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Ein Podcast von t-online und der Leibniz Gemeinschaft

Transkript

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00:00:32: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Ich habe jede Menge Fragen, weil ich Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen möchte. In diesem Podcast verabrede ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, stelle meine Fragen und höre zu. Und ich lade Sie herzlich ein, das auch zu tun. Heute spreche ich mit Robert Arlinghaus. Er forscht am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei und lehrt an der Humboldt-Universität in Berlin - und wir reden über das Angeln. Herr Arlinghaus, ich habe bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch gesehen, dass unfassbar viele Leute in Deutschland angeln, was man nie denkt. Das sind fast vier Millionen! Wie kommt das?

00:01:12: Robert Arlinghaus: Hehe, da fragen wir sie doch einfach mal selbst! Wir haben tatsächlich eine ganze Reihe von Studien unter Anglern durchgeführt. Ich kann nicht erklären, warum Nicht-Angler nicht Angler werden. Aber ich kann erklären, was Angler sagen, warum sie angeln und was sie dabei an Nutzen erfahren. Das ist relativ vielschichtig. Wir haben einerseits den klassischen Naturgenuss, die Naturerfahrung draußen am Wasser, was ja physiologische Entspannungseffekte stiftet und sehr gut untersucht ist. Also, das ist ein wichtiger Punkt. Auf der anderen Seite kann man sich selbst mit Fisch versorgen, was natürlich auch gerade in Zeiten von Nachhaltigkeit ein großes Thema ist. Es ist also ein hoher Genuss, auch seinen eigenen gefangenen Fisch zu essen. Und darüber hinaus ist das Tolle beim Angeln auch, dass es immer vor der Überraschung steht. Man weiß nie, was passiert. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung, wo am Ende der Fisch auch gewinnen kann. Und ich glaube, dieser Anreiz, dieser Überraschungsmoment, ist neben der Entspannung und dem Essen eins der wesentlichen Triebfedern.

00:02:05: Ursula Weidenfeld: Es sind aber vor allem Männer, die von diesen Effekten angezogen sind? Frauen sind nicht dabei.

00:02:10: Robert Arlinghaus: Frauen sind unterrepräsentiert. Der Anteil steigt in den letzten Jahren etwa. Wir sind jetzt ungefähr zwischen 8 und 10 Prozent, je nach Studie. Das variiert so ein bisschen von Land zu Land. Nordamerika zum Beispiel sind die Werte etwa 20 Prozent. Aber in der Tat ist das eine Männerdomäne, und in der Wissenschaft ist man da noch am Anfang, was da eigentlich der Grund dafür ist. Es werden verschiedene Hypothesen diskutiert: Einerseits die Sozialisierung. Also, wenn der Vater dann lieber mit seinem Sohn zum Angeln geht, weckt das eventuell auch bestimmte Neigungen. Das ist die eine Erklärvariante. Die andere hat auch was mit den -pauschal und platt gesagt - mit den Steinzeitgenen zu tun. Klassischerweise wird vermutet, dass Männer stärker in der Jagd und in der Fischerei involviert waren. Ich bin aber relativ stark davon überzeugt, ohne jetzt Daten zu haben, dass es eben auch sehr viel mit diesem Bedienen von Naturerfahrung, Überwindung, Selbstbestimmung und am Ende auch Erfolgserlebnissen zu tun hat. Und dass das wahrscheinlich etwas ist, was einfach Männer attraktiver finden.

00:03:07: Ursula Weidenfeld: Erstaunlicherweise ist Angeln ja ein Vereinssport. Das sollte man so nicht denken. Aber nach Fußball und Tennis sind Angelvereine die größten Vereine in Deutschland.

00:03:16: Robert Arlinghaus: Genau, das liegt einerseits an den Fischereirechten, die in Deutschland, aber auch anderen mitteleuropäischen Ländern, privat sind. Das heißt im Eigentum von Fischer- oder Anglergemeinschaften, die dann eben dieses Fischereirecht dann eben über Vereine und Verbände umsetzen. Also, in sehr vielen Gebieten kommt man gar nicht zum Angeln, ohne nicht auch gleichzeitig Mitglied im Angelverein zu sein. Das ist aber etwas Typisches für Mitteleuropa, zum Beispiel findet man diese Tradition in anderen Ländern mit mehr offenen Zugangssystemen zum Angeln nicht. Und auch in Deutschland gibt's einen hohen Anteil nichtorganisierter Angler, die also dann vielleicht in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg bei Berufsfischereibetrieben oder an der Küste sich Angelkarten kaufen, ohne im Verein organisiert zu sein. Aber gerade in Westdeutschland hat das eine hohe Kultur. Sehr, sehr viele Angelvereine, 10.000 an der Zahl, die dann eben auch die Bewirtschaftung gestalten.

