Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Hier im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu. Jeden Tag ein anderer Wissenschaftler, aus einem anderen Fachbereich, zu einem anderen Thema. Heute spreche ich mit Professor Raffael Kalisch vom Leibniz-Institut für Resilienz-Forschung und Universitätsmedizin Mainz über die Frage, ob Corona einsam macht. Herr Kalisch, sind die Menschen in den vergangenen Wochen wegen Corona einsamer geworden?

00:00:30: Raffael Kalisch: Wir führen zurzeit eine ganz große Studie weltweit durch, in der wir auch fragen, was Menschen zurzeit besonders stresst und besonders beeinträchtigt. Und da sehen wir tatsächlich so, wie Sie es auch vermuten, dass doch sehr viele Menschen den Verlust sozialer Kontakte als einen der auffälligsten Stressoren, also eine der auffälligsten Probleme aktuell in Ihrem Leben berichten: 89 Prozent unserer Teilnehmer. Dann wiederum, wenn wir fragen, wie schlimm denn dieses Problem ist, wie sehr sie unter diesen Verlust sozialer Kontakte leiden, dass uns dann die Menschen im Mittel einen Wert von 2,8 auf einer Skala von 1 bis 5 geben. Das ist der dritthöchste Wert für all die verschiedenen Stressoren, die wir abfragen.

00:01:12: Ursula Weidenfeld: Das würde heißen, dass Einsamkeit am meisten von allen anderen Dingen, die man im Moment so mitnehmen muss und erdulden muss, dass Einsamkeit die Menschen am meisten, mit am meisten belastet.

00:01:22: Raffael Kalisch: Mit am meisten ja. Eigentlich was nur noch schwerer wiegt, ist offenbar, in den Medien negative Nachrichten zu hören. Das scheint noch häufiger berichtet zu werden und auch noch unangenehmer für die Menschen zu sein. Der Verzicht auf Freizeitaktivitäten, der natürlich wiederum wahrscheinlich viel mit dem Verzicht auf soziale Kontakte zu tun hat. Also, wir haben es tatsächlich offenbar mit einem Problem hier zu tun.

00:01:44: Ursula Weidenfeld: Und das ist auch schlimmer, das Problem, als die Angst vor Arbeitslosigkeit oder davor, dass das eigene Unternehmen möglicherweise pleitemacht oder so?

00:01:52: Raffael Kalisch: Zumindest in unserer Umfrage. Unsere Umfrage ist nicht repräsentativ, sie bildet nicht unbedingt den Bevölkerungsquerschnitt ab. Wir gehen mal davon aus, dass wir anhand der Daten, die wir gesehen haben, nicht allzu viele Menschen in der Umfrage haben, die jetzt existenziell bedroht sind. Das ist dann sicherlich noch mal was anderes. So feine Analysen, da brauchen wir noch mehr Daten für.

00:02:12: Ursula Weidenfeld: Wer ist denn besonders betroffen von diesem neuen Einsamkeitsphänomen?

00:02:17: Raffael Kalisch: Das Interessante scheint ja zu sein, dass man generell nicht unbedingt sagen kann, dass ältere Menschen einsamer sind als jüngere Menschen. Da gibt es zwar einige Hinweise in der Literatur, aber auch widersprüchliche Ergebnisse. Und was man eben oft findet, ist, dass offenbar ältere Menschen, die ja prinzipiell eigentlich mehr unter Einsamkeit leiden müssen, einfach weil sie zunehmend soziale Kontakte verlieren, offenbar teilweise in der Lage sind, das zu kompensieren. Zum Beispiel, indem sie sich dann mehr einlassen auf besonders wichtige, besonders nahe Kontakte, Freundschaften und Beziehungen oder auch generell auf positivere Dinge fokussieren. Es scheint also so zu sein, als könnten ältere Menschen offenbar kognitiv etwas besser mit Einsamkeit umgehen und dann eventuell den Verlust von nahen Menschen wieder gutmachen.

00:03:06: Ursula Weidenfeld: Das Erstaunliche ist aber doch, dass normalerweise, also unter nicht Corona-Bedingungen, ältere und mittelalte Menschen öfter einsam sind oder in Umfragen öfter angeben, einsam zu sein oder sich einsam zu fühlen als jüngere.

