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Ein Podcast von t-online und der Leibniz Gemeinschaft

Transkript

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00:00:27: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Ich habe jede Menge Fragen, weil ich Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen möchte. In diesem Podcast verabrede ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, stelle meine Fragen und höre zu. Und ich lade Sie herzlich ein, das auch zu tun. Heute spreche ich mit Ariane Sept vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung und wir reden über den Karneval. Frau Sept, in jedem normalen Jahr würden wir uns jetzt so langsam die Pappnasen raussuchen und anziehen, auf die Straße gehen und Karneval feiern. Jedenfalls in einigen Regionen Deutschlands. Warum machen wir das?

00:01:09: Ariane Sept: Ja, warum machen wir das? Also, zum einen ist es natürlich wie bei allen Traditionen: Man tut Dinge, weil man sie immer schon so getan hat. Zum anderen ist aber natürlich gerade der Karneval auch ein wunderbares Beispiel dafür, dass wir ja eigentlich nicht erst, also wir zwei vielleicht schon, aber ein Großteil der Menschen sich nicht erst heute einfach so die Pappnase aufsetzt, sondern schon seit Wochen damit beschäftigt ist, den Karneval vorzubereiten. Da werden Kostüme gebastelt, da werden Wagen gebaut. Da passiert ja ganz viel im Vorfeld schon, was einfach mit einer riesengroßen Aktivität und auch einer gemeinschaftlichen Aktivität vor allem einhergeht. Wo Kreativität ausgelebt wird, wo man auch noch mal einen Grund hat, gerade auch in kleineren Orten, sich bei Menschen zu melden, die man vielleicht sonst das Jahr über nicht sieht. Aber man weiß: Ach, der hat doch da noch immer so einen Wagen rumstehen, der wäre uns jetzt ganz hilfreich. Da fragen wir den doch noch mal. Und man hat noch mal einen ganz anderen Weg, auch miteinander ins Gespräch zu kommen, um dann quasi auf den Höhepunkt, was dann eben der Zoch in manchen Gegenden oder woanders auch nur der Spaziergang oder das kleine Fest am Ort ist, dann irgendwie als Höhepunkt zu feiern und davon auch wieder zu profitieren. Dann kann man wieder sich eine Woche drüber unterhalten oder sogar einen Monat. Also das macht so ganz viel mit dem zwischenmenschlichen Umgang einfach.

00:02:27: Ursula Weidenfeld: Also, weil man sich begegnet auf einer vergleichsweise unverbindlichen Ebene. Weil man viel miteinander macht, ohne miteinander befreundet sein zu müssen und weil man hinterher zusammen feiert. Welche Funktion hat sowas für ein Gemeinwesen?

00:02:43: Ariane Sept: Und für ein Gemeinwesen hat das eine ganz wahnsinnig wichtige Funktion. Zum einen eben genau das, was wir schon gesagt haben: Also, man begegnet sich auf eine gewisse Art und Weise, man tut auch etwas zusammen. Man begegnet sich ja nicht nur, sondern man arbeitet ganz konkret an einem Etwas, an einem Ding, an Kostümen, an Wagen, auch an Organisationen. Also wie organisieren wir dieses Jahr unseren–. In Rheinland-Pfalz gibt's dann die Möhnen. Wie machen wir das?

00:03:08: Ursula Weidenfeld: Die Mönchen sind die Waschweiber, die früher eben im Karneval auch ihre Rollen vertauscht haben. Auf einmal waren eben die Frauen diejenigen, die das Sagen hatten.

00:03:20: Ariane Sept: Genau. Und die gibt's ja bis heute. Und das sind mitunter auch Menschen, die sich vielleicht im sonstigen Alltag, vielleicht sind die jetzt gar nicht beste Freundinnen, aber sie haben sozusagen ein gemeinsames Ziel, auf einen Tag hinzuarbeiten, sich zu organisieren, Dinge zu kochen, die man vielleicht sonst nicht kochte oder irgendwelche Dinge dieser Art einfach miteinander zu tun.

00:03:42: Ursula Weidenfeld: Welche Rolle spielt das gerade auch im Februar, wenn es draußen doch kalt, nass und grau ist, dass man dann etwas hat, auf das man sich freuen kann?