00:04:03: Ursula Weidenfeld: Wo angelt man denn eigentlich in Deutschland?

00:04:06: Robert Arlinghaus: Also, man kann sich das so vorstellen, dass es flächendeckend in fast allen Gewässern der Fall ist - vom Gebirgsbach über den Niederungsbach zum großen Strom, zu den Tausenden von kleinen und größeren Kiesgruben, Seen, natürlichen Gewässern bis hin zur Küste. Und man findet auch Offshore im marinen Bereich mit großen Booten natürlich auch eine Angelaktivität. Also im Grunde überall, was erreichbar ist und was legal ist, wo es also Fischereirechte gibt, die verpachtet sind oder im Eigentum sind von Angelvereinen oder Berufsfischern.

00:04:34: Ursula Weidenfeld: Und was fängt man?

00:04:36: Robert Arlinghaus: Kommt aufs Gebiet an! Also, die Artengemeinschaften in Deutschland unterscheiden sich so ein bisschen. Wenn man in die Alpen geht, in höhere Niederungen, finden wir stark Forellen und Barsche und Coregonen - das sind so Felchen-artige - auch Salmoniden. Wenn man in die Flachlandbereiche geht, wird das abgewechselt von Hechten, Zandern, Karpfen, Aalen, Brassen, Plötzen - also die ganzen Karpfen-artigen Fische. Und dann im Meer natürlich entsprechend die Meeresfischarten wie Heringe wie auch Dorsche.

00:05:04: Ursula Weidenfeld: Das Komische ist ja, dass im Binnenland in Deutschland Angler für den allergrößten Teil der Fischerei verantwortlich sind, während die Berufsbinnenfischerei sozusagen nur noch einen ganz kleinen Teil der Fischerei übernimmt. Warum ist das so?

00:05:21: Robert Arlinghaus: Das ist richtig und das ist ein Trend, den wir wirklich in allen Industrienationen sehen. Dass also mit steigendem Wohlstand, mit der steigenden Industrialisierung, die primären Nutzungsformen der Binnenfischbestände abnimmt von einer eher Berufsfischereilichen- und Subsistenznutzung in weniger ökonomisch entwickelten Ländern hin zu einer überwiegend freizeitmäßigen Nutzung. Das heißt nicht, dass die Berufsfischer komplett verschwunden sind. Und das heißt auch nicht, dass sie ersetzt wurden vom Angeln, sondern schlicht und einfach, dass zum Beispiel durch Umweltzerstörung viele ehemals produktive Fischarten wie Lachse oder Störe heute nicht mehr vorkommen. Dass sich auch Verbrauchergewohnheiten ändern und von daher die Berufsfischerei ökonomisch und strukturell vor große Probleme gekommen ist und entsprechend zurückgegangen ist. Während durch steigenden Wohlstand eben Freizeit da ist und Menschen dann eben auch, die ein Interesse fürs Angeln entwickeln, dann entsprechend zum Angler werden. Von daher finden wir diesen Trend einer Dominierung der Binnenfischerei durch das freizeitmäßige Angeln eigentlich flächendeckend in allen Industrienationen.

00:06:20: Ursula Weidenfeld: Gibt's denn genug Fisch in den Flüssen, Seen, Teichen und Bächen, um einerseits die Hobbyangler zufrieden zu machen, auf der anderen Seite aber eben den kleinen Bereich der Binnenfischerei, der gewerblichen Binnenfischerei noch zu ernähren?

