Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie hat unser Leben verändert, aber wie genau eigentlich? Dazu frage ich hier im Podcast Wissenschaftler, die Einblick in ihren Fachbereich geben und in die Zukunft blicken, in eine Zukunft mit Corona. Heute rede ich mit dem Psychologen Professor Kai Sassenberg vom Leibniz-Institut für Wissensmedien über die Frage, wie sich Menschen in einer Bedrohungssituation verhalten, damit es ihnen besser geht, und darüber, unter welchen Bedingungen das klappen kann. Herr Sassenberg, wie verändert sich denn in einer Bedrohungssituation wie Corona, die zunächst mal ja ganz akut da war und jetzt in so eine Art Dauerbedrohung übergeht, wie verändert sich da die Aufmerksamkeit von Menschen für Wissenschaftler?

00:00:42: Kai Sassenberg: Das lässt sich natürlich nicht global für jede Bedrohungssituation sagen. Grundsätzlich ist es so, dass Menschen, die negative Gefühle haben, die sich bedroht fühlen, nach Lösungen suchen, das ist ja auch erst einmal plausibel. Und dann sucht man die eben bei den Personen, von denen man sich am meisten Lösungen verspricht. Wenn es eine politische Bedrohungssituation gibt, wird man sich vermutlich an nicht an Wissenschaftler, sondern an Politikerinnen und Politiker wenden. Wenn es aber wie in dem aktuellen Fall eine Bedrohung gibt, bei der man die Experten in der Wissenschaft vermutet, dann wendet man sich eben genau an diese und hört denen auch relativ aufmerksam zu. Das merkt man an der Aufmerksamkeit und Medienpräsenz, die im Moment Virologen bekommen.

00:01:21: Ursula Weidenfeld: Das Internet spielt dabei eine große Rolle, also nicht nur die öffentlich-rechtlichen Medien, sondern auch neue Formate wie Podcasts, wie das Internet insgesamt. Wie suchen Menschen, die sich bedroht fühlen, Sie sagen, die negative Gefühle haben, die Angst haben? Wie suchen die nach Informationen?

00:01:38: Kai Sassenberg: Grundsätzlich suchen die Informationen meistens aus einer ganz funktionalen Perspektive. Wenn ich eine Krankheit habe, möchte ich diese Krankheit wieder loswerden, wenn die Krankheit vor meiner Tür draußen überall droht, wie im aktuellen Fall, dann versuche ich, Informationen darüber zu gewinnen, wie ich mich schützen kann. Das heißt, es wird mit einer sehr gezielten Perspektive Informationen gesucht. Bei der Corona-Pandemie muss man wahrscheinlich gar nicht so wahnsinnig viel Informationen im Internet suchen, denn welche Medien man auch immer betrachtet: Man bekommt natürlich reichlich Informationen auf allen Kanälen.

00:02:10: Ursula Weidenfeld: Eigentlich ist es ja gar nicht so schlecht, wenn Menschen überall nach Informationen suchen. Worauf kommt es denn dann an, wenn es darum geht, dass sie die richtigen Informationen, dass sie kompetente Informationen finden?

00:02:20: Kai Sassenberg: Zum großen Teil suchen Menschen natürlich, wie das üblich ist, über die großen bekannten Suchmaschinen. Und dann wird eben versucht, Information zu extrahieren aus unterschiedlichsten Quellen. Die sind auch unterschiedlicher Qualität, wie das im Internet immer so der Fall ist. Und dann wird eben von den Menschen entsprechend ihres Suchziels ausgewählt. Das heißt, Menschen, die Angst haben, wählen häufig Informationen aus, die diese Angst reduziert, also vor allem positive Informationen. Menschen versuchen, ihre Meinung zu bestätigen und ähnliche Dinge.

