Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie wirft viele neue Fragen in allen Lebensbereichen auf. Hier im Podcast geben Wissenschaftler Antworten und Einschätzungen dazu. Jeden Tag ein anderer Wissenschaftler, aus einem anderen Fachbereich, zu einem anderen Thema. Heute wollen wir über die Frage sprechen, wie wir aus der Krise wieder herauskommen. Und dazu bin ich mit Gabriel Felbermayr verabredet. Er ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, das ist ein Leibniz-Institut in Kiel. Herr Felbermayr, wir haben ja verschiedene Szenarien, wie man aus der Krise wieder herauskommen könnte. Es gibt eins des Virologen Streeck, der den Kreis Heinsberg untersucht hat, der besonders betroffen war am Anfang von Corona, der ein sehr liberales Regime empfiehlt. Dann gibt es die Leopoldina, in der sich Wissenschaftler aus verschiedenen Professionen versammelt haben, die eine schrittweise Öffnung empfehlen. Und dann die Helmholtz-Gemeinschaft, die sehr konservativ argumentiert, und man sagt, man solle doch am liebsten noch möglichst lange Ausgangsbeschränkungen aufrecht erhalten. Die Bundesregierung hat sich das alles angeschaut und scheint jetzt der Auffassung zu sein, dass man schrittweise öffnen wird, dass die Schulen wieder anfahren sollen, spätestens Anfang Mai. Und dass die kleineren Läden, Einzelhandelsgeschäfte auch wieder aufmachen dürfen. Ist das vernünftig?

00:01:20: Gabriel Felbermayr: Diese drei Optionen, die auf den Tisch gelegt wurden, die unterscheiden sich ein Stück weit in der zugrunde liegenden Risikoeinschätzung. Da sind offensichtlich die einen Experten in Nordrhein-Westfalen eher bereit, Risiko einzugehen. Und die Kolleginnen und Kollegen von der Helmholtz-Gemeinschaft, die wollen diese Risiken noch stärker minimieren. Allen diesen Studien ist gemein, dass sie der Politik nicht abnehmen können, diese Risikoabwägung zu übernehmen. Es ist nun mal so, dass es einen Zielkonflikt gibt, der lässt sich nicht wegreden und nicht leugnen, zwischen dem Schutz der Gesundheit und dem Schutz der Wirtschaft. So wie es aussieht, geht die Politik, wie sie das oft tut, eher auf eine zentrale Position. Und es zeugt auch davon, wie wissenschaftliche Expertise in einen solchen politischen Prozess recht gut eingepflegt werden kann.

00:02:10: Ursula Weidenfeld: In diesem Fall ist ja die Expertise der Gesundheitswissenschaftler eingeflossen. Vor allem die Risikoabwägung bezieht sich ja vor allem auf die Frage: Was kann das deutsche Gesundheitssystem verkraften? Wie viel Kranke, wie viel Schwerkranke können gut versorgt werden? Kommt Ihnen da die ökonomische Einschätzung, Risikobewertung nicht zu kurz?

00:02:32: Gabriel Felbermayr: Nun, ich glaube, es ist allen klar geworden in den letzten Wochen, dass die Kosten des Shutdowns sehr erheblich sind.

00:02:39: Ursula Weidenfeld: 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Woche.

00:02:42: Gabriel Felbermayr: Ja, das ist eine extreme Einschätzung. Es könnte auch ein bisschen weniger sein, aber das ist egal, ob es 1 Prozent oder 1,6 Prozent ist. Es macht kaum einen Unterschied. Wir reden über zig Milliarden Euro. Wir reden von der größten Rezession in der Nachkriegszeit vermutlich. Der Weltwährungsfonds hat die Schätzungen der Wirtschaftsforschungsinstitute, auch der deutschen, bestätigt, was die Größenordnung angeht. Also, es ist wahnsinnig teuer. Und auch die Virologen und Epidemiologen, mit denen ich rede, die sehen natürlich, dass es zwischen dem System Gesundheit und dem System Wirtschaft enge Wechselbeziehungen gibt. Die gesundheitspolitischen Anstrengen müssen ja auch finanziert werden. Ich glaube, dass es da durchaus Konsens gibt, dass man diese massiven Einschränkungen der Bewegungsfreiheit der wirtschaftlichen Freiheiten nicht lange aushalten kann. Insofern sehe ich, sehe ich durchaus, dass diese wirtschaftlichen Aspekte eine Rolle spielen in dem politischen Prozess.