00:06:35: Robert Arlinghaus: Im Grunde genommen: ja. Auf der einen Seite, auf der anderen Seite muss man vielleicht nur einen Schritt ausholen, dass natürlich gerade die Binnengewässer auch sehr, sehr stark von nicht fischereilichen Einflussfaktoren beeinträchtigt worden sind. Also, wir finden eigentlich gerade zum Beispiel in Deutschland gar kein Gewässer mehr, was nicht stark menschlich überprägt wurde. Schauen wir uns mal die Flüsse an, wo über Kanalisierung, Verlust von Lebensräumen, Querverbauung, Wasserkraft und andere Aktivitäten sehr stark in die Fließgewässer eingegriffen wurde. Und das hat Produktivität gekostet. Wie ich bereits sagte, sind zum Beispiel Lachs und Stör in Deutschland im Grunde ausgestorben, und so haben auch andere fischereilich relevanter Arten hier das Nachsehen. Wir finden also heute stark veränderte Fischgemeinschaften, die eben nicht durch die Fischerei verändert wurden. Und dann sichert eigentlich im Rahmen der Möglichkeiten, die die Gewässer jetzt herbringen, ein komplexes Bündel von Schonmaßnahmen, dass eigentlich eine Überfischung sehr unwahrscheinlich ist. Wir haben zum Beispiel in allen Gewässern, bei allen intensiv befischten Arten Mindestanlandegrößen, sogenannte Mindestmaße. Die ermöglichen, dass ein Fisch mindestens einmal sich fortpflanzen kann. Wir haben Schonzeiten, Schongebiete und ähnliches. Und das führt dazu, dass zumindest eine starke Überfischung unwahrscheinlich ist. Ob das jetzt immer zu einer optimalen Verteilung der Fische zwischen Angler und Berufsfischer gerade an gemeinsam genutzten Gewässern führt, ist dann wiederum Sache der lokalen Bewirtschaftung. Und da finden wir ganz verschiedene Modelle in Nord-Ostdeutschland. Auch viele Berufsfischereibetriebe, die sich stark auch auf die Angler und deren Angelkarteneinkommen einstellen und entsprechend auch die Gewässer stärker auf Angler ausrichten, und zum Beispiel Entnahmefenster und andere Maßnahmen einführen, die eben auch zum Erhalt vor allen Dingen auch der größeren Tiere, die die Angler gerne fangen wollen, bringen. Also, das ist dann wirklich ein Aushandlungsprozess vor Ort und entsprechend verschärfen diese Fischereiberechtigten dann auch die gesetzlichen Rahmenbestimmungen, wenn es denn nötig ist.

00:08:30: Ursula Weidenfeld: Wenn man vier Millionen Angler hat unter 82 Millionen Deutschen, dann bleiben 78 Millionen übrig, die nicht angeln. Und ein Teil dieser Nicht-Angler meint, dass die Angler und die Angelvereine die Seen und Teiche und Flüsse eben doch verändern und den Fischbestand verändern, weil sie nämlich ständig Nachwuchs reinsetzen und dann so weit wachsen lassen, dass sie ihn wieder raus fangen können. Ist das vernünftig?

00:08:58: Robert Arlinghaus: Naja, einerseits was heißt vernünftig? Es gibt natürlich auf den gleichen Sachverhalt immer unterschiedliche Perspektiven. Und natürlich gibt es aus Naturschutz- und vor allen Dingen auch aus Tierschutzseite Kritik an der Angelfischerei, die häufig ideologisch geprägt ist. Die lässt sich wissenschaftlich sehr schwer lösen. Schauen wir uns aber mal die Naturschutz-fachliche Debatte an: Da geht es ja vor allen Dingen darum, Populationserhalt zu betreiben. Und da lässt sich eben, wie gesagt, konstatieren, dass natürlich die Fischerei auch Gewässer beeinflusst, die Fischbestände. Ich würde prinzipiell sagen, dass die nicht-fischereilichen Gewässer-verändernden Dinge wichtiger sind in Binnengewässern im Vergleich zum Meer, wo die Fischerei der Haupteinflussfaktor auf die Fische ist. Aber nichtsdestotrotz können auch in Binnengewässern durch zu starke Befischung zum Beispiel die Menge an Fischen zurückgehen, vor allen Dingen auch die Größenzusammensetzung zurückgehen. Und dem wirken dann eben hegerische- oder Bewirtschaftungsmaßnahmen entgegen, wie die genannten Schonzeiten, Schonmaße und ähnliches. Und zusätzlich versucht der Hege-treibende Angelverein auch durch das Einsetzen von Fischen hier Effekte zu haben, also die Bestände zu erhalten. Und diese letztgenannte Maßnahme lässt sich nun sehr kontrovers diskutieren. Da kann man auch den Naturschutzkritikern zum Teil recht geben, weil dieses Einsetzen von Fischen einerseits unter bestimmten Bedingungen tatsächlich die bestandserhaltende Maßnahme ist. Gerade wenn die natürliche Vermehrung dieser Zielarten durch Gewässerverbau und Veränderung sehr schwierig geworden ist, dann ist Fischbesatz angeraten und eine nachhaltige Praxis.

00:10:28: Ursula Weidenfeld: Das ist zum Beispiel der Grund dafür, warum es in deutschen Binnengewässern noch Aale gibt. Man wirft die rein, lässt sie wachsen und holt sie wieder raus.