00:03:51: Ariane Sept: Ja, das Wetter und die Jahreszeit ist natürlich extrem wichtig. Und zwar nicht nur, weil es draußen kalt, nass und grau ist, sondern weil wir natürlich auch gerade im Januar und Februar auch eine Jahreszeit haben, wo viele Dinge, die man sonst das Jahr über tun muss, nicht getan werden müssen. Also da wird kein Feld bestellt, da muss man sich nicht um den Garten kümmern. All das, was quasi mit der Natur zu tun hat, das ruht.

00:04:14: Ursula Weidenfeld: Wenn man auf den Karneval und das Datum des Karnevals schaut, dann hat es ja eine christliche Tradition, die sagt: 46 Tage vor Ostern – eigentlich 40, aber wenn man die Sonntage abzieht und die christlichen Feiertage in der Fastenzeit, dann kommt man auf 40 Tage – 46 Tage vor Ostern fängt die Fastenzeit an mit dem Aschermittwoch und vorher macht man nochmal ordentlich einen drauf. Sie haben eben schon gesagt, es spielt eine große Rolle, dass man im Winter auch etwas hat, auf das man sich freut, zumal man sonst auch nichts zu tun hat und sich möglicherweise langweilt. Aber hat es auch außer dieser christlichen Tradition, dieser katholischen Tradition noch weitere Gründe, weshalb so viele Menschen dann feiern wollen?

00:04:58: Ariane Sept: Naja, wenn man sich zum Beispiel in Italien die Erzählungen über die Geschichte des Karnevals anschaut, dann wird da immer darauf verwiesen, dass es ja eigentlich falsch wäre, eine christliche Tradition dahinter zu vermuten, sondern es geht darum, den Winter zu verabschieden. Was jetzt falsch und richtig ist, das soll uns vielleicht mal gar nicht so sehr interessieren –.

00:05:16: Ursula Weidenfeld: Zumal sich ja immer christliche und heidnische Traditionen, gerade bei solchen großen Volksfesten, vermischten.

00:05:22: Ariane Sept: Genau, das kann man nur schwer auseinanderhalten. Aber mit der Fastenzeit kommt dann eben auch noch mal hinzu – das ist ja tatsächlich etwas, was auch bis heute mitunter sehr ernst genommen wurde, aber vor allem auch im Mittelalter und danach sehr bedeutsam war –, eben auf gewisse Nahrungsmittel zu verzichten. Das ist gewissermaßen auch eine Vorbereitung darauf, nicht nur im Sinne von "Wir machen davor nochmal einen drauf!", sondern auch im Sinne von "Wir verbrauchen davor nochmal Dinge, die einfach noch da sind." Es war zum Beispiel lange Zeit üblich, dass man dann eben im Februar nochmal alles geschlachtet hat, was irgendwie geschlachtet werden musste und da fiel natürlich viel Fett an.

00:06:01: Ursula Weidenfeld: Und deshalb hat man heute das Schmalzgebäck immer noch.

00:06:04: Ariane Sept: Genau, weil in diesem Fett, damit wurde alles Mögliche gemacht, unter anderem eben auch viel frittiert. Das finde ich ja total spektakulär, eigentlich. Wir glauben manchmal, man würde so fettiges Zeug essen, damit der Alkohol nicht so viel Schaden anrichtet.

00:06:19: Ursula Weidenfeld: Aber eigentlich ist es ein Motiv gewesen, das Zeug zu verbrauchen, was noch da war, bevor man dann anfängt zu fasten, sich auf die Osterzeit vorzubereiten. Also, Karneval ist ja auch immer etwas gewesen, und das auch traditionell und auch in nichtchristlichen Gegenden und nicht christlichen Gesellschaften, in denen Gesellschaftsunterschiede für ein paar Tage keine Rolle gespielt haben. Die Frage "Wer ist Herr und wer ist Knecht, wer ist König und wer ist Untertan?" hat in diesen paar Tagen keine Rolle gespielt und das ist ja heute auch immer noch so. Ist es wichtig, ein paar Tage im Jahr zu haben, wo man nicht drauf guckt, wer wer ist.

