Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Hier im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu, jeden Tag ein anderer Wissenschaftler, aus einem anderen Fachbereich, zu einem anderen Thema. Heute geht es um die Frage, wie viele Kranke unser Gesundheitssystem verkraften kann. Darüber rede ich mit Professor Boris Augurzky. Er leitet den Kompetenzbereich Gesundheit beim RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Herr Augurzky, Sie haben ausgerechnet, wie viele Corona-Patienten das deutsche Krankenhauswesen verkraften kann. Haben wir denn jetzt genug Betten, Intensivbetten und Beatmungsgeräte?

00:00:38: Boris Augurzky: Ich sag mal so: Wenn wir die Pandemie frei laufen lassen würden, also quasi keine großen Maßnahmen dagegen unternähmen, dann wird es definitiv nicht reichen. Hätten wir viel mehr Patienten in relativ kurzer Zeit, wir müssten - ich würde tippen - die meisten abweisen. Das wäre natürlich entsprechend furchtbar, und deshalb machen wir ja auch das Social Distancing. Deshalb bleiben wir zu Hause. Und wenn uns das ganz gut gelingt, dann reichen vermutlich unsere Kapazitäten gerade so aus.

00:01:05: Ursula Weidenfeld: Haben wir denn auch genug Ärztinnen und Pfleger?

00:01:08: Boris Augurzky: Knappheit ist eben Personal. Auch wenn Sie hier und da vielleicht in eine gewisse Produktion von Material gehen können - Sie können nicht einfach mal so, ich sag mal, Personal produzieren. Die sind da, die wir haben. Es gibt eine stille Reserve. Manche, die jetzt schon in Rente sind, die Teilzeit arbeiten, die vielleicht auch eine Auszeit genommen haben, die kann man fragen, ob sie helfen. Aber dann ist es auch Ende.

00:01:29: Ursula Weidenfeld: Wird es auch in ein paar Wochen noch so sein, wenn dann diejenigen, die heute infiziert sind, vielleicht einen schweren Krankheitsverlauf haben und dann doch ins Krankenhaus müssen?

00:01:39: Boris Augurzky: Tatsächlich, das sehen wir auch in Südkorea, gibt es so Nachläufer, und die Erkrankungen, auch die schweren, kommen mit einem gewissen Zeitverzug. Aber es ist jetzt nicht so, dass plötzlich nach Monaten das kommt. Wenn jetzt jemand infiziert ist, dann kann man auch damit rechnen, dass die nächsten Wochen, also drei, vier Wochen die Schwierigkeiten auftreten oder auch völlig vorbei sind. Insofern wird das jetzt nicht eine Ewigkeit in die Zukunft gehen. Die Herausforderung ist eher, dass wir eben, wenn wir vielleicht dieses Social Distancing etwas lockern, nicht wieder in eine Welle reinkommen und das Ganze von Neuem losgeht.

00:02:14: Ursula Weidenfeld: Wir haben jetzt die ersten Krankenhäuser und die ersten Pflegeheime, die ersten Altersheime, die selbst zur Quelle von Infektionen werden. Wie groß ist die Gefahr, dass diese Institutionen irgendwann, teilweise jedenfalls, ausfallen werden, weil sie selber das Virus verbreiten?

00:02:31: Boris Augurzky: Klar ist, dass auch das Personal selbst sich infizieren kann, und das passiert ja auch in manchen Ländern. Insofern werden wir dadurch dann auch entsprechende Kapazitäten vorübergehend nicht haben. Umgekehrt allerdings, wenn infiziertes Personal durch die Krankheit geht und danach geheilt ist - und die meisten sind ja auch geheilt danach - , dann sind die auch immun. Dann können die weiterarbeiten. Das ist ein Vorteil. Aber das Risiko ist fürs Personal auch da. Es sind ja auch eher von der Altersstruktur her dann jüngere Menschen, sodass das Risiko etwas niedriger ist, aber nicht null. Insofern werden wir dabei, zumindest wenn sie ausfallen, während der Krankheit auch auf gewisse Kapazitäten verzichten müssen.