00:02:51: Ursula Weidenfeld: Nun ist es ja so, dass nicht nur im Moment jedenfalls Menschen etwas suchen im Internet, nach Informationen über Corona oder über die Frage, wie sie sich verhalten können. Sondern es gibt ja auch andere, die Menschen davon überzeugen wollen, dass sie sich an etwas gewöhnen, dass sie sich an Regeln halten, die neu sind. Was müssen denn diejenigen beachten, die sozusagen ihre Informationen oder ihre Anliegen, ihre politischen Anliegen an Menschen bringen wollen?

00:03:19: Kai Sassenberg: Was wichtig ist, um tatsächlich zu überzeugen davon, dass zum Beispiel Maßnahmen und Regelungen eingehalten werden: sicher eine klare und einstimmige Kommunikation. Das heißt, dass Aussagen nicht unbedingt dahingehend sind, dass in jedem Bundesland zum Beispiel die gleiche Regel angewendet werden muss. Aber in dem Moment, wo unterschiedliche Kriterien angelegt werden, wird es sehr, sehr schwierig, Menschen zu überzeugen, die Regeln einzuhalten. Denn das deutet darauf hin, dass keiner so genau weiß, was wirklich das Richtige ist.

00:03:48: Ursula Weidenfeld: Aber wenn man in einer Phase von großer Ungewissheit lebt, ja, auch in der Forschung — wir wissen einfach nicht so sehr viel über dieses Virus, und wir wissen auch noch nicht so sehr viel, ehrlich gesagt, darüber, wie man seine Verbreitung tatsächlich eindämmen kann jenseits von strengen Quarantäne-Vorschriften — wenn man noch nicht so viel weiß, wie kann man denn dann dennoch so kommunizieren, dass Menschen, wenn sie im Internet unterwegs sind, um sich Informationen zu beschaffen, die — in Anführungszeichen — richtigen Informationen bekommen und die auch glauben?

00:04:18: Kai Sassenberg: Auf die Seite der Kommunikatoren bleibt einem wenig anderes übrig, als eine Einigkeit darüber herzustellen, bevor man kommuniziert. Ob man die richtigen Informationen hat oder nicht, steht dann auf einem anderen Blatt. Aber um eine konsistente Kommunikation herzustellen, und das ist ja das, was auch in Deutschland sehr offensichtlich versucht wird, müssen sich eben die entsprechende Kommunikatoren — das sind dann meistens die Vertreter der unterschiedlichen Länder — absprechen. Und das heißt nicht, dass sie immer das Gleiche kommunizieren müssen, von Monat zu Monat, das wird sich ändern, weil natürlich die wissenschaftliche Erkenntnislage sich ändert. Gerade bei so einer jungen Krankheit, von der wir hier reden. Aber sie müssen sich eben absprechen, und sie müssen einheitlich kommunizieren, wenn sie überzeugen wollen.

00:04:58: Ursula Weidenfeld: Und das gilt auch für Wissenschaftler.

00:05:00: Kai Sassenberg: Das gilt definitiv nicht für Wissenschaftler. Ich glaube, gilt auch nicht allgemein in der Politik. Man kommt immer schnell in den Verruf, wenn man nach konsistenter Kommunikation fragt, gegen jeglichen Pluralismus und gegen jegliche Demokratie zu sein. Das ist natürlich absolut falsch. Meine Antwort war die Antwort auf die Frage: Was müssen Politiker tun, damit sie überzeugen und damit die Maßnahmen eingehalten werden? Das Problem ist, dass die Gesellschaft einen Diskurs braucht und erst recht die Wissenschaft. Denn Wissenschaft funktioniert ja nicht so, dass eine Person eine Studie macht. Und dann hat man ein Ergebnis, und dann weiß man, was man tun muss, sondern Studien müssen aus unterschiedlichen Perspektiven beachtet werden. Jemand, der die Studie durchgeführt hat, hat vermutlich ein positiveres Bild von den Ergebnissen und ist auch geneigt, die positiver zu verkaufen und so weiter. Das heißt, innerhalb der Wissenschaft muss es einen Diskurs geben. Wünschenswert ist, und das ist das, was viele Virologen aus meiner Wahrnehmung heraus noch versuchen, dass die Kommunikation nach Außen erst dann stattfindet, wenn der wissenschaftliche Diskurs einen gewissen Fortschritt gemacht hat.

