Coronavirus -

Coronavirus - "Tonspur Wissen"

Ein Podcast von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:00: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Die Corona-Pandemie hat unser Leben verändert. Aber wie genau eigentlich? Dazu frage ich hier im Podcast Wissenschaftler, die Einblick in ihren Fachbereich geben und in die Zukunft blicken, in eine Zukunft mit Corona. Heute rede ich mit Professor Christoph Schmidt, dem langjährigen Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage und Präsident des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, über die Frage, was sich durch Corona in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt verändert. Herr Schmidt, ganz offensichtlich gerät der Arbeitsmarkt jetzt ins Rutschen. Offenbar denken in einigen Branchen, zum Beispiel Reisebüro, Hotel, Tourismus, viele, dass das Geschäft nicht wieder aufleben wird oder nicht so schnell. Was bedeutet das?

00:00:47: Christoph Schmidt: Ich glaube, wir müssen uns mit dem Gedankengang beschäftigen, dass diese Krise eine ganz andere ist als die letzte große Krise, in der wir ja gerade in Bezug auf den Arbeitsmarkt sehr gut weggekommen sind. Vor rund zehn Jahren war es ja auch so, dass wir einen starken Wirtschaftseinbruch hatten aufgrund der Finanzkrise. Damals haben wir das am Arbeitsmarkt kaum gespürt. Am Anfang haben wir noch gedacht, dass die Arbeitslosigkeit jetzt wieder stark steigen wird. Das ist nicht so gekommen. Es hat aber mehrere Gründe gehabt. Zum einen waren wir in diesen Jahren auf dem Weg zu einem besseren Arbeitsmarkt-Gleichgewicht. Nach einer langen, langen Zeit hoher verfestigter Arbeitslosigkeit waren wir ja nach der Mitte des ersten Jahrzehnts des Jahrhunderts aufgrund der Agenda 2010 oder zumindest im Zuge der Umsetzung derselben — welchen Anteil sie jetzt genau gehabt hat, ist jetzt müßig — aber zumindest waren wir auf dem Weg in eine niedrigere strukturelle Arbeitslosigkeit mit weniger Langzeitarbeitslosen und einem geringeren Bestand an Arbeitslosen insgesamt und höherem Beschäftigungsstand. In der Phase hat uns eine schwere Krise erwischt. Da waren wir aber besser dran als andere, die diesen Weg zu einem besseren Gleichgewicht gerade nicht durchmachten. Und es war ein ganz klarer Nachfrageschock für die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft, der aber auch nach einiger Zeit abebbte. Damals war die Kurzarbeit in der Lage, das zu überbrücken. Unter anderem. Da gab es mehrere Faktoren auch, also die Puffer, die die Unternehmen aufgebaut hatten, an Überstundenkonten beispielsweise, spielt eine eigene Rolle, aber die Kurzarbeit war ein wichtiges Element und rechtzeitig, nachdem die ersten Monate Kurzarbeit gegriffen hatte, rechtzeitig sprang dann die Nachfrage wieder an. Die Unternehmen konnten auf ihre bewährte Belegschaft zurückgreifen, mussten keine neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Und die deutsche Volkswirtschaft begann eine Phase des Wachstums.

00:02:27: Ursula Weidenfeld: Was ist diesmal anders?

00:02:28: Christoph Schmidt: Heute ist die Diskussion eine andere, weil wir gleichzeitig eine Nachfrage- und Angebotsproblematik haben. Die Unternehmen gerade in denjenigen Bereichen, in denen es kundenintensiv zugeht, also in den Dienstleistungsbereichen, in Restaurants beispielsweise, bei Hotels, überall da, wo der menschliche Kontakt zentrales Element der Leistungserstellung ist, dort ist das Geschäft verwehrt, weil ja aus Gründen des Gesundheitsschutzes eben gerade kein Kundenkontakt stattfinden kann. Dass das, wenn es nur kurz anhält, also dass diese Phase, wenn sie nicht lange dauert, mit Kurzarbeit gut zu überwinden sein dürfte, das ist nach wie vor richtig. Aber es wird ja nun wahrscheinlich eine sehr lang anhaltende Phase sein, in der wir noch nicht zum Normalen zurückkehren können. Und das macht auch dieses Instrument der Kurzarbeit irgendwann mal nicht mehr so wirkungsvoll und erlaubt dann eben nicht mehr, alles einfach zu überbrücken, sondern jetzt geht's ans Eingemachte. Jetzt sind die Arbeitsplätze tatsächlich mehr und mehr, je länger diese Phase anhält, in Gefahr und damit natürlich auch die Arbeitslosigkeit ein drohende Leid, das uns wieder treffen könnte oder wahrscheinlich sogar wird.

