t-online Tonspur Wissen

t-online Tonspur Wissen

Ein Podcast von t-online und der Leibniz Gemeinschaft

Transcript

Zurück zur Episode

00:00:31: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Ich habe jede Menge Fragen, weil ich Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen möchte. In diesem Podcast verabrede ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, stelle meine Fragen und höre zu. Und ich lade sie ein, das auch zu tun. Diesmal spreche ich mit Ilka Parchmann über die große Frage, wie man Kindern und Jugendlichen die Angst vor Mathematik und Naturwissenschaften nehmen kann. Ilka Parchmann ist Sprecherin des Leibniz-WissenschaftsCampus in Kiel und in ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Didaktik der Naturwissenschaften - also der Frage, wie man Naturwissenschaften gut unterrichten kann. Frau Parchmann, gerade jetzt haben viele Eltern Angst, dass ihre Kinder in der Mathematik und in den Naturwissenschaften den Anschluss verlieren. Haben sie das zu Recht?

00:01:21: Ilka Parchmann: Moin erstmal aus Kiel. Es freut mich sehr, dass es eine Befragung oder ein Interesse an diesem Thema gibt. Ja, ich glaube, im Moment haben Eltern natürlich zu Recht die Angst, dass ihre Kinder insgesamt im Lernen ein bisschen zurückgeworfen werden, weil die Umstände des Beschulens im Augenblick natürlich schon sehr eingeschränkt sind. Das ist aber kein spezifisches Problem der Naturwissenschaften oder der Mathematik. Ich glaube, im Gegenteil, wenn sich die Rahmenbedingungen ein bisschen wieder einspielen, dann bietet das digitale Lehren und Lernen für die Naturwissenschaften und für die Mathematik sogar besondere Potenziale, die man dann vielleicht mehr nutzen kann und wird, als man es in der Vergangenheit getan hat.

00:01:58: Ursula Weidenfeld: Nun ist es ja so, dass viele Eltern und Lehrer ohnehin damit zu kämpfen haben, dass ihre Kinder Angst vor diesen Fächern haben, das sind so die klassischen Angstfächer in der Schule, und dass sie jetzt eben besonders stark befürchten, dass die Kinder, die Jugendlichen sich die Arbeit in diesem Bereich dann eben eher sparen, weil sie ohnehin schon frustriert sind.

00:02:19: Ilka Parchmann: Zum einen, glaube ich, ist das so gar nicht ganz richtig. Wenn die Kinder zum ersten Mal mit Mathematik und mit naturwissenschaftlichen Phänomenen in Berührung kommen, in der Grundschule zum Beispiel oder auch im Anfangsunterricht der Sekundarstufe, dann haben die keine Angst davor, sondern dann haben die durchaus Spaß und Faszination an den Phänomenen, die man ihnen zeigen kann, an dem experimentellen Arbeiten. Ich komme ja selber aus dem Bereich der Chemie. Ich habe das noch nie erlebt, dass man mit jüngeren Kindern dort auf Angst oder auf, sozusagen, Sorgen stößt. Im Gegenteil: Da ist ganz viel Neugier vorhanden, da ist ganz viel Motivation vorhanden. Das ist eigentlich eher so, dass im weiteren Verlauf der Schulzeit dann vielleicht das eine oder andere Fach doch zu einem wird, was eben auch Angst machen kann, weil es dann zunehmend eben theoretischer wird im Unterricht und weil die Kinder oder Jugendlichen dann vielleicht zunehmend das Gefühl haben, dass sie dieses Verständnis nicht mehr erwerben können. Das muss aber nicht so sein. Es gibt, glaube ich, eine ganze Menge Möglichkeiten, hier die Angst zu nehmen und die Freude zu erhalten.

00:03:14: Ursula Weidenfeld: Die Sekundarstufe, das ist die Klasse sechs bis zehn, danach kommt dann die Sekundarstufe II, die dann eben zum höheren Schulabschluss führt. Was passiert da? Warum sind Jugendliche dann eben nicht mehr so unbefangen? Oder warum lernen sie nicht mehr so gerne? Oder warum macht ihnen Mathematik, Chemie, Physik dann auf einmal Probleme?

