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Ein Podcast von t-online und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:31: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld, ich habe jede Menge Fragen, weil ich Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen möchte. In diesem Podcast verabrede ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, stelle meine Fragen und höre zu. Ich lade Sie herzlich ein, das auch zu tun. Diesmal spreche ich mit Nicole Deitelhoff. Sie ist Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungspolitik an der Universität Frankfurt. Frau Professor Deitelhoff, nach den Wahlen in den USA könnte man sagen, es ist eine Entscheidung zwischen Populismus und guter Demokratie gewesen.

00:01:14: Nicole Deitelhoff: Na ja, wahrscheinlich wird man sagen können: Es ist eine Entscheidung darüber gewesen, wie nachhaltig Populismus mobilisieren kann. Das können wir wahrscheinlich nach den Wahlen definitiv sagen.

00:01:27: Ursula Weidenfeld: Und das heißt, wenn Populisten sich tatsächlich in politischen Systemen dauerhaft etablieren, dann haben wir ein anderes Thema, als wenn Populisten nach einer Wahlperiode dann auch friedlich-schiedlich abtreten, hoffentlich.

00:01:40: Nicole Deitelhoff: Ja, ganz genau. Wenn Populismus zu einem zentralen Bestandteil innerhalb einer demokratischen Gesellschaft wird, dann wird er über kurz oder lang die Demokratie zerstören. Ich glaube, so weit würde ich mich schon tatsächlich aus dem Fenster lehnen, das zu sagen.

00:01:55: Ursula Weidenfeld: Das heißt, wenn Populisten tatsächlich, nehmen wir mal Frankreich als Beispiel, dauerhaft politisch gestalten, dann werden die nicht gezähmt, wie man das ja immer hofft, sondern die bleiben Populisten und zerstören dann am Ende das politische System?

00:02:10: Nicole Deitelhoff: Nee, ich würde nicht sagen, dass jeder Populist auf Lebenszeit ein Populist bleiben muss. Wir haben viele Politikerinnen und Politiker erlebt, die populistische Phasen hatten, sich dann aber auch wieder davon abgewendet haben. Aber, was ich eigentlich sagen wollte: Wenn wir es sozusagen mit Populisten – oder meistens reden wir eher über populistische Bewegungen oder Parteien – zu tun haben, die eine längere Zeit innerhalb eines demokratischen Systems Machtpositionen besetzen können, dann sehen wir tatsächlich Schwächungen dieses demokratischen Systems bis hin zu gravierenden Verletzungen, teilweise von Grundprinzipien.

00:02:42: Ursula Weidenfeld: Was passiert denn, oder was ist denn auf der anderen Seite der Gesellschaft, also bei den Wählern passiert, wenn man auf einmal anfängt, Populisten gut zu finden, die zu wählen? Das sind ja schon manchmal auch merkwürdige politische Konzepte. Da wird behauptet: Ich bin die Stimme des ganzen Volkes. Ich bin gegen das Establishment. Bei Donald Trump hatte man: Ich bringe die Kontrolle zurück aufs Land und nehme sie Washington weg. Das ist doch eine merkwürdige Konstruktion und oft auch eine merkwürdige Mischung von politischen Zielen und merkwürdigen Aussagen. Wie sieht eine Gesellschaft aus, die für solche Populisten empfänglich ist?

00:03:21: Nicole Deitelhoff: Naja, grundsätzlich ist erst einmal, glaube ich, jeder empfänglich für populistische Botschaften. Weil wir natürlich alle gerne in den Kreis derjenigen gehören, die mehr Überblick haben, besondere Kenntnisse haben und dadurch eben letzten Endes zu den Gewinnern gehören. Das möchte jede und jeder und damit sind wir alle grundsätzlich empfänglich. Das ist im Grunde genommen das populistische Versprechen, wenn man vom Ende her denkt. Also was alle Populistinnen und Populisten auszeichnet, ist im Grunde genommen diese Elitenfeindlichkeit. Es gibt ein Establishment, es gibt Eliten, die sozusagen dem Volk die Macht gestohlen haben. Und sie tun das, indem eben die Repräsentation, also die Vertretung des Volkes, durch die unterschiedlichen Mechanismen repräsentativer Demokratie, im Grunde genommen, den Volkswillen verfälschen oder aber ihn direkt „verraten“ würden. Und dementsprechend sagen Populisten eben: Repräsentation, das ist das falsche Mittel, sondern tatsächlich muss es um eine unmittelbare Vertretung des Volkswillens gehen. Und eigentlich ist das auch gar keine Vertretung, sondern Populisten haben den Anspruch, das Volk zu sein. Sie sind identisch mit dem Volk. Und da kommt dann schon das nächste Problem: Um das sein zu können, muss es natürlich auch ein „wahres Volk“ geben.