00:03:15: Ursula Weidenfeld: Das heißt, wir haben ein paar Wochen vor uns, die aus doppelter Hinsicht hart werden. Die eine Seite der Härte ist, dass mehr Menschen erkranken und möglicherweise auch schwer erkranken. Und die andere Seite ist, dass die Kapazitäten möglicherweise in der Krise schrumpfen werden, weil das Personal selber infiziert ist und weil Krankenhäuser, Pflegeheime selber zu Virusverbreitern werden.

00:03:39: Boris Augurzky: Ja. Aber, und da müssen wir auch lernen aus anderen Ländern, zum Beispiel auch aus Italien, die ja am Anfang standen und auch wenig Erfahrung damit hatten: Zum Beispiel Verdachtsfälle sollten wir nicht im Krankenhaus testen, da müssen wir eigene Test-Stationen, auch mobile Test-Stationen etablieren, wo dann ganz gezielt Verdachtsfälle hingehen können und natürlich auch am besten nicht Schlange stehen und dort dann unter denen, die vielleicht nur Verdacht haben, aber nicht infiziert sind, dann das erst recht verbreiten. Also wir müssen das anders organisieren und die Krankenhäuser dann möglichst nur mit den Fällen sozusagen beauftragen, die auch infiziert sind und die schwer sind.

00:04:18: Ursula Weidenfeld: Das deutsche Gesundheitswesen hatte ja mehr Zeit als andere Länder, zum Beispiel als Italien, sich auf die Corona-Welle vorzubereiten. Trotzdem müssen jetzt Privatleute Atemmasken nähen, Autokonzerne sollen Beatmungsgeräte herstellen. Das ist aber doch erstaunlich. Es gibt ja Gesundheitsökonomen wie Sie, die seit Jahren nichts anderes tun, als Kapazitäten zu berechnen, als mögliche Pandemien vorauszusagen und zu überlegen, wie man damit umgeht. Da sollte man doch denken, es gibt irgendwo ein Keller, in dem genügend Atemschutzmasken liegen, oder Beatmungsgeräte, die da sind und die dann eingesetzt werden können.

00:05:21: Boris Augurzky: Genau, das wäre eigentlich das, was man erwarten müsste. Vor allem: Es gab ja auch schon 2003 in Asien Ausbrüche, die dann aber nur lokal blieben zum Glück. Aber das hatte die Folge, dass wir eben das nicht so wahrgenommen haben und dann auch kein Bewusstsein für solche Präventions- oder Vorhaltemaßnahmen entwickelt haben. In Asien haben sie das ja entsprechend entwickelt und sind deshalb auch ein bisschen besser damit im Umgehen.

00:05:46: Ursula Weidenfeld: Ist das der Grund, weshalb Südkorea oder Singapur oder Taiwan so viel besser ganz offensichtlich mit dem Management von Corona zurechtkommen als die westlichen Industriegesellschaften?

00:05:58: Boris Augurzky: Das ist ein Grund, weil man Erfahrung hat, und zwar nicht Erfahrungen von vor hundert Jahren, sondern von vor 20 Jahren und 10, sodass man das auch im Bewusstsein stärker hat. Hinzu kommt vielleicht auch ein bisschen mehr eine Diszipliniertheit zu sagen: "Der Staat sagt das, jetzt muss ich's tun." Ja, das kann in dem Fall ein Vorteil sein. Aber ich sehe auch, in Deutschland machen sehr viele mit. Das ist ja auch nicht unbedingt so viel schlechter. Man hat dann auch entsprechend gewisse elektronische Tools schon eher vorhanden gehabt. Man hat wahrscheinlich auch eher diese Schutzkleidung in Vorrat gehabt, sodass man generell besser vorbereitet ist. Und vor allem, und das darf man nicht vergessen, dass man halt auch, wenn nur ein kleiner Aufflackern des Virus ist, dass man sofort reagiert, ich mein', China war auch zu spät, aber wenn man Südkorea, um dann das sofort einzudämmen.

00:06:50: Ursula Weidenfeld: Sie schlagen ja vor, dass man in Deutschland das Corona-Regime ändern soll. Man soll viel, viel mehr Tests machen. Also Reihen-Tests für alle Bundesbürger nach Möglichkeit, die Bürger sollen auf ihre informationelle Selbstbestimmung verzichten und sich mit ihren Handydaten tracken lassen. Warum muss denn Ihrer Ansicht nach ein solcher Eingriff in die Freiheitsrechte sein, der noch viel dramatischer ist als das, was wir mit Ausgangssperren und Bewegungsbeschränkungen haben?