00:03:35: Ilka Parchmann: Also, weil leider mit dem Verlauf der Schulzeit dieses eigene, entdeckende Arbeiten, das experimentelle Lernen, das Beobachten eher immer weniger wird. Und weil das abstrakte Konzeptverständnis - und das gilt, glaube ich, für alle Naturwissenschaften - eben einen immer höheren Anteil im schulischen Unterricht einnimmt. Und das fällt vielen Schülerinnen und Schülern tatsächlich schwer, das sozusagen mitzuverfolgen und das für sich so aufzubereiten, dass sie merken, sie können das und dass sie auch Lust haben, das anzuwenden auf reale Fragestellungen, wie die Klimaveränderung oder die Entwicklung neuer Treibstoffe oder was auch immer. Also es gibt sehr viele Möglichkeiten, eigentlich diese abstrakten Konzepte immer wieder mit ganz wichtigen Fragen in Verbindung zu setzen. Das wird nur nicht in dem Maße gemacht, wie man es tun könnte. Und da bieten aber digitale Möglichkeiten der Visualisierung zum Beispiel ganz enorme Potenziale. Also wenn Sie sich vorstellen, Sie können so ein Molekül nicht greifen, Sie können es aber zukünftig vielleicht in einer Art und Weise darstellen, dass man es dann eben doch sehen kann. Sodass die Zukunft, glaube ich, vielleicht diese Sorge vor diesem abstrakten Denken sogar ein Stück weit nehmen kann, wenn man das einsetzt am Unterricht.

00:04:40: Ursula Weidenfeld: Wenn man es denn einsetzt im Unterricht, würden Sie sagen, dass diese Angst, die sich einstellt, bei einigen jedenfalls zwischen der Klasse neun und der Klasse elf, dass das ein Problem der Lehre ist, also der Lehrer ist und gar nicht so sehr ein Problem der Jugendlichen?

00:04:58: Ilka Parchmann: Ja, ich glaube, dass das ein Problem ist, wie man diese Fächer unterrichtet oder wie man den Jugendlichen weiter den Zugang zu diesen Fächern ermöglicht. Das ist aber auch nicht nur Schuld der Lehrerinnen und Lehrer, sondern das hat etwas damit zu tun, dass wir eben leider in einigen Fächern doch relativ wenig Unterrichtszeit haben und dass diese Unterrichtszeit dann mit der Fülle der Lehrplanthemen, die dort auch gemacht werden muss, eben dazu führt, dass man vielleicht durch viele Themen dann etwas zu schnell durchjagt, als man es eigentlich machen könnte. Sodass glaube ich schon, dass das nicht in der Sache selbst steckt, sondern dass das ganz viel damit zu tun hat, wie man den Naturwissenschaften und wie man der Mathematik begegnet im Unterricht.

00:05:34: Ursula Weidenfeld: Wollen die Lehrer nicht oder können die Lehrer nicht?

00:05:36: Ilka Parchmann: Nein, wie gesagt: Ich glaube, das ist zum Teil den zeitlichen Restriktionen geschuldet, den Einschränkungen, die man einfach hat in der Schule. Sie wollen, glaube ich schon. Es hat aber auch etwas damit zu tun, wie die Lehrkräfte vielleicht selbst diesen Unterricht erfahren haben. Sie sind ja oft Lehrer oder Lehrerinnen geworden, weil sie vielleicht mit dieser Art des auch abstrakteren, theoretischeren Lernens durchaus gut zurechtgekommen sind und manchmal dann vielleicht doch Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, dass das bei anderen nicht der Fall ist. Also im Lehramtsstudium versuchen wir den angehenden Lehrkräften schon viele Wege aufzuzeigen, wie man unterschiedliche Schülerinnen und Schüler eben auch unterschiedlich motivieren kann. Und den einen erreicht man eben über ein Experiment, den anderen erreicht man über die Beschäftigung mit Theorie, den Dritten erreicht man, wenn man aufzeigt, wie relevant die Naturwissenschaften für die Gesellschaft sind. Also wir versuchen schon, den angehenden Lehrkräften dieses Handwerkszeug mitzugeben, damit sie die Naturwissenschaften möglichst vielfältig unterrichten können und das dann hoffentlich später im Unterricht auch gemacht wird. Aber wir wissen aus der Praxis, aus der Beobachtung der Praxis, dass das eben leider oft dann doch nicht der Fall ist, weil vielleicht andere Gründe dagegensprechen, wie die Zeit im Unterricht.