00:03:38: Ursula Weidenfeld: Gucken wir mal auf die sinnvolle Öffnung auch der Volkswirtschaft wieder. Was wäre denn am vernünftigsten, zuerst wieder aufzumachen? Die Produktionsstraßen der deutschen Autoindustrie oder tatsächlich die Boutique in München-Schwabing?

00:03:54: Gabriel Felbermayr: Ich glaube, da muss man zwei Dinge voneinander trennen. Zum einen sind das Bereiche, die direkt von den behördlichen Anordnungen betroffen sind. Das ist die Boutique in Schwabing. Das sind Gaststätten, das sind die Schulen. Aber das sind eben nicht die Fabriken. Es gibt hier keine behördliche Anordnung, die Volkswagen gezwungen hat, die Produktion in Wolfsburg einzustellen. Das sind ganz andere Gründe, die Volkswagen dazu geführt haben, nicht zu produzieren. Es hat eher mit der Tatsache zu tun, dass die Nachfrage eingebrochen ist, dass wichtige Vorprodukte nicht geliefert werden können. Aber auch mit der Tatsache zu tun, dass Arbeitnehmer zu Hause bleiben müssen, um ihre Kinder zu versorgen.

00:04:34: Ursula Weidenfeld: Das heißt, wenn die Schulen wieder aufmachen und die Boutique in Schwabing wieder aufmacht, dann könnte Volkswagen sich auch entscheiden, wenn die Nachfrage wieder anzieht und wenn man dafür sorgen kann, dass die Mitarbeiter auch am Band die nötigen Sicherheitsabstände einhalten können, dann könnten die auch wieder anfahren.

00:04:48: Gabriel Felbermayr: Genau. Also, dieses Hochfahren, von dem gesprochen wird, das wird ja gerne recht pauschal verwendet, diese Vokabel: In der Industrie entscheiden die Unternehmen selber, ob sie hochfahren oder nicht. Es müssen aber die Bedingungen dafür da sein. Sprich: Die Mitarbeiter müssen zur Verfügung stehen. Die Materialien, die gebraucht werden, die Vorprodukte müssen zur Verfügung stehen. Bei der Boutique in Schwabing ist das ganz anders und bei einem Gastwirt. Da gibt es ja wirklich behördliche Regeln, und ich glaube, dass beides wichtig ist, dass wir einerseits dazu kommen, dass die vielen kleinen Unternehmer, also die Boutique-Besitzerin und der Gastwirt, das sind ja oft keine großen Konzerne, sondern Einzelunternehmen, die ihr ganzes Eigenkapital in ihre kleine Gaststätte oder in ihre Boutique investiert haben, dass die wieder Geschäft machen können, unter Auflagen natürlich, aber immerhin. Und das Zweite ist, dass man an den Bedingungen arbeitet, die es auch wieder erlauben, die großindustriellen Prozesse wieder langsam anzufahren. Ich glaube, es ist klar, dass das ein Prozess ist, dass das graduell passieren wird, und nicht von einem Tag zum anderen wieder eine Rückkehr in die Situation vor der Krise. Dass das zweitens unter erheblichen Auflagen passieren wird, die werden auch das Geschäft weiter negativ beeinflussen, wenn man nicht auf der vollen Kapazität arbeiten kann.

00:05:59: Ursula Weidenfeld: Das heißt aber doch auch, dass diese Hoffnungen, die man am Anfang hatte, dass dieser konjunkturelle Absturz wie ein V läuft — es gibt einen ganz starken Absturz und dann aber auch wieder ganz schnell einen ganz starken Aufstieg, so ähnlich, wie das Deutschland jedenfalls nach der Finanzkrise 2008/2009 erlebt hat — , dass das diesmal unwahrscheinlich ist?

00:06:19: Gabriel Felbermayr: Genau. Aber da gibt es noch mehrere Gründe, warum das so ist. Das kann man jetzt nicht nur der Bundesregierung und ihre etwaigen Zögerlichkeit anlasten. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Krise sozusagen asynchron erfolgt. China kommt raus. Das ist einerseits gut. Aber andererseits stürzt jetzt die USA noch einmal stärker die Krise. Sie haben Europa mittlerweile überholt, was die Fallzahlen angeht, und verfügen nicht über die Sicherungsmechanismen, die wir dank des Wohlfahrtsstaates haben. Auch das führt dazu, dass das U-Szenario wahrscheinlicher wird, weil die USA als Wachstumsmotor ausfällt.

