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Ein Podcast von t-online und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:54: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Ich habe jede Menge Fragen, weil ich Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen möchte. In diesem Podcast verabrede ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, stelle meine Fragen und höre zu. Ich lade Sie herzlich ein, das auch zu tun. Diesmal spreche ich mit Isabella Helmreich, sie ist Leiterin des Bereichs Resilienz und Gesellschaft am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz. Frau Helmreich, immer wieder kommt es vor, dass Menschen in psychischen Ausnahmesituationen ihre Kinder, ihre Familien und sich selbst umbringen. Was passiert in den Köpfen solcher Menschen?

00:01:34: Isabella Helmreich: Oft denkt man da, die Menschen haben das sich lange überlegt, dass sie das tun wollen. Aber Suizid ist oft keine freie Willensentscheidung, sondern es ist sozusagen oft auch ein langer, schleichender Prozess, wo viele verschiedene Dinge aufeinander kommen. Und dann kann es ein großes auslösendes Ereignis geben, dass sozusagen dann die Person kollabiert und dann wirklich sich zu so einer Tat gedrängt fühlt. Deswegen ist es auch ganz wichtig: Es gibt ja verschiedene Bezeichnungen für Suizid, also wird auch sowas verwendet wie Selbstmord oder Freitod – das sind alles Bezeichnungen, die man eigentlich auch nicht verwenden sollte. Weil, wie gesagt, Suizid ist oft was, wo die Leute einfach keinen Ausweg mehr sehen und dann wirklich so eine schreckliche Tat begehen. Und deswegen ist es auch ganz, ganz wichtig, dass man wirklich darauf achtet, wenn Menschen eben in schlimme Phasen kommen, wenn sie Gedanken äußern, sich etwas anzutun, dass man solche Dinge dann auch ernst nimmt.

00:02:29: Ursula Weidenfeld: Wie bemerkt man das?

00:02:31: Isabella Helmreich: Da gibt's zum Beispiel in der Literatur, gibt es dafür verschiedene Schemen: Die Stadien der Suizidgefahr nennt sich das oft. Wie gesagt, meistens ist eine größere Vorgeschichte, dass vieles nicht gut im Leben läuft, dass man auch einige Risikofaktoren hat. Das können zum Beispiel genetische Faktoren sein. Es können aber auch andere Faktoren sein, wie Umweltfaktoren, dass man quasi seine Arbeit gerade verloren hat oder einfach auch ganz viele kleine Stressoren auf einen eintreffen. Und dann kann es erst einmal zu so einem passiven Todeswunsch kommen – das wäre sozusagen die erste Phase, wo noch keine besonders große Suizidgefahr besteht. Dann können, wenn es weiter negativ geht und ich keine Hilfe erhalte, kann es dann eben zu Suizidgedanken kommen oder dass man anfängt, sich zu überlegen: Ja, ich will nicht mehr leben. Was kann ich da tun? Wie könnte ich vielleicht mein Leben beenden? Und das ist dann auch so eine Phase der Ambivalenz, wo man quasi so schwankt zwischen "Ich hänge noch am Leben", aber Tod wäre vielleicht doch eine Option. Und wenn es dann da weitergeht, kann es dann wirklich zu Suizidplänen kommen. Also, dass ich wirklich dann überlege: Wie könnte ich mich umbringen? Vielleicht auch Vorbereitungen treffe, und wenn es da dann keine Hilfe gibt, dann kommt es zum Entschluss und quasi in eine suizidale Handlung wird dann auch vollzogen und die Person versucht, sich umzubringen. Das Wichtige bei so einem Phasenmodell – also, früher hat man immer gesagt, eine Phase folgt der anderen nach – aber heutzutage weiß man, dass auch gewisse Phasen übersprungen werden können oder es auch manchmal wirklich so Kurzschlussreaktion sind und sich dann Leute, wenn es sehr schlecht läuft, sich dann tatsächlich auch das Leben nehmen können. Viele Suizide enden ja Gott sei Dank nur in einem Suizidversuch und die Leute können quasi gerettet werden.