00:03:33: Ursula Weidenfeld: Und wenn man die unterschiedlichen Dimensionen der Krisen, der Finanzkrise 2008/2009 und der heutigen Krise, sehen will, dann kann man eben auf die Kurzarbeit schauen. 2008/2009 waren es ungefähr zwei Millionen Menschen, die in Kurzarbeit gegangen sind. Heute sind es schon über zehn Millionen. Und das zeigt natürlich auch die Hebel, mit denen dann möglicherweise irgendwann Beschäftigung abgebaut wird. Brauchen wir ein Konjunkturprogramm?

00:03:59: Christoph Schmidt: Im Augenblick als klassisches Konjunkturprogramm, das die Nachfrage stützt und Nachfrage-Ausfälle kompensiert, kann ja nicht die Antwort sein. Denn im Augenblick...

00:04:07: Ursula Weidenfeld: Das sieht die Autoindustrie aber anders. Die hätten gerne Abwrackprämien.

00:04:10: Christoph Schmidt: Ja, insbesondere dort. Ein klassisches Konjunkturprogramm würde ja den Menschen mehr Geld in die Hand geben. Würde eben sagen, hier ist Kaufkraft, die wir einsetzen können, freimütig. Und dann würden sie das in verschiedenen Bereichen nach ihren Vorstellungen tun. Das würde insbesondere natürlich bei den dienstleistungsintensiven, personenintensiven, kontaktintensiven Bereichen ja gar nicht funktionieren, weil das ja momentan kontraproduktiv wäre. Es ginge also nur, da haben Sie einen Punkt angesprochen, indem man ganz bestimmte Bereiche fördert. Das wiederum ist aber auch keine so ganz hervorragende Idee, denn wir haben ja auch Anforderungen an unsere Zukunft, die aus mehr bestehen, und zwar intensives Wachstum und eine innovative und leistungsfähige Wirtschaft vorsehen. Aber sie soll auch gleichzeitig nachhaltig sein. Von daher ist es sicherlich überlegenswerter zu fragen, kann man nicht in eine Infrastruktur für eine Mobilität der Zukunft investieren, statt Kaufprämien für bestehende Fahrzeuge auszuloten. Das erscheint doch kein so wirklich sinnvolles Instrument.

00:05:13: Ursula Weidenfeld: Das heißt, Sie würden in E-Tankstellen, also Stromtankstellen für Autos und Wasserstofftankstellen investieren?

00:05:18: Christoph Schmidt: Ich würd, ja, das schon. Aber ich würde auch noch einen Schritt zurücktreten und noch eine andere Frage stellen: Muss denn die Förderung im Hinblick auf Nachhaltigkeit einzahlenden wirtschaftlichen Tuns, muss diese Förderung eigentlich aus dem Ausgeben staatlicher Mittel bestehen, die vorher Schritt haltend durch höhere Steuern eingetrieben werden müssen oder, wenn Nettokreditaufnahme die Mittel bereitstellt, durch höhere Steuern irgendwann mal später? Oder kann man durch eine intelligente Rahmensetzung bereits in Richtung Nachhaltigkeit voranschreiten? Deswegen müsste an sich, wenn man Nachhaltigkeit mit zum Zukunftsmotto auserkoren hat, müsste eigentlich eine Bepreisung von Umweltschäden, also die ökologische Komponente der Preise für Treibstoffe müsste im Grunde genommen eine große Rolle spielen. Also sprich: der CO2-Preis einheitlich über ganz Europa in allen Bereichen, nicht nur Industrie und Energiewirtschaft, sondern auch bei Mobilität und Wärme. Das würde die Investitionen von Privaten ohnehin in die richtige Richtung lenken.

00:06:18: Ursula Weidenfeld: Wenn wir auf den Arbeitsmarkt schauen, noch einmal: Wir haben damit angefangen und haben gesagt, es gerät da jetzt einiges ins Rutschen. Hat sich der Arbeitsmarkt denn nicht durch die Corona-Krise, durch den Lockdown ohnehin schon fundamental verändert? Wir haben auf einmal gesehen, was man alles von zu Hause aus tun kann, wofür man gar nicht mehr ins Büro gehen muss. Wir haben gesehen, dass in vielen Bereichen ganz offensichtlich sich Arbeit auch anders organisieren lässt. Wird das bleiben?