00:10:35: Robert Arlinghaus: Das ist ein Beispiel. Also, es gäbe auch ohne den Besatz Aale. Es ist nicht so, dass die Aale am Rande der Ausrottung sind. Nur ist das Aufsteigen der Aale durch Querverbauung sehr schwierig, und Fischbesatz hilft dann natürlich, diese Fische zum Beispiel in bestimmte Flüsse usw. einzubringen, wo sie in der Häufigkeit ansonsten nicht da wären. Das kann man eben auch aus einer arterhaltenden Maßnahme sehen. Aber dann auch wiederum kritisch sehen, weil man an diesem konkreten Beispiel natürlich auch eine Fischerei auf diese Art erhält. Das ist also ein konstanter Diskussionspunkt zum Beispiel zwischen Naturschutz und Fischerei.

00:11:09: Ursula Weidenfeld: Der andere Punkt ist der, dass die Naturschützer meinen, dass Angler vorzugsweise die Fische besetzen, die sie auch gerne angeln wollen. Also das, was man gerne isst, kommt rein in den Teich und das andere, das möglicherweise aber genauso wichtig wäre für die Gewässerökologie wird dann verdrängt.

00:11:28: Robert Arlinghaus: Das ist auch eine Debatte, die vielleicht aber so ein bisschen eine naive Debatte ist. Also, ganz grundsätzlich würde ich jetzt mal feststellen, ist das Ziel einer fischereilichen Hege und des Gewässermanagements natürlich, sich reproduzierende Fischarten zu etablieren und zu erhalten, weil dann Besatz ganz und gar unnötig ist. Dann führt Besatz im Grunde zu keiner Steigerung des Bestandes, weil die Natur und die Eigenvermehrung der Fische eigentlich hoch genug ist, so ein Gewässer auch jedes Jahr aufzufüllen. Also Ziel der fischereilichen Hege muss sein, auf Besatz zu verzichten und die Naturverleichung anzuregen. Führt man trotzdem Besatz durch, ist es natürlich so, wie Sie schon sagten, dass in der Regel auch die präferierten, anglerisch präferierten Arten stärker gefördert werden. Das muss aber nicht so sein. Wir konnten in unseren Studien auch sehr hohe Besatzaktivitäten, andere hegerische Maßnahmen bei den Nicht-Zielarten, bei den anglerisch irrelevanten Arten feststellen. Dass dadurch es zu einem starken Ungleichgewicht in einem Ökosystem kommt, wenn man zum Beispiel nur ein oder zwei Arten besetzt, ist in der Form aber ökologisch nicht so häufig der Fall, weil die Natur sich auch selbst reguliert. Das heißt, ein gewisses Verhältnis von Friedfischen zum Beispiel und Raubfischen ist eigentlich durch so ein Ökosystem vorgegeben und im Prinzip regelt sich dann das Ökosystem auch auf diese Bedingungen wieder zurück. Wenn jetzt zum Beispiel eine Art sehr stark gefördert wird, die dann in Nahrungsknappheit verfällt, dann wird sie zum Beispiel auch sehr schnell wieder aus dem Gewässer zurückgefangen oder Opfer von anderen Räubern wie Kormoranen und ähnliches. Also, hier ist zum Glück die Natur auch ein Selbstregulativ.

00:12:55: Ursula Weidenfeld: Wer sind denn die Feinde des Anglers? Ich meine sie angeln selber. Sie sind ein Freund des Angelns und das hört man ja auch aus dem, was sie sagen, auch aus dem, was sie erforschen. Sie arbeiten ja auch sehr viel mit Angelvereinen zusammen. Wer sind die Gegner von dieser Art der Naturnutzung?