00:04:14: Ursula Weidenfeld: Sie sagen: ICH sehe keine Perspektive mehr, ICH bin traurig oder ICH habe einen Schock erlitten. Wie können denn Familienangehörige, Nachbarn, Freunde, Menschen, Arbeitskollegen, die so etwas beobachten, wie können die sehen, dass jemand ernsthaft suizidgefährdet ist und dass jemand am Ende vielleicht sich auch entschließt, Suizid zu begehen?

00:04:39: Isabella Helmreich: Genau. Also, da muss man natürlich immer gut hinhören. Man muss natürlich schauen, wie geht's dem Menschen? Wie ist so sein generelles Befinden? Man merkt das ja auch oft, wenn man Menschen besser kennt und wirklich eklatante Alarmzeichen sind, sozusagen, wenn die Leute wirklich anfangen, quasi so Todeswünsche zu äußern – eben zu sagen: Ja, mir reicht's. Ich kann nicht mehr. Es wird alles zu viel. Äußern sie, dass sie hoffnungslos sind, sowas sagen wie: Es hat alles gar keinen Sinn mehr. Oder: Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Oder: Jetzt muss was passieren. Oder, was auch so Warnzeichen natürlich sind, wenn die Menschen – also, das sieht man vor allem natürlich bei eher nahestehenden Menschen – wenn die anfangen ihre Angelegenheiten zu ordnen, alles versuchen abzuschließen, noch Rechnungen bezahlen, ein Testament aufsetzen oder anfangen, sich bei Freunden und Verwandten zu verabschieden. Solche Sachen. Oder natürlich, wenn man merkt, dass sie anfangen, so einen Suizid auch vorzubereiten. Also, dass sie plötzlich anfangen, Tabletten zu sammeln oder sich ungewöhnliche Gegenstände kaufen wie ein Seil. Das sind alles so Dinge, die einen darauf hinweisen könnten, dass da was quasi nicht in Ordnung ist.

00:05:48: Ursula Weidenfeld: Was unterscheidet denn jemanden, der für sich entscheidet, sein Leben zu beenden, von jemandem, der sein Leben beendet und andere mitnimmt? Also der möglicherweise aggressiv mit seinem Auto auf andere Menschen zu fährt und sie tötet oder seine eigenen Kinder tötet?

00:06:09: Isabella Helmreich: Das kann man jetzt pauschal natürlich nicht so sagen, weil so ein Suizidversuch oder so ein Suizid ist immer was sehr Individuelles, und es kommen eben verschiedenste Faktoren zusammen. Aber wenn man jetzt quasi noch andere mit in den Tod nimmt, kann das ganz unterschiedliche Gründe sein. Einerseits, wie sie schon sagten, kann das etwas Aggressives haben, quasi so ein Racheakt sein, dass man quasi auch andere leiden lassen möchte, so wie man selbst gelitten hat oder eben fühlt, dass man in seinem Leben leidet. Es können aber auch ganz... was man eher so natürlich nicht denkt, das können auch ganz altruistische Motive sein, wenn man jetzt zum Beispiel an eine Mutter denkt, die dann ihre Kinder mit sich mitnimmt, dass die quasi eher aus dem Motiv heraus handelt: Ich will, wenn jetzt zum Beispiel Geldprobleme damit einen Auslöser des Suizids waren, dass sie dann nicht möchte, dass die Kinder in Armut leben wie sie und eine andere auch so eine ausweglose Situation kommen, und dass das von ihr altruistische Motive sind, aus der Perspektive der Mutter gesehen, warum die quasi das Leben ihrer Kinder dann auch beenden möchte.

00:07:10: Ursula Weidenfeld: Ganz oft ist ja gerade in solchen Fällen schon im Vorfeld Kontakt zum Beispiel zu Jugendämtern, zu Ärzten, zu Psychiatern, zu allen möglichen Unterstützern. Wenn diese Menschen nicht bemerken, dass jemand offensichtlich in eine Schleife gerät, aus der er sich nicht oder aus der sie sich nicht mehr befreien kann, wer kann es denn dann?