00:06:58: Ariane Sept: Das wird zumindest von vielen Menschen immer so berichtet. Was ich ganz erstaunlich finde und gleichzeitig auch ambivalent. Ich erzähle dazu eine Anekdote aus einer Forschungsreise, die ich im letzten Jahr unmittelbar nach dem –. Also am Rosenmontag kam ich an, in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz. Die machen ihren Karnevalszug immer am Sonntag. Es war wahnsinnig schlechtes Wetter. Trotzdem waren viele Menschen da und am Rosenmontag unterhielt man sich dann eben noch extrem viel darüber. Und dieses Motiv zu sagen, auch die waren plötzlich stark, die sonst nur die schmalsten und schwächsten sind, das fand ich ganz interessant, dass sich das tatsächlich bis heute auch so durchzieht in den Alltag, als ein Wert auch darzustellen, der einem dann auch als Außenstehendem als erstes fast mit erzählt wird. Dass eben selbst der kleine Schüchterne, der sonst nie was sagt, der hat da den Zoch angeführt und der war da irgendwie der Haudegen und der Haudrauf. Und da spiegelt sich natürlich dieses alte Motiv der Machtumkehrung nach wie vor mit, auch wenn das vielleicht nicht immer so extrem reflektiert wird, wie wir das gerade versuchen, irgendwie.

00:07:58: Ursula Weidenfeld: In katholischen Gegenden funktioniert das, in evangelischen Gegenden, in traditionell evangelischen Gegenden im Norden, im Nordosten Deutschlands, feiert man den Karneval eigentlich nicht. Was fehlt denn denen, die das nicht tun oder die das auch verachten?

00:08:17: Ariane Sept: Ach, ob denen was fehlt, da bin ich mir gar nicht so sicher. Mal abgesehen davon: Es gibt natürlich auch in evangelischen Gegenden karnevalsähnliche Traditionen, also in der Lausitz das Zempern zum Beispiel. Das hat ein bisschen eine andere Konnotation, weil man da durchs Dorf zieht, sich Dinge geben lässt, quasi in der Verkleidung. Das ist ja ein bisschen ähnlich, auch –.

00:08:38: Ursula Weidenfeld: In Süddeutschland, die alemannische Fastnacht ist auch evangelisch.

00:08:41: Ariane Sept: Oder so, genau. Also wir finden ja schon auch Beispiele. Aber neben dem Karneval gibt's ja auch ganz viele andere Feste, die eben so rituell übers Jahr verteilt, auch regelmäßig wiederkommen. Und vermutlich ist das einfach auch so ein wichtiges Grundmotiv, dass es so Höhepunkte im Jahr gibt, wo eben irgendwie etwas anders ist. Wo sich das Dorf verändert, wo die Stadt anders ist, wo die Dinge vielleicht umgekehrt werden, wie wir es gerade mit den Machtverhältnissen hatten.

00:09:11: Ursula Weidenfeld: Spielt Karneval in Dörfern und kleinen Städten auf dem Land eine andere Rolle, oder solche Feste eine andere Rolle als in der Stadt und in der Großstadt?

00:09:21: Ariane Sept: Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es wirklich eine andere Rolle spielt oder ob nur die Wirksamkeit ein bisschen eine andere ist. Und das ist manchmal schon einfach aufgrund der räumlichen Größe, sage ich jetzt mal, bedingt. Also, wenn in einem Dorf, was eine Hauptstraße und zwei kleine Nebenstraßen hat, ein Karnevalszug durchläuft, dann kann ich mich dem nicht entziehen. Selbst wenn ich das eigentlich doof finde und Karneval hasse und den ganzen Brimborium nicht mag. Als Bewohner eines solchen Dorfes kann ich nur entweder gehen, aber dann muss ich auch aktiv werden, oder ich bin automatisch mit involviert, weil natürlich die räumliche Nähe dann schon auch bedeutsam ist. Oder vielleicht parken dann überall Autos. Das hat man in so kleinen Dörfern sehr häufig, dass dann für den einen Tag alles zugeparkt ist. Und egal wo ich wohne und wie stark ich mich beteilige, bin ich trotzdem mit involviert. Während, wenn ich am Stadtrand von Köln wohne, vielleicht verkleidet sich mein Nachbar, aber ich kriege jetzt nicht unbedingt zwangsläufig von dem ganzen Chaos, was in der Innenstadt herrscht, was mit.

00:10:21: Ursula Weidenfeld: Sie haben noch nie in Köln gelebt, sonst wüssten sie, dass es in Köln ganz anders ist, als Sie es beschreiben.

00:10:26: Ariane Sept: Ich wollte gerade sagen, Köln ist ein ganz schlechtes Beispiel.

00:10:29: Ursula Weidenfeld: Aber dennoch ist ja die Frage: Was ist denn positiv daran, wenn ich jetzt nicht Karnevalsfan bin und nicht mitfeiern will, wenn ich mich dann darüber aufrege, dass bei mir die Straße zugeparkt ist? Man könnte ja auch sagen, das bringt Gesellschaften dann eben eher nochmal auseinander und es macht es schwieriger zusammenzuleben.