00:04:34: Ursula Weidenfeld: Das heißt, es gibt ein Wir und ein Die. Also, das ist dann ausgrenzend.

00:04:38: Nicole Deitelhoff: Genau. Es gibt eben kein pluralistisches Verständnis davon. Denn sie haben ja nicht verschiedene Meinungen, die haben genau eine Meinung und die hat dann auch das „wahre Volk“. Denn wenn das Volk mit mir identisch ist und ich mit dem Volk, dann kann es ja nichts anderes dazwischen geben. Und alle, die anderer Meinung sind, gehören also nicht dazu. Das sind einfach tatsächlich Kernelemente des Populismus. Und wer sich darauf einlässt, der zeigt dann auch nach einer Weile eine ganz ähnliche Verachtung für andere Meinungen, für politische Kompromisse, also das, was wir eigentlich zu den Grundtugenden innerhalb einer Demokratie zählen und eben auch für das Grundprinzip, nämlich für politische Gleichheit. Es sind eben nicht alle politisch gleich, wenn man in einem populistisch geprägten System lebt. Sondern dann sind nur die gleich, die die gleiche Meinung haben.

00:05:21: Ursula Weidenfeld: Gucken wir nochmal einen halben Meter davor, sozusagen: Was muss in einer Gesellschaft passiert sein, dass Menschen sich in einem demokratischen System nicht repräsentiert fühlen? Dass Sie das Gefühl haben, Ihre Stimme zählt nicht, ihre Belange kommen nicht vor, die Frage "Wo bleiben wir?" nicht mehr zufriedenstellend beantwortet wird?

00:05:44: Nicole Deitelhoff: Alle großen repräsentativen Systeme sind ja erstmal solche, wo wir nicht mehr direkt erkennen können, wo unser persönlicher Wählerwille gerade gelandet ist und wie er umgesetzt wird. Das ist sicherlich ein Grundproblem aller repräsentativen Systeme. Wir können unsere Vertreter nicht programmieren. Sollen wir natürlich auch nicht, ansonsten hätten wir ja ganz fürchterliche Politiken. Wir müssen eben das Zutrauen haben, dass sie sich in einen Wettbewerb mit anderen begeben und über diesen Wettbewerb wirklich gute Ideen hervorbringen, die dann auch in meinem Besten sind. Wann verlieren wir dieses Zutrauen? Da kommen eigentlich mehrere Dinge zusammen. Das eine ist meistens immer dann, wenn wir große politische oder ökonomische, sozioökonomische Krisen erleben. Jetzt muss man natürlich sagen, gerade die letzten zehn bis 15 Jahre sind eine Periode gewesen, innerhalb derer wir durchaus sehr große und massive Krisen in diesem Bereich erlebt haben, die Finanz- und Schuldenkrise zum Beispiel.

00:06:37: Ursula Weidenfeld: Das war die Finanz- und Schuldenkrise, bei der Menschen das Gefühl hatten, ja auch nicht zu Unrecht, dass die Banken gerettet werden, aber sie nicht bedient werden in solchen großen Umverteilungsaktionen. Und dann, als vielleicht in Deutschland jedenfalls fundamentalen Bruch die Migrationskrise des Jahres 2015/2016, als viele den Eindruck hatten: Wenn Migranten kommen, kriegen die alles, und wir kriegen noch nicht einmal eine Klassenfahrt für unsere Kinder finanziert.

