t-online Tonspur Wissen

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Ein Podcast von t-online und der Leibniz Gemeinschaft

Transkript

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00:00:29: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Ich habe jede Menge Fragen, weil ich Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen möchte. In diesem Podcast verabrede ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, stelle meine Fragen und höre zu. Und ich lade Sie herzlich ein, das auch zu tun. Diesmal spreche ich mit Irene Dingel. Sie ist Direktorin der Abteilung Abendländische Religionsgeschichte am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz und wir sprechen über Weihnachten. Frau Dingel: Warum oder was feiern wir eigentlich an Weihnachten?

00:01:02: Irene Dingel: Nun, zunächst muss man sagen, Weihnachten ist ein christliches Fest. Und es ist das Fest der Geburt Christi in Bethlehem. Theologisch gesprochen wird da das Geheimnis der Menschwerdung Gottes gefeiert. Also Gott, der Christengott kommt als Kind in die Welt, in die einfachsten Verhältnisse.

00:01:22: Ursula Weidenfeld: Das heißt, Gott kommt als Mensch zu den Menschen an Weihnachten. Und warum feiern wir das eigentlich? Es ist ja bei Christen immer so, dass sie die Geschichte vom Ende her anschauen, nämlich vom Tod des Menschen Christus am Kreuz und damit der Erlösung der Menschheit.

00:01:37: Irene Dingel: Es ging dem Christentum schon sehr früh darum, deutlich zu machen, dass die Geburt des Kindes in Bethlehem mit der Erwartung des verheißenen Messias in Verbindung zu bringen sei – also, mit der Erwartung des im Alten Testament verheißenen Messias. Und deshalb wurde Weihnachten zu einem der christlichen Hauptfeste, eben auch in Abgrenzung vom jüdischen Glauben. Man orientierte sich dann dabei an den beiden Berichten über die Geburt und die Kindheit Jesu, wie man sie findet im Matthäusevangelium und im Lukasevangelium. Diejenigen unter uns, die christlich aufgewachsen sind und immer mal wieder am Heiligen Abend in der Kirche waren, kennen diese Geburtsgeschichte: "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging", und so weiter und so weiter. Und diese beiden Evangelisten bieten diese Geburtsgeschichte mit dem Hintergrund, doch deutlich zu machen, dass derjenige, den man als Heilsbringer, als Messias erwartet, hier in diesem Kind in die Welt gekommen sei.

00:02:41: Ursula Weidenfeld: Während im Judentum, also der Religion, die das Alte Testament als Buch der Bücher hat und verehrt, immer noch auf den Messias gewartet wird. Also, da hat das Weihnachtsfest praktisch keine Bedeutung.

00:02:55: Irene Dingel: Genauso ist es. Denn das Judentum sieht in diesem geborenen Kind nicht den verheißenen Messias. Das aber wiederum will das Christentum stark machen gegenüber dem Judentum.

00:03:06: Ursula Weidenfeld: Wenn man ein bisschen auf den weltlichen Teil des Weihnachtsfestes guckt, dann hat man ja den Eindruck, alle Leute feiern Weihnachten, wie auch immer, egal was sie glauben, weil es ganz offensichtlich das Bedürfnis gibt, ein solches Fest zu feiern. Wo kommt das her?

00:03:20: Irene Dingel: Nun, dass das eine Verbindung mit Weihnachten gibt, hängt natürlich auch damit zusammen, dass man hier eine Gottesgabe sozusagen feiert und Weihnachten eben verbindet damit, dass man den Menschen, die man besonders schätzt, die man besonders liebt, ebenfalls ein Geschenk übergibt, eine Gabe macht. Und natürlich feiern Menschen gerne. Es gibt verschiedene Gründe, Feste zu feiern. Natürlich einmal, weil sie den Alltag unterbrechen. Natürlich auch, weil sie Gemeinschaft stiften. Ein Fest allein zu feiern, ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Und weil Feste, wenn sie wiederkehrende Feste sind, natürlich auch das Leben rhythmisieren, dem Leben Konturen verleihen - auch, weil Feste auf die Erinnerung bestimmter Ereignisse zielen, weil sie Ereignisse ins Gedächtnis zurückrufen, Ereignisse wieder vergegenwärtigen. Und viele Feste sind halt auch mit bestimmten Ritualen oder mit volkstümlichen Bräuchen verbunden, die wir alle schätzen und die wir gerne wiederholen.