00:07:17: Boris Augurzky: Na ja, ich sag mal andersherum formuliert: Damit wir die aktuellen Maßnahmen, also diese Art Quarantäne, lockern können, brauchen wir alternative Maßnahmen. Und es geht jetzt darum, das nicht sozusagen zu verschärfen, sondern um es lockern zu können, brauche ich dann diese mehr Testing und Tracking. Denn es letztendlich darum: Je länger wir in diesem Lockdown bleiben, in dem wir uns im Moment befinden, desto mehr werden wir halt darauf zulaufen, dass die Wirtschaft zusammenbricht. Dann haben wir natürlich ein ganz anderes Problem: Massenarbeitslosigkeit, große Vermögensverluste und auch Einnahmeverlust. Auch der Staat wird ja dann kaum noch Steuereinnahmen haben, und dann kann er auch keine Rettungsprogramme finanzieren. Also, insofern: Wir müssen irgendwie raus aus dieser aktuellen Quarantäne für alle. Ziel wäre, dass die nicht Infizierten rauskönnen, auch ihrer Arbeit nachgehen können, während die Infizierten und die Verdachtsfälle vor allem zumindest vorübergehend isoliert werden müssen. Dazu müssen wir allerdings wissen: Wer ist das? Also brauchen wir breit gefächert in der Fläche Tests. Das ist eine große Herausforderung.

00:08:22: Ursula Weidenfeld: Könnte man diese Testkapazitäten - die ja davon abhängen, dass man genügend Teströhrchen hat, dass man genügend Stellen hat, wo man die Tests machen kann, dass man genug Personal hat, das sich mit diesen Tests auskennt, genügend Labore und auch da genügend Personal in den Labors, genügend Reagenzien, um diese Tests auswerten zu können - haben wir da überall entweder jetzt schon genug Kapazität oder können wir die ohne Probleme aufbauen?

00:08:48: Boris Augurzky: Mein Eindruck ist, dass wir jetzt noch nicht genügend Kapazitäten haben, allerdings, dass wir da auf jeden Fall aufbauen müssen und das auch in meiner Wahrnehmung durchaus geschieht. Da gibt es auch verschiedene, ganz unterschiedliche Firmen, die da Ideen entwickeln und die Sache dann in die Masse bringen wollen. Inwieweit das uns dann gelingt, kann ich zum heutigen Tag noch nicht sagen.

00:09:11: Ursula Weidenfeld: Sie argumentieren ja, dass Länder wie Südkorea oder Singapur sehr erfolgreich waren, weil sie erstens eine Tradition haben, dass man, wenn man infiziert ist, Atemmasken trägt, weil sie mit Handytracking, also der Aufgabe der informationellen Selbstbestimmung, weniger Probleme haben, als das westliche Gesellschaften haben, und weil man sehr breit und sehr früh getestet hat. Sind Sie denn sicher, dass es genau diese drei Faktoren waren, die in den Ländern dafür gesorgt haben, dass man schneller damit oder besser damit fertig geworden ist?

00:09:41: Boris Augurzky: Würde man andersherum fragen: Woher wissen wir, dass es nicht so war? Im Moment ist es tatsächlich so: Wir haben bei diesem neuen Virus nur eine geringe empirische, empirisches Fundament. Wir lernen gerade jeden Tag dazu. Neue Daten kommen rein, die sind mal gut, mal schlechter. Dass wir im Moment auf Basis von Indizien handeln müssen, große Unsicherheit besteht. Ich sag aus dem Vorsichtsprinzip heraus, dass wir diese Indizien ernst nehmen sollten. Auch zum Beispiel Mortalitätsraten sind vermutlich höher als wir dachten.

00:10:13: Ursula Weidenfeld: Also, dass mehr Leute an der Krankheit sterben, als man bisher angenommen hat.