00:07:33: Isabella Helmreich: Also, das Schwierige, weil das Thema Suizid... das Fachpersonal ist natürlich vor allem zum Beispiel psychiatrisches Fachpersonal ist natürlich sehr getrimmt da drauf, kleinste Veränderungen zu sehen oder einzuschätzen: Wie ist denn das Suizidrisiko? Es gibt ja verschiedene Risikogruppen, wenn man sozusagen zum Beispiel schon mal suizidale Handlungen oder ein Suizidversuch in der Vorgeschichte hatte. Das ist schon ein Beispiel schon so ein Risikofaktor, oder wenn es traumatische Erlebnisse quasi bei der Person gibt, auch so eine Risikogruppe sind zum Beispiel alleinstehende ältere Männer oder auch jüngere Frauen, wenn da viel zusammenkommt. Auf so was können die da natürlich achten und können dann eben auch sehr genau nachfragen und dadurch das Suizidrisiko abschätzen. Aber, was wir natürlich immer in der Arbeit mit Menschen haben, auch wenn man die Dinge anspricht, man kann ja niemanden zwingen, sein Innenleben zu äußern. Also, manche Menschen schaffen es auch wirklich, eine sehr, sehr gute Fassade aufrechtzuerhalten. Und auch wenn man jetzt keinen fachlichen Fehler macht und alles nach bestem Wissen und Gewissen eingeschätzt und abgefragt hat, kann es natürlich auch manchmal einfach zu Kurzschlussreaktion kommen, die man nicht vorhersehen kann. Ich meine, wenn eine psychiatrische Erkrankung wie eine Depression oder eine Suchterkrankung vorliegt, dann muss man da natürlich immer besonders gut hinschauen. Aber es können auch einfach ganz schlimme Sachen passieren, wenn zum Beispiel jemand sehr Nahestehendes verstirbt, und dass dann der Mensch quasi in einer Kurzschlussreaktion denkt: Mein Leben hat keinen Sinn mehr – auf das man dann leider auch keinen Einfluss nehmen kann.

00:09:09: Ursula Weidenfeld: Kann man denn generell unterscheiden, was eine in Anführungszeichen normale Krise ist und was eine Katastrophe ist – oder was eine Krankheit ist, die am Ende zum Suizid führt?

00:09:20: Isabella Helmreich: Also, das Schöne ist ja sozusagen... also Krisen... Jeder Mensch hat in seinem Leben Krisen. Also, es gibt eigentlich kaum einen Menschen, der nicht irgendwelche Krisen im Leben durchleidet. Krisen werden natürlich sehr individuell unterschiedlich verarbeitet und unterschiedlich mit Krisen umgegangen. Und zum Beispiel Studien von Herrn Bonanno, das ist ein US-amerikanischer Entwicklungspsychologie, da hat man Leute angeguckt, die ein wirklich potenziell traumatisches Erlebnis hatten, wie jetzt zum Beispiel der Tod einer nahestehenden Person oder der eigene Tod oder eine Vergewaltigung. Und der konnte feststellen, dass eigentlich ganz viele Menschen auch in so wirklich traumatischen Situationen resilient, also gesund bleiben können. Also, 35 bis sogar 65 Prozent haben quasi keine großen Auswirkungen gehabt, obwohl sie wirklich so ein traumatisches Erlebnis hatten.

00:10:10: Ursula Weidenfeld: Und das sind welche Eigenschaften, die man haben muss oder haben sollte?

00:10:14: Isabella Helmreich: Das ist jetzt sehr individuell unterschiedlich, weil jeder Mensch reagiert eben anders auf Stress, deswegen: Das ist etwas sehr, sehr Individuelles. Also, die einen Menschen können gut mit Zeitdruck umgehen, die anderen können gut mit emotionalen Problemen umgehen, die anderen können gut mit physischen Problemen umgehen. Das ist halt wirklich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich, was ich da eben auch an Bewältigungsstrategien zur Verfügung habe und wie viel Stress auch aktuell auf mich eintrifft. Also, man kann ja so ein gewisses Maß an Stress kann man gut verarbeiten, auch mehr Stress, wenn man die entsprechenden Bewältigungsfähigkeiten hat. Aber wenn es dann zu viel wird, kann man quasi so eine kritische Grenze überschreiten. Und da kommt es dann eben darauf an, wie geht man in dieser Situation damit um? Also, schafft man es dann für Erholung und Ausgleich wieder zu sorgen? Oder wenn man das nicht schafft, gibt's dann Leute, an die ich mich wenden kann, mit denen ich reden kann? Und das ist eben so das Wichtigste, was eben auch resiliente Menschen auszeichnet, dass sie eben sehr gut einschätzen können: Wann ist es zu viel? Wann muss ich mehr für Ausgleich sorgen oder wann muss ich mir auch Hilfe holen, um quasi aus so einer Krise wieder herauszukommen?