00:03:20: Raffael Kalisch: Ja, da ist die Lage, eben die Datenlage, doch gar nicht so klar, eher widersprüchlich. Und was sicherlich auch ein ganz wichtiger Unterschied ist, den man machen muss, ist zwischen der objektiven Anzahl an Sozialkontakten oder Größe des sozialen Netzwerks auf der einen Seite und der tatsächlich empfundenen Einsamkeit. Und in der Forschung reden wir eigentlich von Einsamkeit immer von diesem subjektiven Empfinden "Ich habe nicht genügend Kontakte, ich habe weniger Freundschaften, als ich jetzt eigentlich erwarte und mir wünschen würde." Da ist es dann eher ausgeglichen.

00:03:49: Ursula Weidenfeld: Genau, und wenn man über Einsamkeit redet, dann redet man immer über einen subjektiven Wert, also über die Frage: Wünsche ich mir mehr soziale Kontakte, mehr Freunde, mehr Menschen in meinem nahen Umfeld, als ich habe? Und das ist unabhängig davon, ob ich jetzt zahlenmäßig zwei, drei, fünf oder fünfzig habe.

00:04:08: Raffael Kalisch: Aber genau dieser Unterschied oder diese Erkenntnis trägt natürlich in sich auch schon wieder einen Funken der Hoffnung. Es ist eben doch irgendwie auch eine Sache, die im Kopf stattfindet. Und damit kann ich letztendlich auch etwas daran machen. In unserer Umfrage, wo es uns ja in erster Linie darum geht zu erfahren, welche Schutzfaktoren denn die Menschen davor bewahren, jetzt unter der Corona-Krise eventuell psychisch zu erkranken, also so was wie Angst oder Depression zu entwickeln, sehen wir, dass tatsächlich die Art und Weise, wie Menschen schwierige Situationen, Widrigkeiten bewerten und einschätzen, offenbar ein ganz entscheidender Schutzfaktor ist. Es geht eher tatsächlich um so was wie eine subjektive Bewertung als um ein objektives Vorhandensein von Problemen. Und dieses Wissen kann man dann sicherlich auch wiederum nutzen für den Umgang mit einem Verlust von Sozialkontakten. Man kann das zumindest zu einem gewissen Grade sicherlich auch positiv einschätzen oder umbewerten, was Gute sozusagen daraus machen, mit Hilfe von positivem Denken und dadurch das Gefühl der Einsamkeit reduzieren.

00:05:09: Ursula Weidenfeld: Zu dem positiven Denken und wie man dazu kommt, kommen wir gleich. Nur noch mal jetzt: Wenn man die repräsentativen Umfragen anschaut, dann sieht man, dass Junge und junge Erwachsene unter dieser Corona-Isolation oder unter der Beschränkung ihrer Freiheit besonders leiden und viel öfter angeben als andere, dass sie sich einsam fühlen. Wie kommt das, dass offenbar wir jetzt eine Situation haben, in der junge Menschen Einsamkeit als Thema entdecken, sehen und für sich auch annehmen?

00:05:44: Raffael Kalisch: Das kommt sicherlich daher, dass es für viele vielleicht jetzt zum ersten Mal erzwungenermaßen dieses Erlebnis von Alleinsein und damit einhergehend auch das Erlebnis von Einsamkeit gibt, möglicherweise etwas, was sie weniger gewohnt sind als ältere Menschen, mit dem sie einfach noch nicht so gut umgehen können.

00:06:02: Ursula Weidenfeld: Das würde heißen, dass sie beim nächsten Mal, bei der nächsten Pandemie sagen: Mensch, habe ich schon mal erlebt, war jetzt doch nicht so schlimm, und jetzt komme ich besser damit klar?