00:10:17: Boris Augurzky: Genau. Genau. Weil auch in Südkorea jetzt noch welche sterben, obwohl kaum noch Infizierte kommen. Und dann ändert sich die Datengrundlage. Also, was ich damit sagen will: Die Indizien sprechen dafür, dass diese Maßnahmen helfen können. Ich würde sie probieren, einfach weil auch ich keine guten Alternativen sehe.

00:10:36: Ursula Weidenfeld: Bisher gibt es aber keine parlamentarischen Mehrheiten, um das mal so konservativ auszudrücken. Das heißt, die Parlamentarier, die ja eigentlich über die Einschränkung solcher Freiheitsrechte beschließen sollten, sind sich nicht einig. Muss dann die Regierung einfach durchgreifen und sagen: "Wir machen das jetzt so, und wenn es verfassungswidrig ist, dann lassen wir uns das später verbieten“?

00:10:57: Boris Augurzky: Also, ich glaube zunächst, dass man wahrscheinlich so eine App auch hinbekommt, ohne dass man den Zwang ausübt, dass man sie auf Basis Freiwilligkeit einsetzt. Und Umfragen zeigen auch: 85 Prozent der Menschen würden da auch mitmachen. Und Sie können im Zweifel sogar soweit gehen, dass Sie sagen: Wer mitmacht, der darf dann auch größere Menschenmassen aufsuchen. Und wer halt nicht mitmacht, muss aus Vorsichtsgründen dann lieber zu Hause bleiben.

00:11:22: Ursula Weidenfeld: Das heißt, wenn ich eine Karte für die Bundesliga kaufen will, muss ich dieses Handy-App nachweisen, und sonst darf ich nicht ins Stadion.

00:11:28: Boris Augurzky: Das wäre zum Beispiel eine Option, die man in Erwägung ziehen könnte. Aber es geht ja tatsächlich auch hier nicht nur um mich selbst, sondern um die Solidarität mit den anderen. Das ist nun mal eine Infektion, und ich selber kann auch andere damit schädigen. Deshalb muss ich aus meiner Sicht auch hier etwas Rücksicht nehmen.

00:11:48: Ursula Weidenfeld: Sie haben ja das Gesundheitssystem in der Vergangenheit, in den vergangenen Jahren deutlich und immer wieder durchleuchtet. Ist die Klage richtig, dass das deutsche Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren so zusammengespart worden ist, dass es heute nicht mehr jeden versorgen kann?

00:12:04: Boris Augurzky: Also, ich würde sagen: Nein. Schauen Sie, zum Beispiel der internationale Vergleich, den erleben wir im Moment gerade sehr praktisch, auch im Fernsehen, zeigt ja, dass Deutschland zumindest relativ zu anderen Ländern gut aufgestellt ist.

00:12:16: Ursula Weidenfeld: Wir haben mehr Intensivbetten als die meisten vergleichbaren Länder.

00:12:20: Boris Augurzky: Intensivbetten, zum Beispiel. Aber die Ausgaben für das Gesundheitswesen in den vergangenen 20 Jahren sind mit rund drei Prozent pro Jahr gewachsen und damit stärker als das Bruttoinlandsprodukt. Also wir geben immer mehr für Gesundheit aus. Das ist jetzt nicht Zusammensparen. Aber worauf man natürlich auch kommt und was man auch beobachtet, ist, dass das Personal in den Krankenhäusern und in den Arztpraxen immer mehr Patienten versorgt. Da haben wir durchaus eine gewisse Überlastung, und daraus kommt auch der Eindruck, wir würden das zusammensparen. Fakt ist aber: Wir haben immer mehr Patienten.

00:12:53: Ursula Weidenfeld: Das würde unterm Strich heißen: Wir haben zu viel geröntgt, wir haben zu viel MRTs gemacht, wir haben zu viel künstliche Hüften eingesetzt. Aber wir haben nicht darauf geachtet, dass die Leute, die im Gesundheitssystem arbeiten, ordentlich bezahlt werden?