00:07:07: Nicole Deitelhoff: Genau. Das sind dann sozusagen Zuspitzungen dieses Gefühls. In der Krise ist es natürlich auch schwierig zu vermitteln: Warum muss man große Bankhäuser retten? Warum muss man da so viel Geld geben? Warum sind die systemrelevant und warum ist es die Kleinfamilie eben nicht, mit ihren Bedürfnissen? Aber dazu muss auch, glaube ich, noch etwas anderes kommen. In dieser Phase, in der Hochphase gerade der Schulden- und Finanzkrise, haben wir auch häufig politische Antworten und Stellungnahmen gehört, die eben auch deutlich gemacht haben, dass darüber keine Debatte erwünscht ist. Die Alternativlosigkeit und das Chiffre der Alternativlosigkeit ist auch in dieser Phase beheimatet. Und das hat bei vielen eben auch den Eindruck nochmal verstärkt, dass man eigentlich nicht mitzureden hätte. Also es ist ganz egal, was man selber denkt und welche Ideen man selber hat. Im Grunde genommen wird irgendwo da oben und irgendwo anders über mich entschieden, ohne dass meine Meinung zählt. Also das ist etwas von unten und von oben.

00:08:05: Ursula Weidenfeld: Und zwar in einer Ausprägung, die ja auch hieß: noch nicht einmal das Parlament darf mitreden. Das ist, glaube ich, nochmal so diese doppelte Entfremdung gewesen. Erstens weiß man nicht, machen die Repräsentanten das, was ich will. Das ist ja sozusagen die Grundtugend der Demokratie. Dass man akzeptiert, wenn die etwas entscheiden, was ich nicht gut finde, dass ich es trotzdem akzeptiere. Weil ich an das Prinzip des demokratischen Meinungs- und Interessenausgleichs glaube. In dieser Finanzkrise wurden die Parlamente entmachtet, der Repräsentant des Souveräns spielte keine Rolle und der Souverän selbst erst recht auch nicht. Wie kann man das denn heilen? Wir haben ja populistische Bewegungen in fast allen großen Demokratien des Westens, die eine ganz große Rolle spielen. Die im Fall der USA tatsächlich auch Koordinaten der Weltpolitik verändert haben in den vergangenen vier Jahren. Kann man das heilen?

00:08:59: Nicole Deitelhoff: Heilen lässt sich das eben auch tatsächlich nur innerhalb der Gesellschaften selbst. International lässt sich da ganz wenig machen. Wenn wir von Heilung sprechen, dann heißt das im Grunde genommen zweierlei: Zum einen die gewollte Heilung, die gewollte Therapie. Und das ist eine, die tatsächlich wieder die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit sucht, über die Frage, wie das Zusammenleben zu gestalten ist, was für Ziele verfolgt werden sollen und mit wem man das eigentlich tun möchte. Das ist mühsam und ist auch unangenehm, aber das tatsächlich noch auszuhalten, ja geradezu zu zelebrieren, das ist eine bewusste Therapie. Eine andere kann man natürlich auch ganz deutlich auch jetzt in der Corona-Pandemie erkennen und das ist eine, die setzt darauf, dass die nächste Krise kommen wird, in der sozusagen die alten Patente der populistischen Parteien dann nicht funktionieren. Wir sehen ja zum Beispiel gegenwärtig in der Corona-Pandemie, dass sozusagen die populistischen Parteien, die in den letzten Jahren starke Erfolge erzielt haben, plötzlich in ihren Umfragewerte ziemlich in den Keller stürzen.

00:10:04: Ursula Weidenfeld: Dazu gibt es auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und von Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin, die sagen, dass in Deutschland seit 2019 – man weiß jetzt nicht genau, wie das Jahr 2020 dann am Ende auch wirklich rauskommt – aber seit 2019 erkennbar ist, dass Populisten nicht mehr so große Zustimmungswerte erfahren.

00:10:21: Nicole Deitelhoff: Genau und das liegt eben an zwei Dingen: Zum einen am starken Rückgang von Flüchtlingen, die sich damit nicht mehr anbieten als Politisierungsmoment. Da müsste man eigentlich neue Themen finden und die gibt es nicht. Und dann noch einmal verstärkt durch die Corona Pandemie. Die hat eigene populistische Bewegungen hervorgebracht, ganz klar. Aber sie hat den bestehenden populistischen Parteien, der AfD im Besonderen, geschadet. Weil sie sozusagen in dieser Situation keine Angebote mehr machen konnte und die klassischen Feindbilder, die sie hatte, auch nicht funktioniert haben.