00:06:11: Raffael Kalisch: Im Idealfall ja. Also, wir kennen das tatsächlich aus dem Umgang und der Reaktion auf verschiedene Krisen, nicht nur jetzt auf so eine Art von Krise, die Einsamkeit fördert. Dass tatsächlich das erfolgreiche Bewältigen, auch die Gewöhnung oder die Erfahrung im Umgang mit Widrigkeiten, dazu führen kann, dass man beim nächsten Mal sozusagen etwas resistenter ist, eine Art Lerneffekt oder Anpassungsprozess. Man redet auch von einem Immunisierungs- oder Stahlbad-Effekt, und im Idealfall ist das jetzt auch für junge Menschen gerade eine Gelegenheit, mal die Erfahrung von Einsamkeit zu machen, eventuell zu sehen, dass es ja doch nicht so schlimm ist oder dass sich daraus eventuell sogar ganz neue Perspektiven ergeben und Möglichkeiten, sich vielleicht selbst doch etwas kennenzulernen und dass das dann langfristig eventuell sogar eine schützende Rolle hat.

00:06:58: Ursula Weidenfeld: Und wenn ich jetzt feststelle, dass das, was ich da kennenlerne, mir gar nicht so gut gefällt, was mache ich dann?

00:07:03: Raffael Kalisch: Ja, dann die Frage, vielleicht als nächstes, gehe ich mal in mich: Was sind denn eigentlich Dinge, die wichtig für mich sind? Was sind Dinge, die mir gefallen? Inwieweit hängt das davon ab, wie ich selbst in meinem Geist, in meinem Empfinden, auch mit meinem Verhalten damit umgehe? Und kann ich denn, wenn es jetzt einfach so ist, wenn ich auch gar nichts daran ändern kann, eventuell die Situation akzeptieren und etwas Gutes daraus machen? Natürlich habe ich auch die Möglichkeit, über verschiedene Wege in der digitalen Welt Kontakte zu suchen. Das ist sicherlich der einfachste Ausweg. Aber wie wir eben auch sehen und erfahren und vielleicht von uns selbst kennen, ist das nicht unbedingt immer ein vollständiger Ersatz.

00:07:42: Ursula Weidenfeld: Das heißt, Einsamkeit ist etwas, was ich subjektiv empfinde, woran ich mich gewöhnen kann oder gewöhnen soll. Kann man denn gegen Einsamkeit auch etwas tun, etwas aktiv tun?

00:07:54: Raffael Kalisch: Die vielen digitalen Möglichkeiten haben wir ja schon angesprochen. Und wir sind ja jetzt in Deutschland auch in der glücklichen Situation, dass wir durchaus noch raus dürfen, dass wir durchaus noch Kontaktmöglichkeiten haben, wenn doch vielleicht über die Distanz von zwei Metern. Diese Möglichkeiten, denke ich, sollte man jetzt ausnutzen. Man kann sich ja auch mal überlegen - gehen wir wieder ins Virtuelle zurück - vielleicht mal einen alten Freund anzurufen, mit dem man lange schon nicht gesprochen hat, und dann eventuell in solchem Zusammenhang auch mal überlegen, was man vielleicht nicht unbedingt als erstes im Kopf hat, aber kann ich denn eventuell selbst anderen dabei helfen, ihre Einsamkeit zu überwinden? Kann ich vielleicht jemanden aufmuntern? Kann ich vielleicht jemandem helfen, dieses Gefühl, jemand anderem was Gutes zu tun, vielleicht einen alten Freund mal wieder anzurufen, und er freut sich dann. Das ist etwas, was wiederum auch meine eigene Einsamkeit reduziert und mein Gefühl von "Ich kann etwas bewirken, ich habe eigentlich auch Stärken" sicherlich verstärkt und damit letztendlich auch meine eigenen psychischen Gesundheit. Positives Denken und Handeln verstärken sich eigentlich gegenseitig, und jeder hat die Möglichkeit, tatsächlich solche Schritte zu machen.

00:08:58: Ursula Weidenfeld: Und wie kann man positiv denken lernen? In einer akuten Situation. Wir müssten das ja dann praktisch jetzt in der Situation lernen, unter der wir leiden.