00:10:50: Ariane Sept: Das könnte man denken. Das ist mir in der Realität aber so eigentlich noch nicht begegnet. Sondern das ist eher ein Beispiel dafür, dass man dann doch irgendwie einfach direkt involviert ist und alles irgendwie hautnah mitbekommt. Also, man kann sich den Dingen nicht entziehen. Und wenn ich jetzt sage, selbst wenn man sich entziehen will, dann ist das gar nicht mal negativ gemeint, weil es wirklich extrem selten passiert, dass –. Natürlich gibt's immer irgendwie Menschen, die da nicht mitmachen wollen, aber das ist meistens ein sehr kleiner Teil und es führt ganz oft dann eher dazu –. Also, ich hatte das letztens in einem anderen Beispiel, da war das ganze Dorf zerstritten und die eine Frau hat über drei Jahre gesagt, sie geht niemals zum Sommerfest und hat sich auch drei Jahre immer nur geärgert, dass dann da irgendwie eben alles zugeparkt ist. Und im vierten Jahr hat sie dann gesagt, ach, jetzt gucke ich mir den Spaß aber doch mal an. Ich kann ja jetzt hier auch nicht immer die komische Tante sein, und war dann ganz begeistert, weil sie plötzlich festgestellt hat: Aha, da sind ja gar nicht nur die üblichen Verdächtigen, die sonst irgendwie im Dorf aktiv sind, sondern da sind dann noch viel mehr. Da sind ja vielleicht auch ganz interessante und nette Menschen dabei. Und dann kommt wieder eins zum anderen, und man macht vielleicht beim nächsten Mal was anderes gemeinsam.

00:11:56: Ursula Weidenfeld: Haben alle diese Feste Gemeinsamkeiten, weil sie zusammenführen oder gibt es Unterschiede zwischen Schützenfest, Sommerfest, Fronleichnam vielleicht, Maifest, Karneval, Kirmes?

00:12:10: Ariane Sept: Naja, sie haben im Detail natürlich Unterschiede in dem, was dann wirklich konkret passiert. Aber jedes Fest ist mehr als nur das Fest als solches, sondern immer auch die Vorbereitung und das nachträgliche Darüber-Reden. Also in der Vorbereitung passiert ja schon mindestens genauso viel, das Darüber-Nachdenken. Wie organisiert man jetzt was? Wen fragt man? Wer macht was? Wie gestaltet man dann auch den Ort um, für diesen Hochpunkt, der da kommt, quasi? Und das ist eine riesengroße Gemeinsamkeit, die wir beim Karneval genauso sehen können, wie auch beim Dorffest im Sommer oder beim Schützenfest.

00:12:49: Ursula Weidenfeld: Gibt's eine ideale Länge für solche Gemeinschaftsfeste? Die meisten sind ein Wochenende lang, der Karneval eine Woche, aber alle haben ein definiertes Ende, irgendwann ist Schluss.

00:13:01: Ariane Sept: Genau. Und das braucht es auch. Es braucht auch den Schluss. Weil sonst geht ja die Besonderheit verloren und damit geht ja auch immer eine Anstrengung einher. Und es wird ja auch immer als eine Ausnahmesituation empfunden – der Karneval genauso wie ein Volksfest. Und das macht genau auch den Reiz aus. Dass man eben auf diesen Höhepunkt hinarbeitet und dann ist es vorbei.

00:13:22: Ursula Weidenfeld: Und dann wird die alte Ordnung wiederhergestellt.

00:13:25: Ariane Sept: Dann wird die alte Ordnung wiederhergestellt, genau.

00:13:27: Ursula Weidenfeld: Und alles ist wie vorher.

00:13:29: Ariane Sept: Im Detail dann nicht, weil sich vielleicht andere Leute nochmal anders begegnet sind. Wir kennen das ja auch: Ach, die haben doch damals, die sind doch damals beim Karneval zum Liebespaar geworden. Und: die haben sich doch auf dem Sommerfest kennengelernt und so weiter. Also das ändert sich dann vielleicht schon. Aber für den Ort ist dann wieder Normalität angesagt und man kann wieder von neuem anfangen zu planen.