00:10:59: Ursula Weidenfeld: Jetzt gibt's ja so eine ganz grundlegende Frage zum Populismus, nämlich die: Warum soll man ihn überhaupt bekämpfen? Ist es denn immer schlecht, wenn es Populisten gibt? Auf der anderen Seite sieht man ja, dass zum Beispiel die Intensität und die Beteiligung an politischen Auseinandersetzungen wächst. Menschen sind viel stärker an Politik interessiert, in Zeiten, in denen es Populisten gibt. Und das ist doch eigentlich gut.

00:11:24: Nicole Deitelhoff: Genau. Und wir sehen, dass insbesondere Populismus, wie wir ihn insbesondere in Mittel- und Nordeuropa sehr stark negativ bewerten, das ist ein regional gebundenes Konzept. Wenn man beispielsweise in den lateinamerikanischen Raum guckt, dann wird der Populismus ganz anders wahrgenommen, sehr viel positiver. Das hat eben auch eine andere Ausgangsgeschichte. Es ist eben eine Ausgangsgeschichte von gelenkten Demokratien, also Demokratien mit sehr starken Herrschaftsklassen, in denen eigentlich die Wahl nicht so viel zählte. Und da war der Populismus, oder waren Populisten eben solche, die das Volk mobilisieren konnten - nicht nur an die Urnen, sondern eben an die Machtposition bringen, die zur Revolte bringen konnten. Das ist ein ja emanzipatorisches Modell, geradezu gewesen der Demokratisierung.

00:12:10: Ursula Weidenfeld: Also der Populismus von links ist gut, und der von rechts ist schlecht?

00:12:13: Nicole Deitelhoff: Nein, nein. Es gab auch rechte Populisten, die das erreicht haben, die im Grunde genommen aber in einer gelenkten Demokratie – oder etwas, das sich Demokratien nannte, aber im Grunde genommen keine war – dafür gesorgt haben, dass das Volk sich nicht länger dem unterordnete, sondern tatsächlich dagegen angegangen ist. Das ist dieses positive Verständnis von Populismus, das wir insbesondere aus dem lateinamerikanischen Raum kennen. Aber das verhält sich eben vollkommen anders, wenn wir über eine etablierte Demokratie sprechen und es dort zu populistischen Momenten kommt. Dann ist es auch so: Ja, kurzfristig belebt Populismus immer öffentliche Debatten. Die haben starke Themen, starke Position, Vereinfachungen. Diese Formulierung "dem Volk nach der Schnauze reden", da ist ja auch was dran. Das heißt, wir sehen ein Mehr an öffentlicher Debatte, aber langfristig zersetzen sie diese Debatten. Und warum ist das so? Weil sie sozusagen den Kern der Debatten angreifen. Dadurch, dass sie politische Kompromisse verneinen. Das geht ja gar nicht. Dadurch, dass Sie den Gegner, mit dem Sie sich in einer Debatte bewegen, verleumden und beleidigen. Denken sie an so jemanden wie Donald Trump. Da sind alle, die anderer Meinung sind Loser oder arme Würstchen oder Verbrecher oder dement oder was auch immer. Aber das ist ja keine Anerkennung des Gegenübers und letzten Endes eben auch, weil der Unterschied zwischen Behauptung und Wahrheit komplett irrelevant wird, wenn Populisten in Debatten einsteigen. Ihnen geht es um die Wirkung ihrer Behauptung und überhaupt nicht um den Wahrheitsgehalt – und Ihren Anhängern leider auch nicht.

00:13:46: Ursula Weidenfeld: Und wenn man mal versuchen würde, nach positiven Punkten zu suchen, würde aber doch auch für die westlichen Demokratien gelten: Die politische Beteiligung wächst. Wenn es Populisten gibt, gehen mehr Leute zur Wahl. Das haben wir bei den vergangenen Bundestagswahlen gesehen. Und wir haben es ja jetzt bei den US-Wahlen auch gesehen. Die Wahlbeteiligung ist viel, viel höher. Und das ist doch zunächst mal richtig.