00:09:08: Raffael Kalisch: Ja. Eine Möglichkeit ist tatsächlich, sich einfach mal zu überlegen - es gibt eine ganze Reihe von positiven Strategien: Ist es vielleicht so, dass es mir gar nicht so schlecht geht wie anderen? Bin ich eigentlich eventuell noch ganz gut getroffen? Kann ich eventuell jemandem helfen? Kann ich eventuell auch die Situation einfach so, wie sie ist, akzeptieren, wenn ich sie nicht ändern kann? Gibt es Möglichkeiten, daraus was zu lernen? Kann ich mich vielleicht erinnern daran, dass ich frühere Krisen bewältigt hab, also mich auf meine Stärken besinnen. Auch mir einfach mal sagen: Gut, es wird nicht ewig sein, es wird irgendwann auch wieder vorbei sein. Diese ganzen verschiedenen Strategien, die kann ich pflegen, und inzwischen gibt es auf dem Buchmarkt, im Internet sehr viele Möglichkeiten, sehr viel Material, was mir dabei hilft, Ratgeber-Material, es werden Apps entwickelt, die gibt es zum Teil auch schon. Wir selbst in unserem Forschungsprojekt sind dabei, eine App zu entwickeln, die mich tatsächlich im Alltag auch immer wieder daran erinnern kann oder Vorschläge machen kann, wie das denn geht. Und wenn ich letztendlich mit so einer Gesamthaltung an die Sache herangehe - ich versuche, das Beste draus zu machen, bringt ja nichts, wenn ich mich jetzt in Depression oder Angst ergehe oder über alles bitter werde - dann ist das tatsächlich etwas, was auch gelingen kann.

[00: 10:15] Ursula Weidenfeld: Ich glaube, eines der erfolgreichsten und einfachsten Mittel ist dieses "Count your Blessings", nicht? Dass man sich jeden Abend, bevor man schlafen geht, überlegt, was ist heute gut gelaufen, und sich nicht fragt, was ist schlecht gelaufen.

[00: Raffael Kalisch: Genau, das ist einer dieser vielen Tipps, mehr Dankbarkeit zu empfinden oder zu entwickeln dafür, was eigentlich gut war. Wenn ich das dann auch wiederum tatsächlich mit positivem Reden und Handeln verknüpfe, wie wir vorhin schon gesagt haben, dann gibt das so einen gegenseitig sich verstärkenden und positiven Effekt, also quasi den gegenteiligen Effekt eines Teufelskreises.

[00: Ursula Weidenfeld: Einsamkeit gilt ja so ein bisschen immer als gesellschaftlicher Makel. Deshalb redet man selbst nicht gern darüber, dass man einsam ist oder sich einsam fühlt. Wie würde man jetzt diejenigen erreichen, die vielleicht Hilfe brauchen, aber sich eben nicht melden?

[00: Raffael Kalisch: Ja, das ist eine sehr gute Frage. Diese Sendung, die wir machen, ist eigentlich für die, für manche dieser Leute, die jetzt vielleicht passiv sind, tatsächlich auch erreicht, eventuell dann auch mal dazu bringen könnte, zum Beispiel zu einer Hotline zu greifen. Es werden jetzt immer mehr solche Hotlines, gerade für einsame Menschen, Menschen, die von Gewalt eventuell bedroht sind, eingerichtet. Und gehen Sie ins Internet, gehen Sie in Chat-Gruppen. Achten Sie dabei natürlich auch darauf, sich dann eben mit positiven Menschen oder produktiven Menschen zusammenzuschließen, von denen Menschen, die Sie also eher hoch bringen als runterziehen.

[00: Ursula Weidenfeld: Was unterscheidet eigentlich Einsamkeit von einer Depression?

[00: Raffael Kalisch: Ja, eine Depression, für den Kliniker jetzt als depressiv zu gelten, da müssen Sie über längere Zeit einmal depressive, extrem niedergeschlagene, extrem traurige Gefühlsempfindungen haben und dann vor allem auch einen kompletten Verlust von Motivation, von Freude an Dingen. Sie wollen letztendlich gar nichts mehr tun, gar nicht mehr aus dem Haus.

[00: Ursula Weidenfeld: Man würde sagen: Jemand, der einsam ist, der wünscht sich mehr soziale Kontakte, und jemand, der eine Depression hat, der hat schon gar kein Gefühl mehr dafür, dass ihm was fehlt?