00:06:42: Ursula Weidenfeld: Sie haben eben die digitalen Möglichkeiten erwähnt. Nun haben wir in der Corona-Zeit die Erfahrung gemacht, dass die meisten Schulnetze nicht besonders belastbar waren. Die sind eben schon im normalen Unterricht zusammengebrochen. Aber was sind denn die Möglichkeiten im Digitalen, wenn wir an Chemie denken, wenn wir an Physik denken?

00:07:01: Ilka Parchmann: Genau. Also die Grundbedingung ist natürlich, dass die Technik vorhanden ist. Das gilt für das Netz, das gilt für das WLAN, das gilt auch für die Endgeräte. Das ist ein absolutes Muss. Aber diese Geräte müssen eben auch mit Inhalt gefüllt werden und für die Naturwissenschaften kann man sich dort verschiedene Dinge vorstellen. Das eine hatte ich eben angesprochen, das ist einfach die Sichtbarmachung der Welt, die wir nicht sehen können. Also, wenn ich mir Moleküle angucken kann, wenn ich sie vielleicht sogar begreifen kann in einer virtuellen Welt, dann wird mir das leichter fallen, auch zu verstehen, warum diese Moleküle bestimmte Eigenschaften haben. Oder wenn man in der Welt der Zahlen diese Zahlen ein bisschen auch sozusagen bewegen kann, dass man sie nicht nur auf dem Papier aufschreiben muss, dann hilft das tatsächlich, bestimmte Prozesse, bestimmte Zusammenhänge besser zu verstehen. Man kann Lernumgebungen schaffen, die sozusagen dem Niveau der Schülerinnen und Schüler angepasst sind, also dass diejenigen, die schon ein bisschen weiter sind, dann automatisch auch andere Aufgaben bekommen als diejenigen, die noch nicht so weit sind. Das geht für Grundverständnis, Regellernen sehr, sehr gut. Das gilt noch nicht so gut für weiterführendes Verständnis - Bewertungskompetenz beispielsweise. Aber da ist man dran. Aber die Möglichkeiten dieser Visualisierung und dieser Simulationen, die sind durch die digitalen Möglichkeiten, glaube ich, sehr gut. Oder wenn Sie an reale gesellschaftliche Fragestellungen denken, dann können Sie den Schülerinnen und Schülern ein Verständnis mitgeben, wie man zum Beispiel das Klima vorhersagen kann oder wie man das Klima erklären kann, weil sie ein Grundverständnis für Simulationen entwickeln und dann auch merken, warum man dort das naturwissenschaftlich-mathematische Wissen einfach braucht und eben auch sinnvoll nutzen kann.

00:08:33: Ursula Weidenfeld: Wenn man das alles weiß und wenn man auch auf der anderen Seite sieht, dass nach dem Abitur oder nach dem Mittleren Schulabschluss sich doch vergleichsweise wenige junge Menschen entscheiden, eine Ausbildung in dem Bereich zu machen, also entweder ein duales Ausbildungsprojekt zu machen oder das zu studieren, dann würde man doch annehmen, dass jetzt ganz schnell in der Schule reformiert wird. Sie wissen alles, wir wissen auch, dass am Ende die Ergebnisse nicht befriedigend sind. Warum passiert da so wenig und zu langsam?