00:06:47: Christoph Schmidt: Also, ich bin überzeugt, dass wir vieles gelernt haben in der Krise und dass wir auch viele Dinge, die wir in der Krise aus der Not geboren gemacht haben, zu unserem eigenen Wohl und zu einer besseren Verwirklichung von Lebensentwürfen verwenden können. Sie haben angesprochen, die Möglichkeit, von Zuhause aus zu arbeiten, damit auch flexibler zu sein, eigene Bedürfnisse, was Familienarbeit anbetrifft, besser mit dem Arbeitsleben zu verzahnen, flexibler zu sein, was die Geschwindigkeit von Reaktionen anbetrifft, das sind sehr positive Aspekte. Gleichzeitig muss man immer beide Seiten betrachten. Natürlich steigt auch gerade für diejenigen, bei denen das eine gute Möglichkeit ist, Leistung zu erbringen, steigt der Leistungsdruck, steigt die Verfügbarkeit. Wir werden hier viele neue Dinge oder viel von den Dingen, die wir neu aufgegriffen haben, das Arbeiten von der Distanz aus, ohne große Dienstreisen nutzen können. Aber wir werden auch sehen müssen, dass manche Bereiche gibt, in denen das nicht möglich ist. Die Kurzarbeit konzentriert sich ja nicht zuletzt deswegen auf Industriearbeiter und nicht auf diejenigen, die schon zu Hause aus arbeiten können. Sie werden auch sehen, dass sich die Ungleichheit zwischen den einzelnen Berufen, Arbeitnehmern und Branchen durchaus erstmal erhöhen kann dadurch. Denn diejenigen, die in der Lage sind, auf diese Weise zu wirtschaften oder zum Wirtschaftsleben produktiv beizutragen und Einkommen zu erzielen, sind natürlich gut dran. Diejenigen, bei denen das eher nicht der Fall ist, die möglicherweise auch erst einmal größere Umschulungen bräuchten, größere Eingewöhnungszeit, für die wird es ein harter Weg und deswegen ist es eine Medaille mit zwei Seiten.

00:08:20: Ursula Weidenfeld: Das heißt, dass es ganze Berufsgruppen gibt, die in der Krise jetzt möglicherweise ihren Arbeitsplatz verlieren und dann einen sehr hohen Umschulungsbedarf haben und möglicherweise ja dann auch in Berufen arbeiten werden, deren Sozialprestige nicht das ist, was sie gewohnt sind. Wenn man bei Daimler Benz als Facharbeiter im Verbrennungsmotor gearbeitet hat und möglicherweise nach dieser Krise diese Arbeit nicht mehr tun kann, dann ist die Frage eben immer: Werde ich dann wieder als Facharbeiter Automobil irgendwo eine Stelle finden? Oder heißt Umschulung nicht auch, dass sich dann am Ende in einem Beruf lande, der möglicherweise das Sozialprestige des Facharbeiters Automobilwirtschaft nicht hat?

00:09:03: Christoph Schmidt: Ja. Das ist eine sehr schnell verlaufende Form des Strukturwandels, den Sie ja insgesamt sehr gut beschrieben haben. Strukturwandel hat auch in der Vergangenheit, in den vergangenen Jahrzehnten sehr, sehr intensiv gewirkt. Wir haben mit Sicherheit jetzt eine ganz andere Struktur vor der Corona-Krise in unserem Arbeitsmarkt, in unseren Tätigkeitsfeldern, wie noch vor 30 oder 40 Jahren. Das hat sich das Arbeitsleben sehr stark gewandelt, und im Zuge dieses Wandels sind viele neue Arbeitsplätze entstanden und ist das Einkommen insgesamt und den Lebensstandard in Deutschland insgesamt sehr, sehr stark gestiegen. Aber nicht jeder hat davon wirklich etwas gehabt. Diejenigen, die in einer Branche arbeiten, die vormals gut bezahlte Jobs bereitgestellt hat, die jetzt wegfallen und nicht durch ähnliche Jobs ersetzt werden, die werden natürlich zumindest in der absehbaren Frist eher zu den Verlierern eines solchen Wandels gehören. Das ist für eine moderne Volkswirtschaft fast unvermeidbar. Wir haben in unserem Land eine sehr gute Abfederung für diesen Strukturwandel im Vergleich zu anderen, wenn man bedenkt, was in anderen großen Volkswirtschaften wie den USA oder Großbritannien sich an Ungleichheit ergeben hat im Strukturwandel und man sieht, was wir hier an Anstrengungen unternommen haben, um regional abzufedern, um soziale Abfederung zu betreiben, dann können wir schon sagen: Wir haben das viel besser hinbekommen als andere. Aber dass das ganz ohne Schmerzen abgehen kann, ist leider nicht der Fall. In dem Fall, in dem das so schnell ablaufen wird wie jetzt vermutlich in den nächsten Jahren, wird die Aufgabe für den Staat sehr groß sein über Maßnahmen wie beispielsweise das "Arbeit der Zukunft"-Gesetz, also über Umschulungen während der Kurzarbeit und andere Maßnahmen, möglichst viel dazu beizutragen, dass das abgefedert wird. Ganz vermeiden, werden sich alle Härten wahrscheinlich nicht lassen. Können wir, glaube ich, nicht versprechen.