[00: Raffael Kalisch: Der hat vielleicht das Gefühl noch, aber er ist möglicherweise nicht mehr dazu in der Lage, an der Situation dann noch was zu ändern oder sich da rauszuziehen. Einsamkeit ist ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Depression. Aber so weit muss es keineswegs kommen.

[00: Ursula Weidenfeld: Sie sind ja auch Experte für Neuro-Imaging. Das sind bildgebende Verfahren, mit denen man das menschliche Gehirn analysieren kann. Kann man am Gehirn erkennen, ob jemand einsam ist?

[00: Raffael Kalisch: Wir können nicht Menschen ins Gehirn gucken und dann sagen: "Du bist einsam, du bist nicht einsam." Was wir sehen können: Es gibt zum Beispiel eine Studie am Max-Planck-Institut, dass in älteren Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind, das auch einhergeht mit einer Reduzierung in den Volumina, also in den Größen bestimmter Hirnregionen, zum Beispiel der bekannten Amygdala, dem Mandelkern, auch des Hippocampus, auch des Kleinhirns. Da weiß man jetzt nicht genau: Ist die Einsamkeit die Ursache dieser Reduktion oder eher umgekehrt? Oder geht es vielleicht aus anderen Gründen einfach miteinander einher? Wahrscheinlich letzteres. Aber so etwas können wir zumindest sagen. Und dann wissen wir auch, dass manche dieser Regionen und noch eine ganze Reihe anderer Hirnregionen offenbar aktiv sind, wenn Menschen soziale Informationen aufnehmen. Wenn Menschen sich auch positiv mit sozialer Information auseinandersetzen oder sich darüber freuen. Das Belohnungssystem scheint dabei auch tatsächlich eine Rolle zu spielen. Insbesondere auch gibt es erste Hinweise dafür, dass die Aktivierung des Belohnungssystem im Gehirn auf Fremde, auf Gesichter von Fremden, ein Faktor ist, der eher mit dem Gegenteil von Einsamkeit, also mit dem erfüllten Sozialleben verbunden ist.

[00: Ursula Weidenfeld: Wenn mich jemand anlächelt, kann man im Gehirn sehen, dass das Belohnungssystem aktiviert wird?

[00: Raffael Kalisch: Ja, das ist so. Und es scheint Hinweise zu geben, dass gerade wenn ich ähnlich auf fremde, mir nicht bekannte Gesichter reagiere, dass ich dann eher zu denjenigen Alten gehöre, die sich als weniger einsam empfinden. Auch das sind noch sehr, sehr junge, sehr frühe Ergebnisse, zu denen es auch Widerspruch gibt.

[00: Ursula Weidenfeld: Da würde man also raten: Lächeln Sie Menschen an, die Sie nicht kennen, dann fühlen Sie sich besser und die fühlen sich auch besser.

[00: Raffael Kalisch: Das wäre sozusagen der Umkehrschluss. Aber ich denke, wir alle kennen diese Erfahrungen, wenn ich auf Menschen anders zugehe, dann gehen die auch wiederum auf mich anders zu. Diese Rückkopplungsmechanismen auszunutzen, ist sicher eine sehr gute Idee.

[00: Ursula Weidenfeld: Wenn man sich jetzt fragt: Was hat die Corona-Krise, was wird die Corona-Krise nachhaltig ändern, dann sehen wir ja, dass in vielen Gesellschaften das Thema Einsamkeit schon vorher erkannt worden ist als wichtiges Thema, als eines, das Gesellschaften beschäftigen und auch prägen kann. In Großbritannien gibt es inzwischen eine Ministerin gegen Einsamkeit. Würden Sie sagen, dass wir in Corona eine neue Sensibilität dafür bekommen haben, was Einsamkeit bedeuten kann und wie man damit umgehen muss?