00:06:52: Ursula Weidenfeld: Das heißt aber doch auch: Wenn wir uns jetzt auf dieses U einstellen müssten, also es ist steil runtergegangen, wir sind jetzt in einer Talsohle, die möglicherweise bis zum Sommer, bis zum Herbst dauern wird, eben auch weil die Weltwirtschaft sich sehr unterschiedlich erholt und unterschiedlich betroffen ist noch und betroffen sein wird — das heißt aber doch auch, dass die Staatseinnahmen, also die Steuereinnahmen, die Möglichkeit des Staates, die Konjunktur wieder anzukurbeln, auch ziemlich begrenzt sind.

00:07:18: Gabriel Felbermayr: Ja, die Staatsfinanzen werden natürlich in diesem Jahr 2020 ganz grauenvoll aussehen. Wir werden das größte Budgetdefizit aller Zeiten haben in Deutschland. Die Zahlen, die bisher eingestellt sind vom Bundesfinanzminister, werden nicht ausreichen, also die 153 Milliarden Euro. Es wird deutlich mehr. Aber das ist zu verkraften. Deutschland hat, wenn man so will, tiefe Taschen, wir haben eine hohe Bonität. Wir können uns auf den Kapitalmärkten der Welt sehr, sehr gut finanzieren. Und wenn es notwendig sein sollte, dann steigt das Budgetdefizit in den zweistelligen Bereich.

00:07:51: Ursula Weidenfeld: Das ist ja für den Herbst angekündigt worden, dass wir ein milliardenschweres Konjunkturprogramm noch dazu und da drauf bekommen werden. Wie wäre denn ein solches Konjunkturprogramm intelligenterweise gemacht, wenn man sich fragt: Wo sind die größten Hebel? Wie kommt man am schnellsten, am besten wieder raus, auch wenn man in Rechnung stellt, was Sie gesagt haben, dass die Märkte sich unterschiedlich schnell erholen werden oder unterschiedlich betroffen sein werden. Und dass wir ja nicht nur eine Nachfrage-Krise haben — die Leute kaufen keine Autos und keine Maschinen mehr — , sondern ja auch eine Angebotskrise, weil man eben Maschinen und Autos nicht bauen kann, wenn einem Zulieferteile fehlen.

00:08:30: Gabriel Felbermayr: Genau das ist absolut richtig. An diesen Punkten kann ein klassisches Konjunkturpaket wenig tun. Ein Konjunkturpaket bringt nicht mehr die angeknacksten Lieferketten ins Laufen. Und ein Konjunkturpaket kann auch nicht die fehlende Nachfrage nach Spezialmaschinen aus Italien oder den USA ersetzen. Das heißt, man muss clever vorgehen. Ein Weg könnte sein, dass wir vor allem danach trachten, die Eigenkapitalbasis der Unternehmen weiter zu stärken, indem wir einsteigen in einen sehr viel besseren Lastenausgleich. Es ist ja so, dass viele Unternehmen in dieser Krise in der Existenz betroffen sind, kleine Unternehmen zum Beispiel, soziale Dienstleister, aber viele andere Bereiche der Volkswirtschaft kaum betroffen sind, ob das nun der öffentliche Dienst ist oder Rentner oder auch Unternehmen, die jetzt sozusagen etwas herstellen, das in der Krise besonders nachgefragt wird.

00:09:20: Ursula Weidenfeld: Man spricht davon, dass ungefähr 40 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung, des Bruttoinlandsproduktes nicht betroffen sind, was ja eine ganze Menge ist.

00:09:28: Gabriel Felbermayr: Ja, genau. Genau. Und gleichzeitig ist es so, dass natürlich gesundheitspolitische Schutzmaßnahmen der gesamten Bevölkerung zugute kommen. Insofern bringen da jetzt, 60 Prozent der Wirtschaftsleistung bezahlen jetzt für den Schutz der 100 Prozent. Das heißt, man muss diese Verlierer etwas stärker kompensieren. Es wäre ungerecht, wenn das wirklich auf diesen Schultern konzentriert bliebe, während eben andere ungeschoren davonkommen. Das würde bedeuten zum Beispiel, dass man den Unternehmen zum Beispiel, die jetzt Einbußen haben, eine Kompensationszahlung anbietet, dass die also die Einkommensverluste, die sie erleiden, dass sie die kompensiert bekommen.