00:11:26: Ursula Weidenfeld: Was ist denn mit Menschen... Sie haben eben die alleinstehenden älteren Männer angesprochen, die klassisch dann eben solche Bewältigungsmechanismen entweder nicht gelernt haben oder gar nicht mitbringen: Was können die denn tun, um sich zu schützen, wenn sie das Gefühl haben, mir geht's nicht gut?

00:11:45: Isabella Helmreich: Also, ganz wichtig ist es natürlich, seine Gefühle zu äußern. Das ist ja auch immer so ein bisschen der Knackpunkt, dass sich ja viele für solche Gedanken schämen. Viele dann auch Angst haben, sowas auszusprechen. Auch Schuldgefühle haben, quasi, wenn solche Gedanken aufkommen. Und da ist es eben sehr wichtig, sich das auch zuzugestehen, dass es Phasen im Leben gibt, wo man solche Gedanken auch haben darf und dass es einfach schwierige Probleme manchmal gibt, die man auch nicht allein lösen kann. Jetzt zum Beispiel bei dem Beispiel dieser älteren Männer ist ja oft auch so, dass sie so ihr Leben bilanzieren und dann merken, dass vieles nicht mehr so geht. Dass auch bei den Körperfunktionen vielleicht manches nicht mehr so funktioniert, wie sie das gerne hätten. Was dann auch peinlich ist und dann oft sich zu so einem großen Berg aufbaut, dass der Körper eher hinfällig wird oder dass man auch den Angehörigen nicht zur Last fallen will. Aber da ist es eben ganz wichtig, sich wirklich zu sagen, die Dinge anzusprechen, die Sachen mit den Angehörigen auch zu besprechen oder sich auch tatsächlich Hilfe zu holen.

00:12:49: Ursula Weidenfeld: Ich würde Ihnen ja auf jeden Fall und jederzeit, Frau Helmreich, zugestehen, dass das der richtige Weg ist. Ich frag mich halt nur, was ist denn mit Menschen, die das einfach nicht können, weil sie es nicht gelernt haben? Weil sie vielleicht nie über ihre Gefühle geredet haben? Weil sie immer Probleme hatten, ihre Schwächen einzugestehen? Weil sie sich nicht eingestehen können und wollen, dass sie eine psychische Erkrankung haben oder Depressionen haben? Was können denn die selber tun, wenn sie keine Angehörigen haben, wenig Freunde und sich selbst nicht gut eingestehen können, dass sie Hilfe brauchen?

00:13:25: Isabella Helmreich: Das ist ja dann einer dieser schwierigen Situationen. Wenn man keinen hat, der einem hilft, ist das dann natürlich gerade die Personengruppe, die dann eben doch vielleicht einen Suizidversuch macht. Das ist natürlich immer eine Möglichkeit ist für solche Leute eben, was so ganz niedrigschwellig und ja auch sehr anonym ist, zum Beispiel bei der Telefonseelsorge anzurufen und quasi mit denen zu sprechen oder, was natürlich auch immer so ein ganz wichtiger Anlaufpunkt ist, eben auch für ältere Menschen, ist ja so der Hausarzt – dass dann viele ja doch ein Vertrauensverhältnis beim Hausarzt haben und sich dann dort eher trauen, sowas anzusprechen und darüber zu reden.

00:14:02: Ursula Weidenfeld: Welche Rolle spielen Arbeitgeber und Kollegen?

00:14:05: Isabella Helmreich: Der Arbeitgeber hat natürlich auch eine Fürsorgepflicht und muss natürlich darauf achten, wie geht es dem Mitarbeiter? Im Unternehmen verhält er sich auffällig und wenn er merkt, dass da irgendwas anders ist als sonst, ist es auch ganz wichtig, diese Dinge anzusprechen.

00:14:20: Ursula Weidenfeld: Wichtig wäre wahrscheinlich auch, dass man möglichst lange in der Arbeit bleibt, um sowas wie einen strukturierten Tagesablauf zu haben. Ist das richtig so?