00:14:11: Nicole Deitelhoff: Das ist richtig, aber Demokratie ist eben mehr als wählen. Plus, dass wir natürlich in diesen Wahlen dann auch häufig erleben: Wir haben es eben mit so starken Polarisierung zu tun, dass wir Zuwächse, insbesondere an den Rändern sehen. In Mehrparteiensystem, womit ich meine: mehr als zwei Parteien, sehen wir, dass wir Zuwächse an den Rändern erhalten, aber nicht in der Mitte. Häufig haben wir es dann mit sehr schwierigen Koalitionsbildungen zu tun – und im Zweiparteiensystemen mit Hängepartien, mit Zunahme von Polarisierung, weil hier tatsächlich der Kampf erbittert um die letzte Stimme ausgefochten wird und häufig unter Einsatz jeden denkbaren Mittels und ohne Rücksicht auf Verluste und Kosten, die das eben hat für das demokratische Miteinander. Von daher ist es immer das Gleiche: Ja, kurzfristig ist es die Mobilisierung, das Mehr an öffentlicher Debatte und ja, auch eine Steigerung der Wahlbeteiligung. Aber die langfristigen und eigentlich schon die mittel- und langfristigen Effekte sind denkbar negativ, und zwar negativ für die Demokratie als solche.

00:15:14: Ursula Weidenfeld: Und wenn man sagen würde oder darüber nachdenken würde, dass Menschen in so komplizierten Zeiten, in denen wir leben, mit so komplizierten Konflikten wie Migration, wie Finanzkrise oder wie jetzt eben auch einer Pandemie, dass Menschen mit solchen Konflikten überfordert sind und nach einfachen Antworten suchen, die einfache Personen, also Gesichter, geben können. Wie kann man das denn lösen, ohne populistisch zu sein? Oder andersherum gefragt: War Angela Merkels Raute im Jahr 2013 – "Sie kennen mich", einfacher kann man ja nicht sagen, ich bin ich und wenn ihr mich wählt, dann kriegt ihr das, was ihr kennt – war das auch populistisch?

00:15:58: Nicole Deitelhoff: Das war nicht populistisch, das war im Grunde genommen aber natürlich die Ablehnung einer programmatischen Auseinandersetzung und der Appell an das Vertrauen. Was man da gesehen hat, war zu sagen: Hier stehe ich. Ihr kennt mich. Ihr wisst was ihr bekommt. Vertraut mir einfach. Das machen Populisten zwar auch, aber dieser Gestus an sich ist jetzt nicht entscheidend, um als Populist durchzugehen.

00:16:21: Ursula Weidenfeld: Also das Übertragen von Vertrauen auf eine Person, weil man selber komplizierte Situationen nicht analysieren und bewerten kann, das ist okay. Das ist normaler politischer Prozess. Und die Überzeichnung in das Karikaturenhafte, das ist schädlicher Populismus.

00:16:39: Nicole Deitelhoff: Ich habe noch nicht mal was gegen die Überzeichnung in das Karikaturenhafte, wenn sie sozusagen in politischen Debatten, beispielsweise zur Pointierung eines Arguments genutzt wird. Zur Herauspräparierung von etwas, das unterschwellig da ist, aber noch nicht klar formuliert wurde. Das ist ein ganz klassisches Stilmittel. Dagegen habe ich überhaupt nichts. Populismus macht aber noch etwas anderes, wenn er sozusagen karikiert, wenn er übertreibt oder wenn er auch bewusst irrationale Positionen vertritt. Ihm geht es nicht um politische Alternativen. Ihm geht es nicht darum, Argumente zu testen, sondern es geht ihm darum, Identifikationsmarker zu setzen. Man kann das, glaube ich, an Donald Trump schön aufzeigen. Mit seiner Rede davon, dass Barack Obama beispielsweise kein US-Amerikaner sei und deswegen illegitim US-Präsident gewesen sei. Da kann man das ganz schön sehen. Das hat eigentlich niemand geglaubt. Das war natürlich, und das wusste auch eigentlich jeder und jede, totaler Blödsinn. Aber – und da gibt es auch wirklich schöne Studien dazu – dass auch Vertreter beispielsweise der Tea-Party-Bewegung dazu gesagt haben, natürlich glauben sie das nicht. Aber es geht dabei gar nicht um die Wahrheit dieser Behauptung, sondern wer sich dieser Behauptung anschließt, macht damit deutlich, dass er Barack Obama als Vertreter einer korrupten Elite empfindet, gegen die er sich positioniert. Also in dem Moment, in dem ich dieses absurde Argument unterschreibe, sage ich: Ich gehöre zu euch. Ich bin bei den Auserwählten. Ich bin beim „wahren Volk“. Das ist das Problematische. Dass sozusagen Argumente und Behauptungen überhaupt nicht mehr den Zweck erfüllen, politische Alternativen auszutesten und zu neuen Lösungen zu finden, sondern sie dienen nur noch der Abgrenzung einer Gruppe gegen die andere und damit natürlich auch der Bevorzugung der einen gegenüber der anderen. Das ist das Problematische. Und darum zersetzt Populismus auf Dauer auch die öffentliche Auseinandersetzung.