00:13:07: Boris Augurzky: Die Bezahlung bei Ärzten ist relativ stark gestiegen. Die sind recht gut bezahlt. Bei Pflegekräften steigt das in den letzten Jahren auch an. Da haben wir auch größere Gehaltssprünge jetzt erlebt aufgrund der Knappheit einfach, die sind ja auch knapp geworden. Insofern: Bei der Bezahlung ist es eigentlich gar nicht so schlecht. Der Punkt ist die Belastung. Die Attraktivität des Berufes jetzt außerhalb des Gehalts hat gelitten.

00:13:31: Ursula Weidenfeld: Weil die Leute sich um mehr Patienten kümmern.

00:13:33: Boris Augurzky: Zum Beispiel um mehr Patienten. Aber auch immer mehr Bürokratievorschriften, die das Ganze unattraktiv machen. Immer weniger Handlungsoptionen für die Leute, die da arbeiten. Da findet man auch zum Teil den Spaß. Auch Thema in der Pflege, zum Beispiel, dass man mehr Verantwortung übernehmen dürfen sollte, plädieren wir ganz stark dafür, da gibt es auch Restriktionen in Deutschland, die man hinterfragen muss. Also grundsätzlich: Wir müssen das Gesundheitssystem wirklich effizienter aufstellen. Das ist auch ein ethisches Gebot, weil uns sonst irgendwann auch Rationierung nicht in der Pandemie, sondern generell eben folgt. Und das ist das Plädoyer.

00:14:09: Ursula Weidenfeld: Sie haben ja in der Vergangenheit sehr oft dafür plädiert, dass man kleine und unwirtschaftliche Krankenhäuser schließen soll. Sind Sie jetzt ganz froh, dass die Landespolitiker nicht immer auf Sie gehört haben? Weil wir sind doch jetzt ganz gut bedient, wenn wir viele Krankenhäuser haben, viele Betten, viel Kapazitäten, um mit der Pandemie umzugehen.

00:14:28: Boris Augurzky: Im Gegenteil. Ich bin froh, dass einige Landräte sogar darauf gehört haben, und eher traurig, dass es nicht mehr noch waren.

00:14:36: Ursula Weidenfeld: Dann hätten wir heute weniger Krankenhäuser und weniger Betten.

00:14:38: Boris Augurzky: Genau, das ist richtig. Wir hätten weniger Krankenhaus-Standorte. Der Punkt ist: Was wir immer gefordert haben, ist eine effiziente Krankenhausstruktur. Das bedeutet: weniger kleine Einheiten, mehr größere, eine stärkere Spezialisierung, vor allem auch, um höhere medizinische Qualität und eine höhere Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Auch plädieren wir für eine stärkere Ambulantisierung, also einfache Fälle ...

00:15:02: Ursula Weidenfeld: Genau, Ambulantisierung heißt, dass Patienten nicht notwendigerweise im Krankenhaus bleiben müssen, sondern nach Hause dürfen.

00:15:11: Boris Augurzky: Morgens hin, abends zurück. Also solche einfachen Geschichten eher auszulagern, das ist nicht nur beliebt, weil ich da als Krankenhaus auch nicht so viel verdienen kann. Und jetzt ist es für mich so: Warum soll in einer Pandemie wie der jetzigen eine effizientere Krankenhausstruktur in diesem Sinne schlechter sein? Weil, stellen Sie sich vor: Natürlich mag dann vielleicht ein kleines Krankenhaus mit 100 Betten nicht in der Nachbarschaft mehr existieren. Aber die Frage, und darum geht es ja jetzt hier, habe ich genügend Intensivbetten, und vor allem habe ich auch das intensivmedizinische Personal, das wäre ja in einer solchen Krankenhausstruktur, die etwas zentralisiert ist, ja nicht weniger. Das hätten wir genauso, weil das ist ja für die komplexen und schwierigen Fälle. Was wir erreichen wollen, ist, die einfachen Leistungen herauszunehmen. Die haben mit der Pandemie aber nichts zu tun. Deshalb glaube ich, wenn wir das gemacht hätten in stärkerem Ausmaß - das hat auch stattgefunden, so ist es nicht - , wären wir jetzt nicht schlechter aufgestellt in der Pandemie.

00:16:08: Ursula Weidenfeld: Wenn man vielleicht mal so eine erste vorsichtige Einschätzung vornehmen würde: Was müsste das deutsche Gesundheitssystem an sich und in sich verändern, um künftig im Regelbetrieb besser zu funktionieren, aber dann auch auf solche Ausnahmesituationen so vorbereitet zu sein, dass man eben nicht die Bürger bitten muss, Atemmasken zu nehmen?