00:06:01: Ursula Weidenfeld: Wenn man den Diskurs über Corona und über mögliche Erkenntnisse über die Krankheit aus der Wissenschaft, aber eben auch aus der Politik, wenn man das zusammenfasst: Wie weit darf das gehen, dieser Diskurs? Es gibt ja im Moment sehr viele Diskussionen darüber, woher das Virus kommt. Hat China das aus einem Labor unbeabsichtigter Weise rausgelassen, oder ist es tatsächlich so, dass man über eine Zoonose, also eine tierische Übertragung in einem Markt reden muss? Es gibt Leute, die sagen Bill Gates ist an allem schuld. Es gibt Menschen, die vermuten, dazu gehört übrigens auch der amerikanische Präsident, zumindest zwischenzeitlich mal, dass Bleichmittel helfen könnte. Ist das auch alles zugelassen in diesem Diskurs?

00:06:45: Kai Sassenberg: Ich glaube, man muss da deutlich unterscheiden. Zum Einen kann ich mich wissenschaftlich natürlich nicht dazu äußern, ob etwas zugelassen ist in einem Diskurs oder nicht. Ich kann nur über die Ergebnisse von so einer öffentlichen Diskussion etwas sagen. Und man kann sehr klar sagen, dass das Berichten über Verschwörungstheorien und das Spekulieren darüber, dass China einen Kampfstoff entwickelt hat, das ist ja immer implizit in solchen Verschwörungstheorien, dass das Virus aus einem Labor in China entstand, mitschwingt. Solche Verschwörungstheorien haben Effekte auf Menschen, wenn die kommuniziert werden. Ich kann nicht sagen, ob das zugelassen ist oder nicht. Aber ich kann sehr klar beschreiben, welche Einflüsse solche Verschwörungstheorien haben und so eine einseitige Betrachtung, die dann häufig damit einhergeht, haben.

00:07:31: Ursula Weidenfeld: Und welche Einflüsse haben Verschwörungstheorien bei Corona?

00:07:34: Kai Sassenberg: Verschwörungstheorien bei Corona, das zeigen unsere eigenen, aber auch einige andere Studien führen ganz klar dazu, dass Menschen weniger bereit sind, die physische Distanzierung, die gefordert ist, und andere Maßnahmen, die soziale Konsequenzen haben, zu befolgen. Das heißt vor allen Dingen das Glauben an Verschwörungstheorien. Also Menschen, die sagen: Ja, das Virus kommt möglicherweise aus einem spezifischen Labor in China. Oder noch viel mehr Menschen, die glauben, dass Regierungsvertreter in Deutschland — also eine Theorie, die im Umlauf ist — eine Wirtschaftskrise, die eigentlich aufgekommen wäre, verdecken wollen. Diese Menschen haben tatsächlich eine geringere Neigung, den von der politischen Seite vorgegebenen Maßnahmen zu folgen.

00:08:19: Ursula Weidenfeld: Wer glaubt an solche Verschwörungstheorien? Sind es Menschen, die besonders viel Angst haben?