00:18:32: Ursula Weidenfeld: Was müssen denn die, in Anführungszeichen, guten Demokraten lernen – also diejenigen, von denen Altbundespräsident Joachim Gauck einmal gesagt hat, sie stünden auf der hellen Seite der Geschichte – wenn es darum geht, Menschen dauerhaft davon zu überzeugen, dass der populistische Weg der falsche ist und dass man sich doch bitteschön wieder auf einen demokratischen Weg bewegen soll. Muss man dann anders miteinander reden und diese Verengung des politischen Diskurses, die es in Deutschland ja zweifellos auch gibt, wieder aufbrechen?

00:19:08: Nicole Deitelhoff: Ja, natürlich, das muss man. Und man muss tatsächlich auch wieder mehr Freude an der öffentlichen Auseinandersetzung nicht nur entwickeln, sondern auch noch verbreiten oder öffentlich inszenieren. Wir brauchen wieder mehr politische Auseinandersetzungen im Parlament, die so inszeniert werden, dass sie auch berühren, dass sie auch glaubwürdig sind, dass sich eben auch Bürgerinnen und Bürger dafür begeistern können. Begeistern in dem Sinne, dass sie Position ergreifen wollen und sich einmischen wollen.

00:19:39: Ursula Weidenfeld: Dann brauchen wir andere Politiker.

00:19:41: Nicole Deitelhoff: Ich weiß gar nicht, ob wir andere Politiker brauchen oder ob wir sie einfach nur wieder ein bisschen dahin treiben müssen, dass sie das wieder im Parlament tun. Sie tun es ja an den unmöglichsten Stellen, aber leider viel zu selten im Parlament. Und es hängt natürlich auch damit zusammen, wie wir selber agieren. Es ist ja auch nichts, was wir nur an unsere Volksvertreter und -vertreterinnen richten sollten, sondern das ist auch etwas, was uns selber auszeichnet. Wir haben ja auch selber das Streiten ein wenig verloren und haben lange eigentlich nur darum gekämpft, wie wir dem Streit aus dem Wege gehen können. Das heißt auch bei uns selber müssen wir wieder anfangen, Streit und Auseinandersetzungen zu mögen, und das heißt vor allen Dingen erst mal sie zu ertragen. Weil in jedem Streit die Zurückweisung der Position durch den anderen immer schmerzhaft ist, immer schwierig ist. Wir müssen wieder lernen, damit zu leben und das vielleicht sogar zu genießen, dieses Spiel von Rede und Gegenrede und dieses Austesten: Wie weit kann ich denn kommen? Das ist ja etwas Spielerisches. Und das wieder zu erlernen, gehört wieder in die Schulen hinein, das gehört viel stärker an unsere Universitäten, und es gehört in unseren Alltag hinein. Und da haben wir vieles einschlafen lassen und haben uns einlullen lassen, was wir alles stattdessen im Team lösen können. Und es irgendwie immer eine Form des Dialogs gibt, in der wir am Ende bei einem Konsens landen. Das müssen wir uns vielleicht wieder abtrainieren.

00:21:00: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Frau Professor Deitelhoff.

00:21:02: Nicole Deitelhoff: Sehr gern.

Über diesen Podcast

Im Podcast "Tonspur Wissen" lädt die Journalistin Ursula Weidenfeld alle Hörerinnen und Hörer auf eine Entdeckungsreise ein. Sie trifft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, stellt ihre Fragen und hört zu. Ursula Weidenfeld ist überzeugt: Nur so kann man Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen. Und zu entdecken gibt es jede Menge in der Welt der Wissenschaft.

Weiterhin verfügbar sind außerdem 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online

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