00:09:04: Ilka Parchmann: Auch da muss man wieder differenzieren. Also wenn man sich die Gesamtzahlen anschaut, dann sind das gar nicht so wenige, die die sogenannten MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die diese MINT-Fächer studieren. Das ist tatsächlich ein Anteil von fast 40 Prozent, also ein vergleichsweise großer Anteil. Aber das ist eben sehr unterschiedlich auf die Fächer verteilt. Wir haben nach wie vor eine sehr große Studiennachfrage in Bereichen wie Biologie, Medizin, Biochemie, wo wir viel, viel mehr Studieninteressierte haben als Studienplätze. Und wir haben nach wie vor eine - gemessen an dem Bedarf, den man hat - zu geringe Nachfrage zum Beispiel in den ingenieurswissenschaftlichen Fächern. Also man muss hier ein bisschen differenzieren, wo der Mangel tatsächlich vorhanden ist und wo nicht. Und wir haben auch nach wie vor ein sehr großes Ungleichgewicht zwischen den Jungen und den Mädchen oder den jungen Männern und den Frauen. Also in den Ingenieurswissenschaftlichen Fächern sind Frauen auch nach wie vor stark unterrepräsentiert, mit so einer 20, 25 Prozent Größenordnung. Da kann man sicher nachlegen. Ihre Frage ging ja aber auch auf die Wahlmotive: Also, warum wählen junge Menschen einen solchen Studiengang? Das gleiche gilt auch für Ausbildungsberufe. Und das, was ich vorhin gesagt hatte, das setzte ja sehr stark an, an der Frage: Warum brauche ich das eigentlich? Warum soll mir das Spaß machen? Welche Art der Begegnung mit den Naturwissenschaften habe ich, die mir Freude macht? Das ist aber nur ein Grund dafür, warum ich mich mit einem Fach beschäftige, es gibt weitere. Das eine hat mit dem Zutrauen zu tun in meine eigene Leistung, also: Traue ich mir das wirklich zu? Glaube ich, dass ich das kann? Da gibt es eine ganz interessante Beobachtung, insbesondere für Mädchen, die oft tatsächlich in verschiedenen Bereichen gleichermaßen gut sind und die dann für sich zum Beispiel den Eindruck haben: Sprachen kann ich gut. Was dann aber parallel dazu führt, dass sie glauben, mit Mathematik und Naturwissenschaften kann ich dann offenbar weniger gut, auch wenn das die reale Leistung gar nicht hergibt. Also hier muss man sehr viel Unterstützungsarbeit leisten, sehr viel tatsächlich auch Mut machen, sich an diese Fächer ranzutrauen. Und es gibt einen weiteren Grund, den ich hier vielleicht noch nennen möchte, der viel stärker gesellschaftlich ist und der viel stärker mit Stereotypen oder der Wahrnehmung dieser Richtungen zu tun hat, dass eben doch leider im Bereich von Mathematik, von Physik, von Ingenieuren vielleicht noch Bilder existieren wie: Das ist nichts für junge, dynamische Frauen. Das ist nichts für Menschen, die auch Lust haben auf Sport oder andere Dinge. Und hier setzen sehr viele Programme an, die den jungen Menschen schon zeigen wollen: Natürlich ist das genauso cool, genauso toll, genauso spannend, wenn du dich mit Physik oder Mathematik beschäftigst, als wenn du dich mit anderen Bereichen beschäftigst. Das nennt man so ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen, also die Möglichkeit zu geben, eben schon als Jugendlicher andere Gleichgesinnte zu treffen, mit anderen zusammen zu arbeiten und dann auch vielleicht gemeinsam Lust zu kriegen, diese Fächer zu studieren. Also hier muss man viel breiter ansetzen als nur in Fachunterricht, als nur in der Motivation an der Sache, sondern tatsächlich insgesamt die gesellschaftliche Wahrnehmung und die Wertschätzung eben genauso stärken in diesen Bereichen.

00:11:59: Ursula Weidenfeld: Und weil man ja auch Rollenvorbilder braucht. Das Interessante ist aber, dass es ja eigentlich sehr konservative Länder gibt oder Länder, die eine vergleichsweise konservative Gesellschaft haben, wie zum Beispiel Spanien oder Italien, wo das ganz anders aussieht. Also ich meine, dass man im Baltikum oder in Finnland oder in Schweden mehr Leute hat, die Maschinenbauer werden wollen oder Physik oder Mathematik studieren, das ist einigermaßen plausibel, aber eben traditionelle Gesellschaftsmodelle haben das auch und wir haben das nicht.