00:08:23: Kai Sassenberg: Der Glaube an Verschwörungstheorien hängt mit einer Reihe von Faktoren zusammen. Zum Einen ist es Unsicherheit. Zum Anderen ist es, wie Sie ansprechen, Angst. Das sind die zwei, zwei Hauptbereiche. Das ist dann häufig das Streben nach einer Erklärung von einer Situation, also die Frage "Wer glaubt daran?" führt immer dazu, dass man spezifische Menschen verurteilt? Ich würde die Frage auch situativ stellen: Wann glaubt man daran? Das erklärt, warum im Moment Verschwörungstheorien so eine Hochkonjunktur haben. Es ist eine Situation hoher Unsicherheit. Es weiß keiner ganz genau, wann und wie und ob überhaupt der Weg zurück in die Normalität führt. Und damit haben die Menschen natürlich auch Angst. Menschen haben Angst um ihre Arbeit. Menschen haben Angst vor dem Virus. Es gibt also viele Punkte, die im Moment eine große Rolle spielen. Und das führt tatsächlich dazu, dass man nach einfachen Informationen, nach einfachen Erklärungen der Situation sucht, die einem dann auch einen klaren Weg weisen. Und wenn ich daran glaube, dass die Regierung die Wirtschaftskrise verdecken will, dann gibt es überhaupt keinen Grund, nicht rauszugehen. Dann ist das Virus ja völlig unwirksam eigentlich.

00:09:32: Ursula Weidenfeld: In dem Weltbild derer, die dieser These vertrauen oder die an diese These glauben. Wenn man sich jetzt fragt: Wie erreicht man denn Menschen, denen man diese Angst nehmen will, denen man vielleicht auch einen Rückweg in einen normalen — in Anführungszeichen — normalen Diskurs öffnen will? Wie erreicht man denn die? Kann man die kriegen und dann davon überzeugen, dass das Coronavirus doch da ist und dass es gefährlich ist und dass es eine Bedrohung ist?

00:10:01: Kai Sassenberg: Es ist tatsächlich schwer, Menschen, die wirklich an Verschwörungstheorien glauben, nicht die sie nur mal aufschnappen und zwischendurch dann darauf verweisen, sondern Menschen, die wirklich, deren Wahrheit das ist, deren Realität das ist, was diese Verschwörungstheorien kommunizieren, die sind unheimlich schwer zu erreichen, denn jede Aussage, die man dann trifft, jeder Diskussionsversuch und jeder Anknüpfungspunkt, den man schafft, der kann natürlich gleich wieder in die Verschwörungstheorie integriert werden. Wenn ich also sage: Seht ihr nicht die Bilder aus den italienischen Krankenhäusern? Dann kommt zurück: Na ja, das ist ja alles nur Fake News. Das ist ja alles nur nachgemacht. Du glaubst ja nur dem Mainstream. Diese Verschwörungstheorien führen zu einer unheimlichen Immunisierung gegen Kommunikation. Das schirmt quasi alles ab, was von außen kommt. Es gibt leider bisher wenig Forschung dazu, wie man tatsächlich Verschwörungstheorien verändern kann. Was wir versuchen im Moment, tatsächlich in einem neuen Forschungsprojekt, das wir jetzt gerade starten, ist, zwei Wege zu gehen. Der eine Weg ist darüber, Vertrauen aufzubauen zu diesen Personen, aber da ist das Internet mit Sicherheit nicht der ideale Weg. Und da ist auch das Massenmedium, also Fernsehen oder Zeitung, nicht der ideale Weg. Der andere Weg ist tatsächlich über eine extreme Kommunikation oder eine Kommunikation, die zu alternativen Gedanken anregt. Man kennt das aus dem Bereich der Veränderung von Vorurteilen. Da hilft es, wenn man Menschen, die Vorurteile zum Beispiel gegen Moslems haben, fragt: Wie kann denn das dazu kommen, dass wir vielleicht bald kein Weihnachten in Deutschland feiern oder ähnliche Dinge, also indem man Vorurteile überzieht. Das kann man natürlich auch mit Verschwörungstheorien machen. Wenn man die Verschwörungstheorien und die Konsequenzen überzieht, könnte man eventuell erreichen, dass eine Meinungsänderung zustande kommt.

00:11:44: Ursula Weidenfeld: Sind es denn immer dieselben Leute, also wenn man sich fragt: Wer ist die Gruppe, die an Verschwörungstheorien glaubt? Sind es Leute, die jetzt denken, Corona ist nicht existent oder ist ein politisches Instrument? Sind es dieselben, die glauben, dass der 11. September 2001, der Angriff auf das World Trade Center von Amerika, selbst gemacht worden ist? Oder dass die britische Königsfamilie Prinzessin Diana selbst umgebracht hat? Sind es immer dieselben Leute, die dieselben Lügen glauben?