00:13:48: Ursula Weidenfeld: Das alles fällt in diesem Jahr aus, das wird nicht stattfinden können. Was fehlt, wenn es dann eben ein Jahr lang oder zwei Jahre lang nicht geht? Es ist ja jetzt das zweite Jahr. Im letzten Jahr wurde Karneval ja auch nur auf Sparflamme gefeiert.

00:14:04: Ariane Sept: Da bin ich tatsächlich auch sehr gespannt, was da passiert. Das weiß ich nicht so genau. Gleichzeitig, wenn man in die Geschichte guckt, sieht man, dass es ja immer wieder mal Phasen gab, wo diese regelmäßigen Feste ausgefallen sind.

00:14:16: Ursula Weidenfeld: In Kriegen, in Hungersnöten, in Pest-Zeiten auch. Also, man hat schon auch Parallelen.

00:14:22: Ariane Sept: Das liegt natürlich als Beispiel auf der Hand. Aber wir müssen jetzt gar nicht nur an solche großen Krisen denken. Es gibt manchmal auch kleine Beispiele. Also, zum Beispiel der Carnevale d'Abruzzo, ein Karneval in Francavilla al Mare, der erst relativ spät entstanden, 1956 –.

00:14:39: Ursula Weidenfeld: In Italien.

00:14:40: Ariane Sept: In Italien, genau. Der fand tatsächlich zwischenzeitlich vier oder sogar fünf Jahre nicht statt, und zwar einfach, weil es einen Generationenwechsel gab. Also, die Menschen, die sich engagiert haben, die waren dann vielleicht alt oder weggezogen oder wie auch immer. So im Detail weiß ich es auch nicht. Aber es gab einfach niemanden, der es organisiert hat und es brauchte ein paar Jahre.

00:14:59: Ursula Weidenfeld: Weiß man, was dann mit dieser Dorfgesellschaft geschehen ist? Irgendwann war ja offenbar das Bedürfnis dann doch wieder sehr groß, das wieder zu machen.

00:15:08: Ariane Sept: Genau. Man hat dann eben vermisst. Und das ist eben auch so was Schönes. Gerade in kleineren Orten gibt es ja immer die besonders Engagierten und weniger Engagierten. Und meistens verlassen sich die weniger Engagierten darauf, dass die Engagierten das schon irgendwie machen. Und man stellt eigentlich erst fest, dass es dieses Engagement braucht, wenn die wegfallen.

00:15:29: Ursula Weidenfeld: Und dann kommt aus der Gruppe der weniger Engagierten wieder eine neue Engagierten-Crew zustande.

00:15:36: Ariane Sept: Das passiert jedenfalls oft genug und mitunter liegen dann so Feste auch mal für einige Jahre brach. Einfach weil's niemand gemacht hat.

00:15:42: Ursula Weidenfeld: Und welche Rolle spielt es, dass Zugezogene in solchen Dörfern oder in dörflichen Gemeinschaften dann auf einmal die alten Traditionen wiederentdecken und sie wiederbeleben?

00:15:54: Ariane Sept: Das spielt eine riesengroße Rolle. Und das wird mitunter ja auch teilweise bewusst als Mittel eingesetzt –.

00:16:00: Ursula Weidenfeld: Zur Integration.

00:16:01: Ariane Sept: Na, gar nicht mal nur zur Selbstintegration, aber auch zur Wiederherstellung einer Dorfgemeinschaft. Da sind mir gerade in Ostdeutschland einige Beispiele begegnet, wo dann beispielsweise der Bürgermeister oder der Ortsvorsteher oder jemand anders, der irgendwie dort neu hingezogen war, eine Funktion hatte und festgestellt hat: Oh, hier passiert ja eigentlich so wenig. Und: Hier reden so viele Leute nicht miteinander. Und dann ist es sehr oft eine Idee zu sagen: Na, wir versuchen jetzt mal ein großes Fest zu veranstalten, ein Sommerfest, ein Oktoberfest, ein Was-auch-immer-Fest. Und dann stellt sich raus, das finden eigentlich alle toll. Und das ist ein Blick, den ganz oft Zugezogene mitbringen.

00:16:36: Ursula Weidenfeld: Weil man inzwischen auch weiß, dass in Dörfern und kleinen Städten, in denen es solche Traditionen gibt, in denen die gepflegt werden, in denen es Vereine gibt und ein Vereinsleben, die Abwanderung viel geringer ist als in anderen Dörfern und Städten?