00:12:28: Ilka Parchmann: Ja, genau. Auch das zeigt nochmal, wie komplex dieses Problem ist, dass es eben nicht nur etwas damit zu tun hat, ob mir einfach Spaß macht, ob ich mir das Fach zutraue, sondern auch, welche Rolle diese Berufe in der Gesellschaft zum Beispiel haben. Es gibt Länder, wo interessanterweise tatsächlich mehr Frauen in MINT-Berufen sind, was aber gar nicht unbedingt mit der Motivation dieser Berufe zu tun hat, sondern damit, dass die in einem bestimmten Einkommensbereich angesiedelt sind und typische Zweitberufe sind, was sie bei uns aber ganz und gar nicht sind. Also, das kann sehr unterschiedliche Gründe haben, warum in anderen Ländern vielleicht mehr Frauen diese Fächer dann auch studieren. Das hat auch etwas damit zu tun, wie sozusagen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie leistbar ist, was in Deutschland jetzt auch nach wie vor eine schon sehr große Herausforderung ist. Und wir kennen sehr viele junge Frauen, die eigentlich anfangen vielleicht solche Fächer zu studieren und dann aber sagen: Ich kann mir einen solchen beruflichen Kontext neben Kindern, neben Familie, wenn ich nicht im Labor arbeiten darf, dann eben nicht mehr vorstellen und dann aus diesen Kontexten auch wieder ausscheiden. Also das ist tatsächlich eine sehr komplexe Fragestellung, die nicht nur mit dem Unterricht zu tun hat und mit der Motivation, die der Unterricht hier schaffen kann.

00:13:35: Ursula Weidenfeld: Sie sind ja die Expertin für Didaktik, also wie man dieses Fach an den Schüler an die Schule bringt. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten oder eine Maßnahme hätten, wo Sie sagen dürften, das probieren wir jetzt in der Schule aus, um Kindern und Jugendlichen die Angst vor den Fächern zu nehmen und ihnen dann am Ende eben auch die Freude an diesen Fächern zu vermitteln. Was wäre das?

00:13:59: Ilka Parchmann: Also ich würde definitiv stärken die Zusammenarbeit von Schulen mit außerschulischen Lernorten. Das gibt es in Deutschland auch schon seit geraumer Zeit. Das entwickelt sich genau in so eine Richtung, damit man einfach mehr Gelegenheiten schaffen kann, wo Kinder und Jugendliche die Faszination insbesondere eben der naturwissenschaftlichen Fächer einfach erfahren können, weil man an einem außerschulischen Lernort, in einem Schülerlabor zum Beispiel, ganz andere experimentelle Möglichkeiten hat, weil man viel mehr Zeit hat oder weil man in der Zusammenarbeit mit Unternehmen mal sehen kann, was aus diesem theoretischen Wissen dann wirklich in Produkten entstehen kann. Und ich glaube, dass Lehrkräfte hier sehr, sehr gut beraten sind in ihrer Unterrichtsplanung und genauso auch Länder in ihrer Lehrplanplanung, genau diese Vielfalt der Lerngelegenheiten einfach mit einzuplanen. Also der Weg der naturwissenschaftlichen Fächer wird, glaube ich, sehr stark im Unterricht, aber auch wieder aus diesem schulischen Unterricht rausgehen müssen, um diese Faszination zu erhalten.

00:14:52: Ursula Weidenfeld: Und was würden Sie Eltern, Großeltern, Lehrern raten, die jetzt fürchten, dass Kinder in der Corona-Zeit durch die wenige Schule, durch den wenigen Unterricht ihre Vorbehalte gegen diese Fächer nicht nur stärken, sondern auch total verfestigen? Was müssen die tun oder wie können die reagieren?