00:10:05: Ursula Weidenfeld: Durch Einkommenszugewinne der anderen, das heißt, die Bauwirtschaft müsste jetzt bezahlen für den Werkzeugmaschinenbau?

00:10:11: Gabriel Felbermayr: Na ja, ich würde jetzt nicht die Bauindustrie alleine in der Pflicht sehen und überhaupt irgendeine spezielle Industrie, sondern das würde man wahrscheinlich kurzfristig über eine stärkere Verschuldung des Staates lösen. Und dann in der mittleren Frist wird diese Verschuldung abgebaut über unser normales Steuersystem, das ja gut eingestellt ist, das eine faire Lastenverteilung vorsieht. Die, die viel verdienen, tragen dann mehr bei als die, die wenig verdienen. Diese Leistungsprinzipien im Steuerrecht, die helfen uns dann, die Last fair zu verteilen. Aber es muss eben diesen Lastenausgleich geben, der ist wichtig. Und der muss auch angekündigt werden, damit Unternehmen, die jetzt sehen, wie ihr Eigenkapital wegschmilzt, dass die nicht die Hoffnung verlieren. Und wenn dann der Aufschwung kommt, langsam und zäh vielleicht, aber wenn er kommt, brauchen wir diese Unternehmen ja, dass sie diesen Aufschwung auch tatsächlich tragen.

00:11:01: Ursula Weidenfeld: Gucken wir noch mal vielleicht genauer, weil man das ja auch erklären muss. Wie kann so etwas aussehen? Kann man das über das normale Steuersystem einfach abwickeln, in dem diejenigen, die verdienen, eben ihren Steuerteil zahlen und damit die anderen kompensiert werden? Oder werden wir über kurz oder lang über Steuererhöhungen nachdenken?

00:11:19: Gabriel Felbermayr: Wir werden über kurz oder lang über Steuererhöhungen nachdenken müssen. Das ist nicht anders möglich. Denn wenn jetzt die Wirtschaftsleistung in Deutschland massiv einbricht, wenn wir fünf, sechs, sieben, acht Prozent weniger Wertschöpfung haben im Jahr 2020, dann sinken natürlich auch die Steuereinnahmen. Und das lässt sich nicht kompensieren durch höhere Steuern der Gutverdienenden. Das sollte man auch nicht tun, die jetzt noch stärker zu belasten, weil damit ja dann auch für diese Personengruppen oder Unternehmen die Anreize, zu produzieren, Arbeit anzubieten, kleiner würden. Nein, das wird so sein, dass wir uns jetzt stärker verschulden im Jahr 2020 und dass dann in den nächsten Jahren diese Verschuldung rückgeführt werden muss. Und das bedeutet, dass Steuersenkungen, die wir uns vielleicht erhofft haben, nicht stattfinden können. Oder dass man über eine stärkere Besteuerung der Einkommen nachdenken muss, vielleicht im höheren Bereich. Aber das sollte man tun mit einer demokratischen Debatte. Das ist nichts, das man jetzt im Krisenmodus entscheiden muss, sondern da wäre dann die Zeit gekommen, wenn die akute Phase der Krisenbewältigung vorüber ist.

00:12:26: Ursula Weidenfeld: Die Leopoldina-Forscher empfehlen ja, in der akuten Phase den Solidaritätszuschlag für alle auszusetzen und das vorgezogen zu tun, um mehr Motivation zu schaffen, Geld auszugeben, mit dem Geld, das man hat, sich entweder selbst eine Freude zu machen oder zu investieren.

00:12:43: Gabriel Felbermayr: Ja, das sehe ich, ehrlich gesagt, anders. Und ich gehe auch davon aus, dass meine ökonomischen Kollegen, die bei der Leopoldina mitgeschrieben haben, Clemens Fuest und Lars Feld, dass die das auch anders sehen, als es da manchmal dargestellt wird. Es kann nicht darum gehen, in der akuten Phase weitere Konsumanreize zu stellen. Denn es soll ja nicht konsumiert werden. Wir wollen ja nicht, dass die Geschäfte volllaufen mit Personen. Wir wollen nicht, dass auf Urlaub gefahren wird und dass in Gaststätten gegangen wird. Insofern geht es immer um die Phase nach der akuten gesundheitspolitischen Bedrohung. Und dort kann ich durchaus nachvollziehen, dass man, dass man sagt, die Maßnahmen, die ohnehin schon beschlossen sind, wie der Ausstieg aus dem Soli, dass man den vorzieht. Das würde ja auch die Finanzen, die Staatsfinanzen nicht extra belasten. Denn das ist ja schon politischer Konsens, dass man diesen Soli abschafft.

