konferenzen genauso gut wie die, die vor Ort stattfinden?

00:14:46: Sonja Utz: Ja, es ist ja auch nicht so, dass jedes Vor-Ort-Meeting immer super effektiv ist. Das hängt ein bisschen davon ab, wie groß das Meeting ist, wie lange ich die Leute kenne, wie gut die Technologie ist, aber im Wesentlichen kann das auch sehr gut funktionieren. Also, ich bin jetzt auch seit zehn Tagen im Homeoffice und das geht sehr gut. Ich war aber auch früher schon mal in einem europäischen Projekt mit Leuten, die man nicht kannte, in einem Skype-Call. Und das war immer ein Drama, weil nie alle pünktlich da waren, dauernd irgend jemand rausgefallen ist, irgend jemand nicht zu verstehen war. Wir haben da auch eine große Varianz.

00:15:18: Ursula Weidenfeld: Wenn Sie die Corona-Kommunikation von Wissenschaftlern generell beurteilen sollten und wollen, läuft das ganz gut im Moment, wenn man sich anschaut, wie viele Wissenschaftler präsent sind in den Sozialen Medien, in den klassischen Medien, in Live-Streams, ist das richtig, was da passiert?

00:15:36: Sonja Utz: Ja, ich finde das gerade als Wissenschaftlerin eigentlich sehr gut, wie das im Moment läuft. Ich finde, sie machen das auch alle sehr gut. Also, es verhilft der Wissenschaft ja quasi zu einer neuen Popularität. Und wir sind eigentlich in der Lage, die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien sehr gut allgemeinverständlich zu erklären, und gleichzeitig aber auch noch diese Unsicherheit, die damit verbunden ist, und dass sich nach drei neuen Studien das schon wieder ein bisschen ändern kann. Das rüberzubringen, das finde ich, machen die ganz hervorragend.

00:16:05: Ursula Weidenfeld: Funktioniert es tatsächlich gut? Oder hat ein normaler Konsument von Nachrichten, von Posts im Internet eher das Gefühl, da sagt A was anderes als B und B was anderes als C? Und die Wissenschaftler versuchen sich gegenseitig sozusagen die Öffentlichkeit zu stehlen, indem sie immer populärere, immer spektakulärere Meldungen produzieren.

00:16:29: Sonja Utz: Es gibt beides. Es gibt schon ein paar Leute, die dadurch verunsichert werden, dass eben die Befundlage doch ein bisschen schwierig ist. Ich habe aber neulich auch eine Studie gelesen, dass ein Großteil der Leute schon ganz gut, wenn diese Unsicherheit vernünftig kommuniziert wird, da auch ganz gut mit umgehen kann.

00:16:44: Ursula Weidenfeld: Und wenn Wissenschaftler, wie sie das ja jetzt tun, direkt mit dem Endverbraucher, mit dem Bürger in Kontakt treten und eben nicht mehr diese Zwischeninstanz von Journalisten, von Wissenschaftsjournalismus, von Pressestellen brauchen und benutzen, ist das gut oder funktioniert es eben auch mal nicht?

00:17:04: Sonja Utz: Also, ich kenne Studien und habe auch selber welche gemacht im Bereich von Marketingkommunikation oder organisationaler Krisenkommunikation, weil wir ja doch seit einigen Jahren auch das Phänomen haben, dass eben auch Marken oder Unternehmen über Soziale Medien direkt mit ihren Kunden und Kundinnen in Kontakt treten. Und da zeigt sich eigentlich schon, dass das positive Effekte hat, vor allem, wenn sie eher in so einem informellen Stil mit den Leuten sprechen oder dann eben auch auf Kommentare reagieren, sodass es nicht komplett einseitig ist, also würde ich jetzt ähnliche Effekte auch da erwarten.

00:17:34: Ursula Weidenfeld: Weil es dann wärmer ist? Weil es authentischer ist? Weil es empathischer ist?

00:17:39: Sonja Utz: Genau, das beschreibt es eigentlich ganz gut. Also, Authentizität spielt da wirklich eine sehr zentrale Rolle. Das haben wir auch in mehreren Studien gesehen.

00:17:46: Ursula Weidenfeld: Dass die Kanzlerin selbst zum Bürger spricht, dass der Virologe selbst zu besorgten Menschen spricht und nicht dazwischen jemand ist, der das einsortiert, einkastelt und kommentiert?

00:17:58: Sonja Utz: Ja, genau.

00:18:00: Ursula Weidenfeld: Und ist das etwas, was bleiben wird, wenn die Corona-Krise vorbei ist? Dass Wissenschaftler die neuen Kommunikationswege über ihre Arbeit weiter nutzen können und dass Menschen sich auch dafür interessieren?

00:18:14: Sonja Utz: Sie nutzen es jetzt ja zum Teil auch schon, oder man sieht das als Wissenschaftler, dass es immer wichtiger wird, dass man nicht nur nach Publikationen beurteilt wird, sondern schon auch für diesen Transfer in die Gesellschaft sorgen soll. Mit dem Interesse ist es so eine Frage. Diese Virologen sind natürlich jetzt unglaublich populär, weil jetzt jeder von Corona ja auch betroffen ist. Wenn dann das mal abgeflaut ist und die dann zu irgendeinem neuen Virus, den es vielleicht hier gar nicht gibt, forschen, da ist die Frage, ob die Leute sich dann immer noch so brennend dafür interessieren. Auf der anderen Seite geraten dann vielleicht andere Themen wieder mehr in den Vordergrund, also wenn man jetzt an die Klimaschutz-Debatte denken. Da gibt es ja durchaus auch sehr viele Wissenschaftler, die dazu Forschung machen.

00:18:54: Ursula Weidenfeld: Generell würden Sie schon eine neue Rolle des Wissenschaftlers oder eine neue auch Arbeitsbeschreibung des Wissenschaftlers jenseits der Forschung sehen? Also, mach nicht nur Forschung, bilde nicht nur Studenten aus, sondern rede gefälligst auch mit den Leuten, die dich umgeben und deine Arbeit finanzieren?

00:19:09: Sonja Utz: Genau, so ein Wandel sieht man in den letzten Jahren zunehmend.

00:19:12: Ursula Weidenfeld: Und das ist eine gute Entwicklung.

00:19:14: Sonja Utz: Ich denke schon. Ja. Weil es ist ja schon so, dass viele von diesen Projekten ja auch mit Steuergeldern finanziert werden und dann sollte das natürlich nicht in für Laien unzugängliche oder schwer verstehbarer wissenschaftliche Artikel münden, sondern die Gesellschaft sollte da auch was zurück kriegen.

00:19:29: Ursula Weidenfeld: Frau Utz, vielen Dank.

00:19:30: Sonja Utz: Ja, vielen Dank!

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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