00:10:54: Ursula Weidenfeld: Und wird denn das Sozialprestige von Berufen, über die wir in der Vergangenheit eher mit hochgezogenen Augenbrauen geredet haben — Paketfahrer, Kassiererinnen am Supermarkt — all die Berufe, die jetzt in der Krise weitergearbeitet haben, sich auch weiter exponiert haben und, ja, eben auch gesellschaftlich sehr viel Anerkennung für ihre Tapferkeit bekommen haben, wird sich das Sozialprestige dieser Berufe verbessern?

00:11:20: Christoph Schmidt: Also, ich denke, in der kurzen Frist ist das schon gewährleistet. Wenn die Krise mal ein bisschen aus dem Gedächtnis gerutscht sein mag, dann ist es vor allem wichtig, dass — nehmen wir mal den Bereich der Pflege — die Berufe dort, die beruflichen Tätigkeiten dort auch von ihrer Verantwortung, von ihrer Ausbildung erst mal, aber dann auch von der von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dort auch den ihnen zugesprochenen Verantwortung, der Entscheidungsfreiheit aufgewertet wird. Also, ich denke, dass eine Schwachstelle in unserem Sozialsystem klar identifiziert worden ist in den vergangenen Monaten, die ohnehin schon seit einiger Zeit die Diskussion über den Gesundheitsbereich prägten, nämlich der Mangel an qualifizierten Facharbeitern einerseits oder Fachkräften einerseits, aber andererseits auch viele berufliche Tätigkeiten mit geringer Bezahlung und geringem Ausbildungserfordernis, dass diese Schieflage angegangen werden muss. Das geht aber nur, wenn auch die Ausbildungsinhalte und die Autonomie, vor Ort mitzugestalten, der Tätigkeit und die Verantwortung mitzutragen, wenn die erhöht werden. Da wird sich mit Sicherheit einiges tun. Wie schnell das gehen kann und ob das ausreicht, um, sagen wir mal, die von Ihnen beschriebene Schieflage beim Sozialprestige letztlich auszugleichen, das ist nicht ganz hundert Prozent vorherzusagen.

00:12:39: Ursula Weidenfeld: Aber das wäre doch eigentlich das Entscheidende. Wenn ich sage, es wird viele Berufe geben, die heute ein hohes Sozialprestige und auch ein hohes Gehalt haben, die in der Krise in den nächsten Monaten oder Jahren verschwinden werden, wie vielleicht einige Berufe in der Herstellung von Verbrennungsmotoren. Und wenn ich auf der anderen Seite sage, es gibt auf dem Arbeitsmarkt eine ganz große Leerstelle, zum Beispiel im Bereich der Pflege. Um diese beiden Puzzleteile passend zu machen, müsste doch das Sozialprestige und auch die Entlohnung in der Pflege so angepasst sein, dass ein Automobil-Facharbeiter zum Beispiel ohne große innere Überwindung einen solchen Beruf ergreifen kann und ohne sich dann hinterher auch abgewertet zu fühlen oder entwertet zu fühlen in seiner Qualifikation.