00:14:27: Isabella Helmreich: Arbeit, das ist natürlich auch immer so ein Resilienzfaktor, wo man quasi ein nettes Einkommen hat, wenn man Sozialkontakte hat, quasi diese Tagesstruktur, die Sie angesprochen haben. Das ist natürlich schon auch ein wichtiger Faktor. Was man natürlich als Kollege auch immer tun kann, dass man natürlich auch so einen Blick für seine Kollegen hat und guckt, wie geht es denen? Wenn der jetzt mehrere Tage irgendwie ganz anders ist, als man den kennt oder anfängt zu sagen: Oh, das ist alles zu viel, ich kann nicht mehr – dass man das dann auch wirklich ernst nimmt und dann auch mal einen ruhigen Moment abwartet und demjenigen das äußert: Du, ich habe gemerkt, du bist irgendwie anders. Was bedrückt dich? Was ist los? Und sehr offen nachfragt. Was ganz wichtig ja auch ist bei solchen Sachen, dass man solche Todeswünsche oder Hoffnungslosigkeit auch ernst nimmt. Und nicht sagt: Ja, das wird doch schon alles, kein Problem. Man rät auch immer Angehörigen oder generell Menschen, die mit solchen gefährdeten Personen zu tun haben, wirklich Verständnis zu äußern, offene Fragen zu stellen, jetzt keine Vorhaltungen zu machen, das aber auch nicht nach unten zu reden. Sondern wirklich offen zuzuhören und den Leuten eben auch ganz klar sagen, dass das jetzt vielleicht eine sehr hoffnungslose Phase ist, aber dass man da so was auch mit professioneller Hilfe sehr, sehr gut in den Griff bekommt. Also, viele Suizide entstehen ja auch im Rahmen von Depressionen. Und Depression ist zum Beispiel eine Erkrankung, die behandelt werden kann. Und das ist was, das ganz wichtig ist, den Leuten auch Hoffnung zu machen und eben dann auch Ansatzpunkte: Wo können sie sich professionelle Hilfe holen?

00:16:01: Ursula Weidenfeld: Man selbst in seiner Familie möglicherweise sieht, dass man eine genetische Disposition hat, psychisch zu erkranken oder in Ausnahmesituationen in solchen Belastungssituationen, wie Sie sie geschildert haben, möglicherweise nicht mehr gut herauszufinden: Kann man denn trainieren, resilient zu werden? Sie haben eben genannt Arbeit ist ein Faktor, Freunde sind ein Faktor, soziale Kontakte sind ein Faktor, wo Menschen dann am Ende möglicherweise widerstandsfähiger gegen extreme Belastungssituationen werden. Kann man das sozusagen im Vorfeld trainieren, dass, wenn man krank wird oder wenn man in eine ausweglose Situation gerät, dass man dann sich um Hilfe bemühen kann?

00:16:50: Isabella Helmreich: Genau. Also, das Wichtigste ist ja zu trainieren, sich anderen zu öffnen, eben auch Hilfe anzunehmen. Und zum Beispiel Resilienz ist das, was ein lebenslanger Lernprozess ist, wie man jederzeit beim Leben quasi anstoßen kann, wo man eben gewisse Faktoren trainieren kann, die einem dann eben auch in Krisensituationen helfen.

00:17:09: Ursula Weidenfeld: Das heißt, widerstandsfähiger zu werden gegen Krisen... Ich glaube, wir haben uns noch nicht aufgelöst, den Begriff Resilienz.

00:17:14: Isabella Helmreich: Genau. Es bedeutet also in der Fachsprache quasi die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der psychischen Gesundheit während oder nach widrigen Lebensumständen, wenn man es jetzt ganz kompliziert will. Einfacher ausgedrückt ist es einfach sozusagen die psychische Widerstandskraft. Und ich vergleiche das zum Beispiel immer ganz gerne mit einem Schwamm. Kennen ja viele von Ihnen, diesen Tafelschwamm von früher aus der Schule. Und so ein Schwamm kann man ja nehmen und zusammendrücken oder auf den Boden werfen und darauf treten. Und der Stamm kehrt immer wieder in seine ursprüngliche Form zurück. Und das ist eben auch, was Resilienz bedeutet, dass ich eben Fähigkeiten, dass ich Fertigkeiten, dass ich auch Ressourcen habe, die ich eben in Krisensituationen auch anwenden kann, dass sozusagen, wenn Stress und Widrigkeiten auf mich eindringen wie auf diesen Schwamm, dass ich dann eben schaffe, meine psychische Gesundheit wieder zurückzugewinnen.