00:13:32: Ursula Weidenfeld: Aber wäre das denn vernünftig, jetzt den Soli abzuschaffen, um dann in einem Jahr oder in zwei Jahren über Steuererhöhungen nachzudenken, um das Staatsdefizit zu finanzieren?

00:13:41: Gabriel Felbermayr: Ja, doch, das ist schon vernünftig. Ich glaube, wir sollten nicht Dinge, die ordnungspolitisch richtig waren vor der Krise, jetzt in Frage stellen. Der Solidaritätszuschlag war auf Zeit angelegt, seine Abschaffung wurde verschleppt über viele Jahre. Ich glaube, es macht Sinn, jetzt auch tatsächlich das, was man vor der Krise als richtig erkannt hat, durchzuziehen. Ähnliches gilt für andere ordnungspolitische Grundlagen. Wir haben uns entschlossen, in Deutschland eine recht ambitionierte CO2-Bepreisung durchzuführen. Die belastet die Wirtschaft. Daran sollte man auch festhalten. Das sind Leitplanken, an denen sich die Gesellschaft orientieren kann und die Wirtschaft sich orientieren kann. Die sind nicht falsch geworden, weil wir jetzt diese Krise haben. Aber im Nachgang, wenn wir sehen, was an Kosten aufgelaufen ist für diese Krise, wenn wir sehen, was an zusätzlicher Staatsverschuldung da ist, werden wir über einen Plan nachdenken müssen, wie diese Verschuldung zurückgeführt werden kann.

00:14:32: Ursula Weidenfeld: Und die Vorstellung, die ja nach dem Jahr 2008/2009 wunderbarerweise Realität geworden ist, dass man aus dieser Verschuldung rauswächst, dass man sie über Wachstum und über den Zuwachs der Volkswirtschaft am Ende finanzieren kann, so wie das gelungen ist in den vergangenen zehn Jahren, die ist diesmal irreal.

00:14:50: Gabriel Felbermayr: Die ist deutlich unwahrscheinlicher. Das ist richtig. Denn wir haben es ja mit einer Krise der ganzen Welt zu tun. Die 2008/2009-Wirtschaftskrise war eine vor allem der USA und Europa. China hat die Krise sehr gut überdauert und hat dann auch sozusagen die Nachfrage produziert, mit der sich Deutschland aus der Krise ziehen konnte. Das fällt diesmal deutlich geringer aus, dieser Nachfrageimpuls aus dem Rest der Welt. Dazu kommt, dass auch in Deutschland selber die Wachstumsreserven, die damals zur Verfügung standen, nicht mehr da sind. Wir hatten ja 2009 sehr viel höhere Arbeitslosigkeit, auch eine geringere Arbeitsbeteiligungsrate. Und in diesem Aufschwung danach, den zehn Jahren nach 2009 ist es gelungen, vor allem die Beschäftigung deutlich zu steigern. Und durch diese Beschäftigungssteigerung sind die Staatseinnahmen deutlich gestiegen Und auch eine zweite Reserve steht nicht mehr zur Verfügung: 2009 waren die Zinsen noch deutlich höher, die Zinsen, die auf Staatsschulden bezahlt werden mussten. In den letzten zehn Jahren sind die Zinsen deutlich gesunken, und der Finanzminister konnte sich refinanzieren mit sehr niedrigen Zinssätzen. Aber auch das sind Einmaleffekte, denn die Zinsen werden nicht mehr deutlich fallen können. Die sind mittlerweile auf deutsche Zehnjahres-Anleihen ja schon teilweise negativ oder nahe bei null, sodass da ein weiteres Absinken nicht mehr möglich ist. Also weder über die Zinseffekte noch über die Erhöhung der Beschäftigung lassen sich Wachstumsimpulse erzeugen oder zusätzliche Steuereinnahmen erzeugen oder Steuerspielräume erzeugen, mit denen man dann diese Schulden zurückzahlen kann. Das heißt, es wird stärker als in den letzten Krise darauf hinauslaufen müssen, dass es auch Steuererhöhungen gibt.