00:13:27: Christoph Schmidt: Na, ich würde eher sagen, dass der Weg vielversprechender ist, dafür zu sorgen, dass eben nicht alle Industriearbeitsplätze aus Deutschland abwandern. Dass man aus einer Arbeit in einem Industriebetrieb, im Automobilsektor, wie Sie es geschildert haben, jetzt in einen ganz anderen Bereich wechselt, in den Pflegebereich, das ist schon ein großer Schritt in vielerlei Hinsicht, nicht nur in Hinsicht auf Prestige, sondern die ganze Ausbildung, die ganze berufliche Erfahrung, die man angesammelt hat, würde ja in dem Bereich gar nicht zur Geltung kommen. Viel besser wäre es doch, wenn wir es schaffen könnten zu sagen: Wir wollen ein Industriestandort bleiben. Wir wollen ein Industriestandort bleiben, der mehr und mehr auch in der Lage ist, Industrieproduktion und Umweltbewusstsein zu verbinden, hocheffizient mit Rohstoffen, mit Energie umzugehen, möglichst wenig Umweltschäden zu erzeugen, aber gleichzeitig doch eine hohe Produktivität und hohe Produktion im Industriebereich herzustellen. Diese Sachen müssten wir, glaube ich, verfolgen, auch aus globaler Sicht. Denn ich mein, eine chemische Industrie, eine Stahl verarbeitende Industrie, einen Automobilsektor, der hier produziert, unter den scharfen Umweltauflagen und mit dem hohen Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Natur, ist doch auch global eine viel bessere Wahl, als die gleiche Industrie woanders anzusiedeln, wo diese Nebenbedingungen nicht eingehalten werden und wo mit der Umwelt Raubbau ge-- wird.

00:14:47: Ursula Weidenfeld: Hängt immer von den Kosten ab, zu denen produziert wird.

00:14:49: Christoph Schmidt: Ja, und deswegen genau brauchen wir diese CO2-Bepreisung und überhaupt ökologische Bepreisung, denn das ist die kostengünstigste Art und Weise. Wir werden uns ohnehin umstellen müssen. Wir werden in Richtung Klimaneutralität gehen müssen. Über kurz oder lang bedeutet das Eingriffe. Die Eingriffe könnten jetzt durch eine Bepreisung so sein, dass sie den Kostenberg, der zu bewältigen ist, möglichst klein halten. Oder man könnte darauf verzichten und dann irgendwann doch zu staatlichen regulatorischen Eingriffen im Einzelfall greifen müssen, die dann viel teurer sind und viel mehr kaputt machen. Von daher der Erhalt von Deutschland als Zukunftsstandort für Innovation, für Industrie und industrielle Wertschöpfung läuft nur über ein System aus meiner Sicht, bei dem die Rahmenbedingungen so sind, dass die Preise zwar die ökologische Wahrheit sagen, aber dennoch die Kosten für die Umstellung möglichst klein gehalten werden. Und dann können wir auch ein Industriestandort sein, der viele gute Industrie-Jobs bereithält.

00:15:44: Ursula Weidenfeld: Ich würde gerne noch mal auf die Solo-Selbstständigen gucken. Wir haben vorher, glaube ich, uns nicht so sehr klar gemacht, wie viele Solo-Selbstständige in Deutschland unterwegs sind. Jetzt wissen wir, dass ungefähr zwei Millionen Solo-Selbstständige betroffen sind von dieser Krise. Wir haben auch gesehen, dass die besonders stark betroffen waren von wegfallenden Aufträgen. Und wir haben auch gesehen, dass das eine Gruppe ist, die ganz offensichtlich ja weder in die Sozialsysteme eingezahlt hat vorher, also weder in die Rentenversicherung, noch in eine Arbeitslosenversicherung — wie soll das auch gehen — , noch jetzt leistungsberechtigt ist. Was heißt das, wenn man eine solche Erwerbstätigen-Struktur hat?

00:16:23: Christoph Schmidt: Ja, wir haben hier eine große Gruppe von Solo-Selbstständigen, das sind tatsächlich mehr als zwei Millionen, das stimmt, und diese Beschäftigungsform birgt in sich Risiken als Lebensentwurf, die wir so in der Schärfe vorher nicht gesehen haben, denke ich, wie jetzt nach der Krise oder in der Krise. Da kann man viel mit Kreativität wettmachen. Ist ja beeindruckend, wie viel da auch über das Internet organisiert wird, beispielsweise Konzerte über das Internet. Also die Kreativ-Berufe sind halt auch kreativ, aber die Digitalisierung wird da nicht alles wettmachen können. Da werden sicherlich Einkommensverluste nur schwer wettzumachen sein, weil das System vorher nicht auf eine so lange Durststrecke ausgerichtet war. Viele werden vermutlich versuchen, in eine reguläre Beschäftigung zu kommen. Aber das ist keineswegs ein Selbstläufer. In Rezessionen, wissen wir ja eigentlich, steigt die Selbstständigkeit eher, als dass sie fällt. Das wird eine ganz schwere Kiste werden.