00:15:13: Ilka Parchmann: Also ich würde zum einen genau aufzeigen, dass es gerade diese Fächer sind, die Lösungen schaffen für die Probleme. Also, die ganzen digitalen Lernumgebungen, die zukünftigen Möglichkeiten, der Prozessentwicklung, der Roboterentwicklung, was auch immer sie noch wollen, das wird ganz, ganz viel mit naturwissenschaftlich-technischen Fähigkeiten zu tun haben. Die Grenzen auch, wo wir sagen, da möchten wir aber nicht digital arbeiten, da möchten wir miteinander arbeiten, werden damit zu tun haben, dass man solche zukünftigen Arbeitswelten oder Lebenswelten eben auch gestalten kann. Und da werden sie immer wieder Menschen brauchen, die gerade sich mit naturwissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten auskennen. Man kann, glaube ich, das unglaubliche Zukunftspotenzial dieser Fächer gerade in dieser Zeit, wo sich die Welt einfach doch sehr stark verändert, nochmal aufzeigen und dann junge Menschen, glaube ich, auch dazu motivieren, zu sagen: Ihr könnt hier diese Zukunft genau mitgestalten, wenn ihr euch mit diesen Fragen auseinandersetzt, wenn ihr dazu beitragt, dass man für gesellschaftliche Probleme Lösungen findet. Das ist genau eine Aufgabe, der ihr euch stellen könnt und mit der ihr euch beschäftigen könnt. Und darüber, glaube ich, kann man hoffentlich schon viele Jugendliche dazu bringen, dass sie sich dann auch mit diesen Fächern wieder auseinandersetzen wollen.

00:16:20: Ursula Weidenfeld: Naja, das ist ja ein Appell an die Vernunft von Kindern und Jugendlichen. Aber es ist nicht die Motivation oder der Appell an ihren Bauch, an das Gefühl. Das ist jetzt aber was, was ich wirklich gerne wissen will.

00:16:31: Ilka Parchmann: Das würde ich nicht so sagen. Ich glaube, das widerspricht sich nicht. Also wenn Sie sich jetzt vorstellen, tatsächlich, dass man insbesondere im digitalen Bereich diese Dinge dann einfach auch schon mal sehen kann und schon mal anfassen kann, dann haben Sie ganz viel emotionale Wirkung. Also, ich hab heute Morgen ein Beispiel gehört, wo eine Simulation zeigt, wie ein Gebäude gebaut wird und dadurch, dass man mit so einer virtuellen Brille einfach mal auf das Dach dieses Gebäudes steigen kann, plötzlich erfährt, was das eigentlich bedeutet, dort zu arbeiten. Oder sie haben die Faszination, dass es Tiere gibt, die schwimmen auf Wasser. Wie funktioniert das eigentlich? Ich kann in so einer digitalen Welt da einfach mal eintauchen, kann das selbst erfahren, wie das funktioniert, wie man auf diesem Wasser schwimmen kann oder laufen kann. Ich glaube, dass sie da ganz viel mit Emotionen arbeiten und trotzdem zeigen, warum es wichtig ist, dieses Wissen zu haben und dann diese Dinge eben auch produzieren zu können. Egal ob das im Bereich Bauingenieurwesen ist oder im Bereich der Naturwissenschaften ist. Sie können auch solche Beispiele in der Medizin finden, wo man einfach erfährt, wie ein Medikament wirkt und glaub ich dann schon die Faszination hat und vielleicht auch den Wunsch erzeugen kann, selbst mal solche Medikamente später herstellen zu wollen. Also Wissen und Faszination und Bauchgefühl und Logik widersprechen sich überhaupt nicht im Bereich der Naturwissenschaften. Da kann man sie ganz wunderbar zusammenführen.

00:17:45: Ursula Weidenfeld: Ja, keine Angst vor Technik, das gilt ganz offensichtlich nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Eltern und Lehrer, die dann eben diese VR-Brillen im Unterricht oder in der Unterrichtsvorbereitung einsetzen müssen und eben auch bejahen müssen. Vielen Dank, Frau Parchmann für diesen Einblick.

00:18:02: Ilka Parchmann: Sehr gerne.

Über diesen Podcast

Im Podcast "Tonspur Wissen" lädt die Journalistin Ursula Weidenfeld alle Hörerinnen und Hörer auf eine Entdeckungsreise ein. Sie trifft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, stellt ihre Fragen und hört zu. Ursula Weidenfeld ist überzeugt: Nur so kann man Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen. Und zu entdecken gibt es jede Menge in der Welt der Wissenschaft.

Weiterhin verfügbar sind außerdem 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft.

Ein Abonnement von "Tonspur Wissen" bei Apple Podcasts, Spotify, Google Podcasts oder in Podcast-Apps ist kostenlos. Sie bekommen dann immer die neueste Folge.

von und mit Ursula Weidenfeld & t-online

Abonnieren

Follow us