00:12:15: Kai Sassenberg: Es ist tatsächlich so, dass Menschen, die an eine Verschwörungstheorie glauben, mit höherer Wahrscheinlichkeit auch an eine andere Verschwörungstheorie glauben. Das geht so weit, dass die Menschen, die daran glauben, dass das britische Königshaus Lady Diana getötet hat, auch daran glauben, dass Lady Diana noch lebt, zumindest mit höherer Wahrscheinlichkeit.

00:12:33: Ursula Weidenfeld: Was sich aber doch eigentlich ausschließt.

00:12:35: Kai Sassenberg: So ist das. Aber es ist tatsächlich so, dass es eine Tendenz gibt, verschwörerischem Gedankengut anzuhängen. Es sollte aber nicht so rüberkommen, dass man die Verschwörungstheoretiker auf der Straße ausmachen kann und dass man mit dem Finger auf einige Leute zeigen kann. Was da viel mehr dahinter steckt, ist vermutlich eine bestimmte Art und Weise, mit Fakten umzugehen. Das weist jetzt zurück auf den Punkt, den ich vorher gemacht habe, mit der Unsicherheit und der Angst. In dem Moment, wo man solche Emotionen hat, ist man eher gewillt, oberflächlich aufgebaute Erklärungen zu glauben. So sind Verschwörungstheorien konstruiert. Es gibt einen Punkt, der meistens sogar valide ist. Wenn ich das am Beispiel des Impfens beschreiben kann: Da sieht es so aus, dass die Verschwörungstheorie sagt Pharma-Unternehmen verdienen viel an Impfungen. Und das ist auch der Grund, warum es Impfungen gibt. Und was dann die Verschwörungstheorie macht, ist, die setzt diese eine Information, dass die Unternehmen an den Impfungen verdienen, in den Vordergrund. Und dann kommen eine Reihe von Informationen dazu, die völlig unbalanciert sind, wo auch viel außer Acht gelassen wird. Und da wird dann eben die Verschwörungstheorie drum herum gebaut. Letztlich ist es so, dass Laien diese gesamte Argumentation, auch die von Virologen im Moment in der Öffentlichkeit, nicht nachvollziehen können, sondern glauben müssen. Was die Personen tun, die an Verschwörungstheorien glauben, ist, die glauben halt an eine andere Geschichte, nicht die wissenschaftliche, sondern eben ein, die jemand in den Raum wirft, und die folgen dann letztlich genau dem Gedankengang, ohne ihn groß zu prüfen, ohne den Hintergrund zu prüfen. Wenn man sich im Internet Quellen anguckt, die Verschwörungstheorien in die Welt setzen, und das genau überprüft, stellt man fest, das ist häufig der Einstieg über einen Fakt und dieses Faktum — oder vielleicht sind es auch manchmal zwei oder drei Punkte — wird dann unterstützt durch Dinge, die einfach nicht wahr sind, die einfach falsch sind. Aber so weit geht dann keiner mehr, das zu prüfen. Und das fällt Menschen eben unheimlich leicht, mit dieser einen klaren Geschichte zu leben, wenn sie unsicher sind, wenn sie Angst haben und wenn sie einfach sich so sehr danach sehen, dass die Welt um sie drum herum wieder vorhersehbarer wird.

00:14:33: Ursula Weidenfeld: Und wenn man sich jetzt die andere Seite anschaut, also die anderen, die nicht an Verschwörungstheorien glauben? Das sind ja oft diejenigen, die sich so lustig machen, die das irgendwie ins Lächerliche ziehen, die sagen: "Guck mal, da ist so ein Trottel, der denkt das und das". Ist das eine gute Strategie, um Verschwörungstheoretikern oder Menschen, die solchen Theorien anhängen oder die diese einfachen Erklärungen, zu einfachen Erklärungen suchen, um denen angemessen zu begegnen?