[00: Raffael Kalisch: Ja, das denke ich auf jeden Fall. Ich denke, das wird auch in unserer Gesellschaft einiges ändern, wir werden sicherlich sensibler für dieses Thema sein. Ich weiß nicht, ob wir unbedingt einen Minister für das Thema brauchen. Aber eine Hoffnung, die ich habe, dass sich vielleicht auch gerade in der jüngeren Generation aus dieser ungewohnten Erfahrung von Einsamkeit tatsächlich ein proaktiveres Zugehen auf andere Menschen, vielleicht auch ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Wir sehen tatsächlich immer wieder auch in Resilienz-Studien, dass ein Gefühl der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, auch ein Gefühl, soziale Unterstützung zu genießen, ein Schutzfaktor ist gegenüber der Entwicklung von stressbedingten Erkrankungen. Und wenn wir da als Gesellschaft einfach stärker daran arbeiten, kann das sicher helfen.

[00: Ursula Weidenfeld: Und wenn man als Einzelner stärker daran arbeiten sollte, also, man erlebt jetzt, dass man möglicherweise diese Gruppenzugehörigkeit nicht hat oder dass man sie nicht in dem Maße hatte, wie man gedacht hat, weil man eben immer von Klassenkameraden, von Kommilitonen in der Uni oder von Arbeitskollegen umgeben war. Man merkt jetzt, man hatte das nicht. Was soll man dann tun?

[00: Raffael Kalisch: Ja, also, das Internet wird ja vielfach verteufelt. Aber, ich glaube, für sehr viele Menschen, die solche Vereinzelungserfahrungen machen, gerade in ihrer Jugendzeit, ist natürlich tatsächlich das Internet eine Möglichkeit, sogar weltweit Kontakte und so auch bedeutsame und wirklich wertvolle Kontakte aufzubauen. Ich glaube, die Rolle des Internets wird auch aufgrund der Erfahrungen, die wir jetzt machen, zunehmen. Ich würde mir aber natürlich auch wünschen, dass tatsächlich Bewegung und Möglichkeiten, analoge Sozialkontakte zu haben, in der Folge der Corona-Krise tatsächlich auch zunehmen, und das mag dann die Form annehmen, von einem Chor, in dem man sich trifft, bis zu einer Nachbarschaftsgruppe. Vielleicht geht ja so ein bisschen von diesem Gefühl, was ja auch zum Teil jetzt in den Wohnvierteln herrscht, über auf die gesamte Gesellschaft.

[00: Ursula Weidenfeld: Also, man würde den Eltern jetzt raten: Verbietet den Kindern das Internet nicht. Das ist besser als ihr denkt. Und man würde den Jugendlichen raten: Geht bloß mal raus, damit ihr auch andere Leute seht.

[00: Raffael Kalisch: Sicherlich ist natürlich die Informationskontrolle immer noch etwas Wichtiges. Es kommt auch darauf an, das ist auch Menschen zu raten, die verletzlich oder anfällig sind für die Entwicklung von Angst und Depressionserkrankungen, welche Art von Information und welche Art von Sozialkontakten man sich im Internet sucht. Also, wirklich Informationskontrolle ist, glaube ich ein ganz, ganz großer Stichpunkt. Aber so aus unserem Sozialleben in Deutschland immer noch viele Kontakte, gerade im Erwachsenenleben, eigentlich nur dann zustande kommen, wenn man entweder Kinder in einer gemeinsamen Erziehungsinstitution hat oder über den Beruf. Die Deutschen sind, glaube ich, relativ wenig offen für das Entwickeln von Sozialkontakten, speziell im Erwachsenenalter. Und vielleicht sind dann solche Dinge, die solche Voraussetzungen nicht erfordern, Vereine zum Beispiel, vielleicht werden die dann tatsächlich doch wieder ein bisschen stärker in den Mittelpunkt rücken.

[00: Ursula Weidenfeld: Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Professor Kalisch. Ich sage noch einmal, dass wir das geführt haben mit Ihnen zu Hause. Falls Nebengeräusche zu hören waren, spricht es zumindest dafür, dass Sie eine lebendige Nachbarschaft haben, und vielen Dank fürs Gespräch.

[00: Raffael Kalisch: Und nicht einsam bin.

[00: Ursula Weidenfeld: Genau. Danke sehr.

[00: Raffael Kalisch: Ich danke Ihnen, Frau Weidenfeld.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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