00:16:26: Ursula Weidenfeld: Gucken wir auf das Konto der aktuellen Wirtschaftspolitik. Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat ja auch ein Krisenprogramm und hat eben gesagt, der Staat werde sich an Unternehmen beteiligen, die unverschuldet in die Krise geraten werden. Niemand werde seinen Arbeitsplatz verlieren, wenn ein Unternehmen gut sei, aber eben unverschuldet nun in großen Problemen ist. Und er sagt ja auch: Wir müssen — zum Beispiel so etwas wie medizinische Masken — die Produktion in Deutschland halten und in Deutschland intensivieren. Und das wird der Staat auch tun. Der Staat mischt, jedenfalls wenn der Wirtschaftsminister sich mit seinen Vorstellungen durchsetzt, in Zukunft wieder wesentlich stärker als Eigentümer, als operativer Mentor in der Wirtschaft mit. Ist das klug?

00:17:11: Gabriel Felbermayr: Das ist für die Bewältigung der akuten Phase wahrscheinlich in der Tat klug. Es ist notwendig, dass der Staat Insolvenzen vermeiden hilft von Unternehmen, die deswegen in Schwierigkeiten sind, weil der Staat ihnen die Transaktion verbietet und nicht, weil sie irgendwas falsch gemacht hat. Der Staat verursacht diesen Schaden, indem man den Shutdown beschlossen hat. Und er muss deswegen auch etwas leisten, um den Schaden von den Unternehmen klein zu machen. Das kann im Zweifel auch bedeuten, dass der Staat ins Eigenkapital von Unternehmen geht. Aber das ist eine Ultima Ratio. Das sieht auch der Wirtschaftsminister so. Es ist aber klar, dass in einer solchen Krise der Staat als Spieler und als Macht in der Wirtschaft eine größere Rolle hat als in einer Situation, in der die Konjunktur ganz normal läuft. Wichtig ist, dass man nach der Krise diesen Staatseinfluss wieder zurück baut. Dass zum Beispiel, wenn der Staat Eigentum erwirbt an der Lufthansa, dass diese Eigentumsrechte wieder verkauft werden, die Aktienpakete wieder verkauft werden. Und zwar nicht in 20, 30 Jahren, sondern möglichst schnell. Am besten wäre es, wenn man zugleich heute ein Datum setzt, zum Beispiel, dass der Staat nicht länger als fünf Jahre in den Unternehmen investiert bleibt. Was wir nicht zulassen können, denke ich, dass der Staat und der Steuerzahler mit vielen Milliarden Euro im Risiko stehen und dann die Unternehmen möglicherweise Maßnahmen ergreifen, wie das Auszahlen hoher Boni oder das Verlagern von Produktion, die dann diesem Engagement des Steuerzahlers in der Krise gar nicht gerecht werden.

00:18:40: Ursula Weidenfeld: Gucken wir noch ganz kurz auf das kommende Jahr, und die Ökonomen in Deutschland sind ja traditionell auch Politikberater. Wir werden im kommenden Jahr eine Bundestagswahl haben, im Herbst voraussichtlich. Wie wird die Wirtschaft im Vorfeld dieser Wahl dastehen?

00:18:57: Gabriel Felbermayr: Ja, also, wir reden über die ersten zwei, drei Quartale des Jahres 2021. Wir haben riesige Prognoseunsicherheiten. Deswegen lehne ich mich jetzt stark aus dem Fenster. Aber nach dem, was uns am wahrscheinlichsten vorkommt, ist es so, dass wir dieses Jahr 2020 mit der Krise beschäftigt sein werden, das dann aber 2021 ein Aufschwung kommt. Und in diesem Aufschwung auch Aufhol- und Nachhol-Effekte gesehen werden. Das heißt, was wir jetzt nicht konsumieren, und das Auto, das wir jetzt nicht kaufen, den Urlaub, den wir jetzt nicht antreten, den verschieben wir ja dann ins Jahr 2021. Das heißt, es kann durchaus passieren, dass im Vorfeld dieser Wahl Deutschland sich in einer Art Wirtschaftsboom befindet, weil nach der Krise eben diese Nachhol- und Aufhol-Effekte für eine besondere Dynamik sorgen.

00:19:43: Ursula Weidenfeld: Herr Professor Felbermayr, vielen Dank für das Gespräch.

00:19:46: Gabriel Felbermayr: Frau Weidenfeld, sehr gerne.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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