00:15:01: Kai Sassenberg: Nee, ganz im Gegenteil. In dem Moment, wo ich anfange, jemanden zu verurteilen, wird er mir vermutlich nicht mehr zuhören. Wenn ich in der Diskussion jemanden von etwas überzeugen will, das ist ja eine sehr ungeschickte Strategie, jetzt als Allererstes zu sagen: "Du bist ja doof." Und genau das passiert an der Stelle auch. Also, Verurteilungen helfen überhaupt nicht, sondern ein Weg, diese Menschen zu erreichen, muss wahrscheinlich sein, Vertrauen aufzubauen. Vertrauen spielt im Kontext von Verschwörungstheorien eine große Rolle oder eben geringes Vertrauen. Das erreicht man mit Sicherheit nicht darüber, dass man diese Menschen verurteilt oder belächelt oder wie auch immer.

00:15:31: Ursula Weidenfeld: Sie haben eine Studie gemacht, die sich mit Verschwörungstheoretikern während Corona-Zeiten beschäftigen. Und sie haben dabei festgestellt, dass die zwar alle sehr wenig von der Regierung halten und noch weniger von den Regeln, die diese Regierung uns jetzt auferlegt, aber sich trotzdem alle brav die Hände waschen. Wie kann das sein?

00:15:48: Kai Sassenberg: Das passt sehr gut zu der Bedeutung von Angst und Unsicherheit im Kontext von Verschwörungstheorien. Es kann ja nicht schaden, wenn ich mir die Hände wasche. Also mache ich das dann mal an allererster Stelle. Also, all diese Handlungen, von denen Menschen glauben, sie könnten helfen, aber sie können auf keinen Fall schaden, die werden natürlich besonders dann gezeigt, wenn man sich grundsätzlich unsicher fühlt, wenn man Angst hat. Und das ist genau das, was Leute, die an Verschwörungstheorien glauben, tun. Das heißt nicht, dass die Verschwörungstheorie das grundsätzlich verursacht, sondern dass es eben diese generelle Grundhaltung gegenüber der Welt und ihrer Umgebung. Man findet auch zum Beispiel eine verstärkte Nutzung von Komplementärmedizin und das deutlich an Verschwörungstheorien Glauben.

00:16:30: Ursula Weidenfeld: Komplementärmedizin heißt: Dinge, die für den medizinischen Gebrauch nicht zugelassen sind. Also Ingwer-Kurkuma-Tee und Konsorten.

00:16:36: Kai Sassenberg: Ganz genau und viele ähnliche Dinge. Da wird sich quasi vorbereitet, da wird alles getan, damit man eine Sicherheit schafft. Auf der Gesundheitsseite ist das dann der entsprechende Tee oder was auch immer man tut. Auf der Informationsseite ist es dann eben diese einfache Erklärung der aktuellen Situation.

00:16:53: Ursula Weidenfeld: Hat das Internet dafür gesorgt, dass wir heute mehr Verschwörungstheorien haben, die im Feld sind und die geglaubt werden? Oder gibt es andere Gründe dafür, dass Verschwörungstheorien im Augenblick so viel Zulauf finden?

00:17:06: Kai Sassenberg: Es ist immer schwierig, über einen zeitlichen Verlauf klare Aussagen darüber zu machen, was was verursacht hat. Es ist aber auf jeden Fall so, dass viele Verschwörungstheorien im Internet zu finden sind. Es ist im aktuellen Kontext überraschend stark, wie weit sogar öffentliche Medien über diese Verschwörungstheorien berichten. Das ist tatsächlich eine neue Tendenz, und die kommen nicht — natürlich — aus den klassischen Medien, sondern sie kommen häufig aus Sozialen Medien und dem Internet.

00:17:36: Ursula Weidenfeld: Ist es falsch, zu berichten?