00:17:19: Ursula Weidenfeld: Es hat ja vorher schon viele Überlegungen gegeben oder viele Sorgen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitiker, die gesagt haben: Wir haben da eine Gruppe, die durch jedes Netz fällt, weil sie in aktiven und guten Zeiten nicht bereit ist, einzuzahlen, und in schlechten Zeiten Geld haben will, das ihr aber eigentlich nicht zusteht. Und genau in der Situation sind wir ja jetzt. Wie würde man da sozial- und arbeitsmarktpolitisch am klügsten vorgehen? Alle in die Rentenversicherung zwingen oder alle in eine Arbeitslosen-Absicherung zwingen für die nächste Krise?

00:17:50: Christoph Schmidt: In der Tat gab es eine gewisse Diskussion unter Ökonomen vor der Krise, wie genau diese Verpflichtung ausgestaltet werden soll. Soll es unbedingt die gesetzliche Rentenversicherung sein? Oder sollte es freie Wahl bleiben, wie man sich absichert? Aber Einigkeit bestand unter allen Ökonomen ohnehin, dass es eine verpflichtende Natur haben sollte, dass die Absicherung tatsächlich verpflichtend sein sollte. Das kann über die gesetzliche Rentenversicherung passieren, muss aber nicht. Aber irgendeine Form der Verpflichtung, das sehen wir jetzt, muss es geben. Sonst steht man nachher in der großen Krise ohne die Absicherung da, und natürlich die Gesellschaft wird natürlich diesen Teil der Gesellschaft nicht fallen lassen, sondern ihn unterstützen. Das heißt, die Verpflichtung zur Vorsorge hilft langfristig allen.

00:18:33: Ursula Weidenfeld: Das heißt aber, dass eben diese Form von Solo-Selbstständigkeit, die wir bis zum März 2020 gesehen haben, keine Zukunft hat.

00:18:42: Christoph Schmidt: Also zumindest keine, bei der es keine klare Verpflichtung zur Absicherung gegenüber den großen Lebensrisiken geben könnte.

00:18:50: Ursula Weidenfeld: Was wird denn die Krise sonst noch bringen? An Digitalisierung. Über das Arbeiten, das Lernen haben wir ja schon gesprochen. Was wird sich denn nachhaltig verändern?

00:18:59: Christoph Schmidt: Ich glaub, unsere Einstellung zu technischen Lösungen wird sich verändern. Wir sind ja notorisch skeptisch, und vielleicht ist das ja auch gar nicht so schlecht, erst mal nicht immer euphorisch auf alles Neue zu springen. Aber wir sind ja gegenüber technischen Lösungen tendenziell eher skeptisch als Gesellschaft. Jetzt sehen wir zum Beispiel bei der Erkennung von Infektionsrisiken, bei der Entwicklung von Medikamenten, bei der Bereitstellung von Leistungen über Internetlösungen, über Videokonferenzen. Überall sind technische Lösungen hilfreich, und das wird vielleicht hoffentlich unser Bild darauf etwas relativieren und die positiven Seiten der Verbindung von menschlicher Arbeitskraft, menschlicher Intelligenz einerseits und künstlicher Intelligenz und technologischen Lösungen andererseits, diese Bereitschaft, das zu umarmen eher erhöhen. Das wäre ein gutes Ergebnis einer so großen Herausforderung, wie wir sie jetzt erleben, dass wir mit Lösungen uns mehr anfreunden, die unser Leben, unsere Lebensqualität, unsere Lebensentwürfe erleichtern und verbessern.

00:20:05: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Herr Professor Schmidt.

00:20:06: Christoph Schmidt: Ja, sehr gerne. Herzlichen Dank.

Über diesen Podcast

Der Ausbruch des Coronavirus' hat unser aller Leben schlagartig verändert. In der neuen Staffel vom Podcast "Tonspur Wissen" spricht Moderatorin Ursula Weidenfeld mit einem Top-Wissenschaftler aus dem Netzwerk der Leibniz-Gemeinschaft über die konkreten Veränderungen im Fachbereich und was das für die Zukunft bedeutet.

Weiterhin verfügbar sind 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online.de

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