00:16:53: Ariane Sept: Zum Beispiel. Erstens die Abwanderung geringer ist, aber zweitens es auch einfach mehr Spaß macht, dort zu leben.

00:17:00: Ursula Weidenfeld: Die Leute sind zufriedener.

00:17:02: Ariane Sept: Die Leute sind zufriedener. Das steigert unglaublich die Lebensqualität, wenn es eben so ein Gefühl von Gemeinschaft oder eben eine funktionierende Gemeinschaft vor Ort auch gibt. Und gleichzeitig sind diese Feste gerade für Neuzugezogene oft auch so ein erster Andockpunkt. Also, wir reden jetzt mal nicht von Neuzugezogenen, die sich gleich engagieren und trauen, sofort zum Verein zu gehen oder so. Zu so einem Fest, eine Kirmes beispielsweise oder eben auch der Karneval, da kann irgendwie jeder mal hingehen und sich im Zweifel auch zurückziehen, aber hat gleichzeitig die Möglichkeit, sich mit denen, die schon länger da wohnen, auf eine eher niedrigschwellige Art auch mal ins Gespräch zu kommen. Und vielleicht dann festzustellen, dass es ja ganz interessant sein könnte, dieses und jenes zu tun, weil die Hemmschwelle nicht so da ist.

00:17:48: Ursula Weidenfeld: Und das ist im 21. Jahrhundert immer noch ein Argument?

00:17:51: Ariane Sept: Das ist offenbar für sehr viele nach wie vor ein Argument, dass das eben der Weg zum direkten Austausch ist. Ich bin sehr gespannt. Wir gucken uns ja jetzt auch gerade digitale Tools an, ob die das ersetzen können. Das können sie nur teilweise.

00:18:05: Ursula Weidenfeld: Was fehlt, wenn man eine digitale Dorfgemeinschaft gegen eine analoge Dorfgemeinschaft setzt und vergleicht?

00:18:13: Ariane Sept: Das ist eine sehr spannende Frage. Zum einen würde ich sagen, ist es relativ schwierig auf digitalem Weg, oder bisher kenne ich noch kein entsprechendes Tool, diese Art des gemeinschaftlichen Höhepunktes zu kreieren. Dass man sozusagen wirklich wie eben so ein Fest einen Karneval hat, wo man drauf hinarbeitet und gemeinsam etwas tut. Was funktioniert, ist tatsächlich über Dorf-Apps oder ähnliches in eine Gemeinschaft irgendwie, da mal hallo zu sagen und da irgendwie mit rein zu rutschen. Aber natürlich fehlt die gesamte Haptik und die Optik und das Gefühl dabei. Weil da spielen ja schon auch –. Die wirkliche Räumlichkeit spielt ja mit eine Rolle. Also wenn ich beim Karneval auf der Straße stehe, wo sonst Autos fahren. Oder wenn zur Kirmes ein Zelt aufgebaut wird, wo sonst eine Wiese ist.

00:19:04: Ursula Weidenfeld: Dann heißt es, dass man das Analoge doch immer noch braucht, zumindest als Verlängerung von digitalen Möglichkeiten, sich zu begegnen und sich zu treffen. Jetzt müssen wir zum Schluss nochmal reden über die, die das alles ganz furchtbar finden. Das gibt es ja auch. Es gibt ja nicht nur den Kölner, der in der Vorstadt wohnt und am liebsten die Decke über den Kopf zieht, wenn Weiberfastnacht, also der Fastnachtsdonnerstag beginnt, mit dem der Straßenkarneval anfängt. Sondern es gibt ja ganz viele Menschen, die sagen: Das ist eine Form von Enthemmung, von kollektivem Betrunkensein, von Auf-der-Straße-Rumtorkeln oder Auf-der-Straße-Feiern, das brauche ich nicht, das will ich nicht. Und das ist letztlich auch ein Anachronismus in einer modernen Gesellschaft. Was sagen Sie denen?

00:19:53: Ariane Sept: Die haben ja den Rest des Jahres.

00:19:56: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank Frau Sept.

Über diesen Podcast

Im Podcast "Tonspur Wissen" lädt die Journalistin Ursula Weidenfeld alle Hörerinnen und Hörer auf eine Entdeckungsreise ein. Sie trifft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, stellt ihre Fragen und hört zu. Ursula Weidenfeld ist überzeugt: Nur so kann man Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen. Und zu entdecken gibt es jede Menge in der Welt der Wissenschaft.

Weiterhin verfügbar sind außerdem 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online

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