00:17:38: Kai Sassenberg: Es gibt eine gewisse Gefahr, die sollte man nicht außer Acht lassen. Es gibt Studien aus dem Bereich Klimawandel und politisches Engagement, die darauf hinweisen, dass das reine Informiertwerden über Verschwörungstheorien, die Motivation senkt, sich zu engagieren für die Gemeinschaft, für das Kollektiv. Am Beispiel des Klimawandels: Menschen, die über Verschwörungstheorien rund um den Klimawandel informiert werden, sind weniger willens, sich gegen den Klimawandel zu engagieren und ihr Verhalten anzupassen.

00:18:11: Ursula Weidenfeld: Unabhängig davon, ob sie daran glauben oder nicht.

00:18:13: Kai Sassenberg: Zunächst mal unabhängig davon, ob sie daran glauben, in rein experimentellen Studien, wo die Menschen entweder informiert werden oder nicht informiert werden. Und der Glaube sollte dann eigentlich — das ist eine zufällige Zuordnung — erst mal gleich verteilt sein. Die einen werden informiert. Die anderen werden nicht informiert, und das alleine senkt die Motivation, sich zu engagieren. Der Grund dafür liegt vermutlich darin, dass, wenn jemand etwas kommuniziert und diese Theorien dann im Umlauf sind — und das gilt natürlich umso mehr, wenn sie in den öffentlich-rechtlichen Medien im Umlauf sind — dann ist ja auch nicht so ganz klar, ob da nicht etwas dran ist.

00:18:45: Ursula Weidenfeld: Aber das gilt doch für jeden anderen Zweifel auch. Also, wenn ich einen Streit über den Klimawandel habe zwischen Umweltforschern und Klimaforschern und Ökonomen, die sagen, dass es, ihr überzieht das, so schlimm wird es gar nicht. Oder der technische Fortschritt, der hilft uns da schon raus? Dann habe ich doch auch dieses Gegenargument, diesen Diskurs darüber, ist das denn alles richtig und ist es alles wahr, ohne dass ich Verschwörungstheorien verbreite. Ist es dann dasselbe Ergebnis? Sind die Leute dann auch nicht bereit, sich zu engagieren?

00:19:15: Kai Sassenberg: Ich glaube, es kommt darauf an, ob es ein Diskurs ist. Es ist tatsächlich schwer zu sagen, ich wüsste jetzt, der Vergleich, den Sie herstellen, der absolut plausibel ist, da kann ich aus wissenschaftlicher Perspektive wenig dazu sagen. Aber aus meiner persönlichen Perspektive, aus meinem grundsätzlichen Verständnis heraus würde ich sagen, dass der politische Diskurs, der ja mit beiden Seiten, mit Argumenten geführt wird, ein anderer ist als die Verschwörungstheorie. Wenn ich argumentiere, dann bleibe ich hoffentlich auf einer sachlichen Basis. Und dann sollte, selbst wenn das meine Motivation senkt, das in irgendeiner Weise Hand und Fuß haben. Wohingegen wenn es mit der Verschwörungstheorie, also eigentlich mit falschen Informationen ist, dann hat die Entscheidung natürlich deutlich weniger eine sachliche Begründung. Und ob das, was dann beim Menschen passiert, immer das Gleiche ist oder nicht das Gleiche ist, das eine andere Frage. Aber in der Außenperspektive, in der Außenbeurteilung ist natürlich klar, dass ein Diskurs, der mit auf Fakten basiert, mit Recht Verhalten beeinflusst, wohingegen eine Information über eine vermutlich falsche Verschwörungstheorie das Verhalten natürlich weniger beeinflussen sollte. Ich glaube, der Unterschied liegt nicht unbedingt daran, in der psychologischen Seite, in der menschlichen Seite, sondern der Unterschied liegt daran, ob wir willens sind, das zu akzeptieren.

00:20:23: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Herr Sassenberg.

00:20:24: Kai Sassenberg: Gerne.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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