00:18:03: Ursula Weidenfeld: Inzwischen gibt's ja auch eine ganze Menge Onlineangebote, so etwas zu trainieren. Es gibt eine App, die messen kann, angeblich, ob man depressiv ist oder in eine depressive Phase rutscht oder nicht. Taugen die was, solche Angebote?

00:18:17: Isabella Helmreich: Das kann man jetzt natürlich pauschal nicht sagen. Kommt immer drauf an, wer es entwickelt hat, ob das evidenzbasiert entwickelt wurde, also auf wissenschaftlicher Grundlage. Oder es gibt natürlich auch ganz viele eher unseriöse Sachen auf dem Markt. Aber an sich kann man natürlich jetzt schon ein Beispiel schon... Also, es gibt ja genaue Kriterien, wie eine Depression eingestuft wird. Und wenn die abgefragt werden, kann man natürlich schon eine Einschätzung haben. Also, die richtige Einschätzung muss natürlich ein Fachmann machen, der genau weiß, wie die Kriterien genau angewendet werden, aber er kann schon auch Hinweise bekommen, ob man jetzt quasi depressive Tendenzen hat oder nicht.

00:18:54: Ursula Weidenfeld: Und man könnte immer sagen, dass Onlinekurse und Apps, die beispielsweise von den Krankenkassen angeboten werden oder von psychiatrischen Klinika oder von der Telefonseelsorge oder von sozialpsychologischen Diensten, dass die in der Regel jedenfalls zuverlässiger sind?

00:19:11: Isabella Helmreich: Genau, weil die wurden ja vorher geprüft, fachlich und nach wissenschaftlichen Kriterien. Und sowas kann man dann natürlich vertrauen.

00:19:18: Ursula Weidenfeld: Wenn wir noch einmal fragen: Das sind ja jetzt sehr viele Hinweise für Menschen, die sich in einer Ausnahmesituation fühlen oder die in einer Belastungskrise sind. Wenn man das Gefühl hat, jemand ist in einer akuten Belastungssituation, hat sowas wie einen Nervenzusammenbruch. Wenn wir dann bemerken oder wenn man bemerkt, dass dieser Nervenzusammenbruch dazu führt, dass jemand ausrastet, dass jemand aggressiv wird, dass jemand so einen Tunnelblick bekommt: Würde man da immer noch auf ihren Rat vertrauen und sagen, reden hilft immer und freundschaftlich dabei sein hilft immer und begleiten hilft immer? Oder würde man da nicht am besten irgendwann die Polizei rufen?

00:20:01: Isabella Helmreich: Also, das ist wirklich wichtig zu unterscheiden. Wenn man merkt, der Mensch ist nicht mehr ansprechbar oder der ist so überfordert, kann man tatsächlich sagen, reden hilft nicht immer. Und es ist natürlich auch etwas anderes, ob eine Fachperson quasi mit dem gefährdeten Menschen redet oder ob ich das als Laie mache. Und das ist auch ganz wichtig, dass ich natürlich auch für mich eine gewisse Grenze ziehen muss. Also, ich kann nicht für den anderen Menschen sorgen und das gut einschätzen. Also, wenn ich da merke, ich komme dann nicht mehr zu den Menschen durch, ist es ganz wichtig, dass man wirklich professionelle Hilfe hinzuzieht, also dass es dann im schlimmsten Fall, wenn man merkt, da geht jetzt gar nichts mehr, dass man dann tatsächlich den Notarzt ruft und quasi bei dem Menschen auch so lange bleibt, bis der Notarzt da ist und dann die Verantwortung auch in die professionelle Hand gibt, die dann wirklich einschätzen können: Was ist jetzt wichtig? Ist das eine Person, die wirklich in die Psychiatrie eingewiesen werden muss? Oder reicht es erstmal quasi, ihn zu beruhigen und dann weitere Hilfe hinzu zu ziehen?