00:04:14: Ursula Weidenfeld: Weil man macht Kerzen an, man isst Christstollen, man feiert mit der Familie und erinnert ja eben nicht nur die Geburt Christi, sondern eben auch möglicherweise viele Weihnachtsfeste, die man schon zusammen gefeiert hat. Wenn man in die Religionsgeschichte guckt, dann weiß man, dass Weihnachten jedenfalls bei den ersten Christen keine furchtbar große Rolle gespielt hat. Aber dass es dann später eben immer bedeutender wurde und im vierten Jahrhundert nach Christus das Weihnachtsfest, die Geburt Christi tatsächlich gefeiert wurde. Und eine Erklärung dafür ist, dass Konstantin, der Kaiser Konstantin, der erste christliche Kaiser Roms, gerne haben wollte, dass die Germanen zum Beispiel ihren heidnischen Sonnenwendkulten nicht mehr folgen. Und dass man deshalb eben dieses Weihnachtsfest brauchte als Fest, das mit den kürzesten Tagen des Jahres eine Aussicht auf Licht und auf Erlösung gibt. Ist da was dran?

00:05:10: Irene Dingel: Da ist sicherlich was dran, wenn auch vielleicht nicht in jeder Facette. Aber, Kaiser Konstantin spielt eine sehr große Rolle in dieser Etablierung des Weihnachtsfest. Und es ist auch klar, dass das Weihnachtsfest in den ersten Jahrhunderten des Christentums überhaupt keine große Rolle spielte. Es war sogar das Epiphaniasfest am 6. Januar –.

00:05:30: Ursula Weidenfeld: Das ist die Erscheinung des Herrn, die Heiligen Drei Könige.

00:05:34: Irene Dingel: Ja, genau. Obwohl sich da auch etwas überlagert, muss man sagen. In diesem Epiphaniasfest – also, von griechisch "Epiphaneia", das Erscheinen des Herrn – konnte man drei Dinge auf einmal feiern: einmal die Geburt Christi, einmal die Huldigung durch die Weisen aus dem Morgenland, aber auch die Taufe Christi. Und das ist eigentlich älter als das Weihnachtsfest. Das Weihnachtsfest kommt, wie Sie schon richtig sagten, erst im 4. Jahrhundert auf und es überlagert ein anderes Fest, nämlich das Fest des Sol invictus, also der unbesiegten oder auch der unbesiegbaren Sonne. Und das war nun ein Kult, dem auch Kaiser Konstantin anhing.

00:06:10: Ursula Weidenfeld: Das war ein römisches Fest.

00:06:12: Irene Dingel: Ein römisches Fest. Und dieses Fest fiel zugleich überein mit der Wintersonnenwende am 25. Dezember. Da feierte man also nicht nur Wintersonnenwende, sondern eben auch den Kult der unbesiegbaren Sonne – es hat also etwas mit der Licht-Symbolik zu tun. Und Kaiser Konstantin – von dem wir nicht genau wissen, ob er sich nun wirklich zum Christentum bekehrt hat oder nicht, der aber ein Anhänger sowohl des Sonnenkultes war, als auch das Christentum in seinem römischen Reich favorisierte – adaptiert dieses Fest oder lässt dieses Fest zugleich als ein christliches Fest gelten, sodass sich der Sonnenkult und das Christenfest sozusagen überlagern und zu ein und demselben Fest werden. Dazu kommt, dass man Christus als das Licht der Welt bezeichnet, findet sich schon in der Bibel oder dass es zahlreiche Vergleiche von Christus und Sonne bei den alten christlichen Schriftstellern gibt. Und so ist das natürlich eine ideale, man könnte sagen Kontaminationen zweier beziehungsweise dreier Festereignisse: Wintersonnenwende, Sol invictus und Geburt Christi.