00:16:29: Boris Augurzky: Also, ich sage mal: Für den Regelbetrieb stelle ich mir vor, dass wir viel stärker ambulant und stationär zusammendenken und vor allem gemeinsam vergüten, sodass man als Krankenhaus Lust hat, das auch zu tun. Dass ich zum Beispiel davon profitiere, wenn ich weniger Patienten behandeln muss und die eher gesund halte. Dass wir gerade in ländlichen Regionen mehr über Gesundheitsbudgets nachdenken, weniger um Bezahlung pro Fall. Und das hätte zum Beispiel auch in der Pandemie den Vorteil, dass es dann egal ist, ob ich jetzt Pandemiefälle habe oder ob ich jetzt erst mal Elektivfälle zurückfahre, um Platz zu schaffen für Pandemiefälle. Und zweitens: Wir werden stärker uns überlegen müssen, Vorhalteleistungen, die wir für solche Pandemiefälle brauchen, dann auch tatsächlich zu finanzieren.

00:17:15: Ursula Weidenfeld: Wie macht man so was?

00:17:16: Boris Augurzky: Sie haben eingangs auch erwähnt: Wir haben nicht genug Schutzkleidung. Wir haben Beatmungsgeräte, hätten aber gerne noch mehr. Und die kann man ja lagern. Und vielleicht brauche ich auch beim Personal - so wie ich ab und zu Brandschutzübungen mache, muss ich dann stärker auch Pandemieübungen machen und auch Personal dann schulen: Wie gehe ich dann um, wenn es soweit ist, dass ich aushelfen kann und nicht erst angelernt werden muss? Diese ganzen Themen werden sehr stark hochkommen, und da werden wir eine Umsteuerung haben.

00:17:46: Ursula Weidenfeld: Und werden wir dann diese Umsteuerung für die nächsten 10 oder 15 Jahre, so lange wir uns daran erinnern, wie es war mit Corona, werden wir die so lange beibehalten, oder werden wir schon relativ schnell sagen: Hm, was brauchen wir denn ein Lager mit Beatmungsgeräten, die alle fünf Jahre alt sind? Die sind zu alt und sind nicht mehr Stand der Technik. Weg damit?

00:18:06: Boris Augurzky: Ich glaube tatsächlich, nach unserer jetzigen Erfahrung werden wir sehr lange, nicht nur fünf Jahre daran festhalten, solche Vorhaltekapazitäten auch zu finanzieren.

00:18:19: Ursula Weidenfeld: Was passiert denn eigentlich, wenn wir das alles nicht brauchen? Es hat ja viele Geschichten von Fehlalarm in der Vergangenheit gegeben, was Pandemien betrifft. Man hat gedacht, die Vogelgrippe wird ganz fürchterlich. Man hat gedacht, dass SARS ganz entsetzlich zuschlagen wird, und das ist nicht eingetreten. Und hinterher mussten sich alle rechtfertigen, die damals Alarm geschrien haben. Dafür, dass eine Gesellschaft ja doch viel investiert hat.

00:18:44: Boris Augurzky: Ich kann mich erinnern, damals Schweinegrippe: Tamiflu überall kaufen und danach wieder vernichten. Das ist nämlich genau dieses Problem auch. Wir tun jetzt alles, um etwas zu verhindern. Dann sind wir erfolgreich und heißt danach: "Ja, jetzt habt ihr alles umsonst sozusagen bezahlt, jetzt brauchen wir es nicht mehr." Da muss man auch nüchtern zurückblicken und sagen: Das war nun mal notwendig, aus Sicherheitsgründen. Aber tatsächlich, wir sehen ja weltweit: Also, es ist ja nicht so, dass in anderen Ländern wir nicht an der Kapazitätsgrenze wären und wir massiv rationieren und auch Menschen abweisen müssen vom Krankenhaus.

00:19:21: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Herr Augurzky.

00:19:23: Boris Augurzky: Ja, ebenso. Vielen Dank, Frau Weidenfeld.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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