00:21:02: Ursula Weidenfeld: Wir haben jetzt gesprochen, und wenn ich das nur ganz kurz zusammenfassen darf, damit man, wenn man selber sich nicht gut fühlt oder in einer depressiven Phase ist oder das Gefühl hat, dass die Dinge einem zu viel werden, damit man ungefähr weiß, wo man dann hin kann und wie man hin kann: Man würde also sagen, solange man sich selber helfen kann, ist es immer gut, auf Telefonseelsorge, sozialpsychologische Dienste, Kliniken zurückzukommen und die anzurufen, wenn man selbst keine Freunde, keine Angehörigen und keine Kollegen hat, mit denen man reden kann. Zweitens, wenn man Kollege, Freund, Familienangehörige ist, dann ist es wichtig, Hinweise ernst zu nehmen, auch veränderte Verhaltensweisen ernst zu nehmen. Drittens, wenn man mit jemandem zu tun hat, der ganz offensichtlich in einer Lebenskrise ist und dann nicht herausfindet und aggressiv reagiert, möglicherweise ausrastet, eine Tunnelwahrnehmung seiner Probleme hat, dann ist es im schlimmsten Fall der richtige Weg, den Notarzt zu rufen und sich nicht darauf zu verlassen, dass die Dinge am Ende schon selbst wieder gut werden. Und viertens, wenn es einem eigentlich ganz gut geht, aber man hat das Gefühl, du könntest gut für dich sorgen und besser für dich sorgen, ist es eine gute Idee, darüber nachzudenken, wie man seine sozialen Kontakte pflegt, wie man seine Freundschaften pflegt, wie man mit seiner Familie zurechtkommt, wie man es lernt, um Hilfe und Unterstützung zu bitten, wenn es nötig ist – und wie man selbst das natürlich auch zurückgibt, weil solche Beziehungen beruhen immer auf Gegenseitigkeit. Ist das ungefähr richtig zusammengefasst?

00:22:41: Isabella Helmreich: Genau, das haben Sie sehr schön zusammengefasst. Und lieber einmal nicht so lange zögern, sondern immer, wie gesagt, lieber einmal professionelle Hilfe mehr in Anspruch genommen, als dass man dann quasi mit einem Suizid konfrontiert wird.

00:22:54: Ursula Weidenfeld: Ganz kurze Frage noch zum Schluss, weil Sie das gerade nochmal so betonen: Wenn ich das aber jetzt machen wollte, dann warte ich trotzdem drei Monate, bis ich einen Termin bei einem Psychiater bekomme, oder?

00:23:04: Ursula Weidenfeld: Dann ist der Psychiater auch nicht der richtige Ansprechpartner. Dann geht man wirklich in die Psychiatrie. Also da gibt's ja dann die Notfallambulanz und da kann man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit vorstellen. Oder, wie gesagt, den Notdienst rufen.

00:23:17: Ursula Weidenfeld: Also nicht auf die Therapie warten, sondern in die Ambulanz gehen?

00:23:20: Isabella Helmreich: Genau. Oder die andere Möglichkeit: Es gibt ja auch Notfallsprechstunden. Es wurde ja jetzt eingeführt, auch bei den Psychologen, dass die regelmäßig Notfallsprechstunden... Also, dass man dann auch ganz kurzfristig Termine bekommt. Also, da braucht man dann keine drei Monate auf eine Therapie warten, sondern dann kann man sich notfällig auch dort vorstellen. Das kann man im Internet auch auf den kassenärztlichen Seiten sehen, welche Therapeuten zu welchen Zeiten Notfallsprechstunden haben und kann sich dann dort vorstellen.

00:23:47: Ursula Weidenfeld: Frau Helmreich, vielen Dank. Das war sehr hilfreich und, glaube ich, auch ganz gut, das zum Schluss noch einmal so deutlich zu sagen. Herzlichen Dank!

00:23:54: Isabella Helmreich: Ja, sehr gerne.

Über diesen Podcast

Im Podcast "Tonspur Wissen" lädt die Journalistin Ursula Weidenfeld alle Hörerinnen und Hörer auf eine Entdeckungsreise ein. Sie trifft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, stellt ihre Fragen und hört zu. Ursula Weidenfeld ist überzeugt: Nur so kann man Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen. Und zu entdecken gibt es jede Menge in der Welt der Wissenschaft.

Weiterhin verfügbar sind außerdem 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online

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