00:07:14: Ursula Weidenfeld: Das Auffällige ist ja, dass ganz offensichtlich alle, oder in vielen Kulturen, eben zum kürzesten Tag des Jahres solche Feste gefeiert werden. Auffällig ist auch, dass sie alle irgendwie religiös aufgeladen wurden: Im Judentum gibt es das Hanukkah-Fest, das ja eben auch in diesem Zeitraum stattfindet. Warum brauchen Menschen das? Oder andersherum gefragt: Kann man solche Feiern auch ohne einen religiösen Hintergrund denken?

00:07:41: Irene Dingel: Also, natürlich kann man einen religiös grundierten Festzyklus auch ohne religiösen Hintergrund verstehen und denken. Beispiele sind etwa, dass der Himmelfahrtstag als Vatertag gefeiert wird, als Pendant etwa zum Muttertag, der ja auch ein nicht religiöser Festtag in unserem Festzyklus geworden ist. Oder, dass ein später etabliertes Fest, das es seit dem 17. Jahrhundert gibt, das Reformationsfest, uns heute als Halloween begegnet. Und so kann man viele Beispiele für einen nichtreligiösen Festzyklus finden. Interessant ist übrigens in dem Zusammenhang die Neuordnung des Kalenders durch die Französische Revolution. Ein Kalender, der ganz ohne religiösen Bezug auskommt. Dieser Revolutionskalender galt von 1792 bis 1805, also nur sehr kurz.

00:08:31: Ursula Weidenfeld: Da hatten die Wochen zehn Tage und deshalb wollten die Leute das nicht mehr haben, weil sie nicht so wenig Sonntage haben wollten.

00:08:37: Irene Dingel: Ja und die Sommersonnenwende war auch nicht im Winter, sondern war in den Herbstmonaten angesiedelt. Dann haben wir eben den Monat, der nicht mehr vier Wochen mit sieben Tagen hat, sondern drei Dekaden mit zehn Tagen. Oder wir haben den Kult von Märtyrern der Revolution. Wenn wir zum Beispiel an Marat denken und die christusähnlichen Züge, die er in den Gemälden erhält. Oder wir haben den Kult des höchsten Wesens und Vernunft-Feste und jeder zehnte Tag jeder Dekade wird zum Feiertag einer bürgerlichen Tugend.

00:09:07: Ursula Weidenfeld: Das kam aber nicht gut an. Warum nicht?

00:09:10: Irene Dingel: Wahrscheinlich, weil eben doch der religiös grundierte und christlich grundierte Festkalender sehr tief verwurzelt in der Gesellschaft war und ist. Dann natürlich auch, weil es im Prinzip ein, man könnte so sagen, französischer Alleingang war, der einen Kalender etablierte, der mit den anderen Kalendergewohnheiten, an denen sich eben doch Gesellschaft, Politik, Wirtschaft ausrichteten, nicht kompatibel war.

00:09:37: Ursula Weidenfeld: Frau Dingel, vielen Dank für das Gespräch.

00:09:40: Irene Dingel: Danke Ihnen.

Über diesen Podcast

Im Podcast "Tonspur Wissen" lädt die Journalistin Ursula Weidenfeld alle Hörerinnen und Hörer auf eine Entdeckungsreise ein. Sie trifft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, stellt ihre Fragen und hört zu. Ursula Weidenfeld ist überzeugt: Nur so kann man Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen. Und zu entdecken gibt es jede Menge in der Welt der Wissenschaft.

Weiterhin verfügbar sind außerdem 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online

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