00:13:14: Robert Arlinghaus: Wie gesagt, man kann auf den gleichen Sachverhalt kritisch schauen und das tue ich auch. Also, Sie sagen, ich bin ein Freund des Angelns, na gut, ich bin ein Angler, aber auf der anderen Seite publizieren wir auch genügend Studien, die kritisch auf diese Praxis schauen und bestimmte Maßnahmen und so ist das innerhalb der Gesellschaft auch. Da gibt es das gesamte Spektrum an kritischen Meinungen. Von der einen Seite sind es die Tierschutzakteure, die sämtliche Nutzung von Tieren, auch von Fischen ablehnen, sei es in der Forschung, in der Tierhaltung oder eben auch in der Angelei. Diese Gruppen wünschen sich natürlich ein Komplettverbot, gerade der freizeitlichen Nutzung. Wir haben Naturschutzakteure, von denen ich sprach - einerseits sind die Angler selbst Naturschutzverbände, aber es gibt eben auch Aktivitäten, die versuchen solche Schutzgebiete zu installieren, die Angelei einzuschränken, wenn nicht zu verdrängen. Auch das ist natürlich aus Anglersicht dann eine bedrohliche Situation und man hat in bestimmten Gebieten dann aber auch Konkurrenten um die Ressource, sei es tatsächlich oder wahrgenommen. Zum Beispiel in manchen Gebieten die Kormorane, die sehr stark in der Kritik sind. Es gibt aber auch Kritik am Otter, der gerade in Süddeutschland da sehr stark in den Salmonidengewässern Einfluss nimmt. Bis hin zu den direkten Konkurrenten, das sind Berufsfischer. In bestimmten Gebieten sind das nicht unbedingt immer die Freunde des Anglers, beziehungsweise aus Anglersicht auch jemand, der sich vielleicht negativ auf die Fischbestände auswirkt. Und dort ranken sich dann auch hier und da teils sehr ausgeprägte Konfliktsituationen.

00:14:36: Ursula Weidenfeld: Es gibt ja vor Ort auch Konflikte zwischen Binnenfischwirtschaft und Bevölkerung oder anderen Nutzern, zum Beispiel von Seen, um die Frage: Darf man Nährstoffe eintragen? Das heißt, darf man zum Beispiel Seen, die sehr klar sind und die sehr gerne genutzt werden von Schwimmern oder von Sportlern, darf man da Fische füttern oder organische Stoffe eintragen, damit die Fische Nahrung finden? Das ist am Bodensee eine ganz große Debatte. Wie verhält man sich da? Was ist da die Linie des Konflikts?

00:15:10: Robert Arlinghaus: Da geht es eigentlich um einen klassischen ökologischen Mechanismus, nämlich: Ich hatte ja schon mehrfach im Gespräch gesagt, dass eigentlich auch die Umwelt sehr stark das Produktionspotenzial eines Gewässers prägt. Das ist einerseits die Habitatverfügbarkeit, die Verfügbarkeit zum Beispiel von Laichhabitaten von Wanderwegen und ähnliches. Auf der anderen Seite auch schlicht und einfach die Menge an Nahrung, die in einem Ökosystem zur Verfügung steht - und dieser sogenannte Nahrungseffekt, der Bottom-up-Effekt von unten, treibt insgesamt die Menge an Fisch, die ein Gewässer hervorbringen kann. Und hier sind eben Pflanzennährstoffe, die primär wichtig sind für die Urproduktion, nämlich die Algenproduktion, die dann wieder Grundlage der Planktonproduktion ist, was wiederum die erste Nahrung der meisten Fische ist. Und am Bodensee ist es so, das ist sehr gut dokumentiert, dieser See ist durch menschliche Einflüsse sehr stark nährstoffüberlastet gewesen. Ich habe die Zahlen jetzt nicht komplett im Kopf, sagen wir mal: 70er, 80er Jahre, sehr starke Nährstoffüberlastung. Das führte zu einer sehr starken Eintrübung des Ökosystems, zu Sauerstoffproblemen im Tiefenwasser, gleichzeitig aber zu einer sehr hohen Produktivität. Das heißt, man hat sehr hohe Fischerträge, der dort beliebten Renken und Felchen realisieren können. Und mit dem verbesserten Wasserqualitätsmanagement, der Installation von Kläranlagen und ähnlichem ist es zu einer sehr starken Reoligotrophierung, einem Rückgang der Nährstoffe gekommen - heute unter 10 Mikrogramm pro Liter beim Phosphor zum Beispiel. Das führt zu einem sehr klaren Wasser, aber ist aus Meinung der Fischer und Angler eben auch ursächlich für die stark zurückgehenden Erträge der Felchen. Was wiederum für den Tourismus vor Ort ein Problem ist, weil eben sehr viele Leute auch - außerhalb der Corona-Zeit - sehr gerne hinfahren und gerne auch diesen Felchen aus dem See fangen. Und dieser Bedarf kann gar nicht mehr gedeckt werden, sodass heute die Felchen schon importiert werden. Was eigentlich schon eine absurde Situation ist, dass wir da so ein eigentlich sehr großen Voralpensee haben, der gar nicht mehr diese Fischproduktion hervorbringt.

00:17:07: Ursula Weidenfeld: Also, sie würden sagen, es gibt Seen, die sind zu sauber, um vernünftige Fischereiwirtschaft oder gutes Angeln zu ermöglichen.

00:17:17: Robert Arlinghaus: Sowas gibt es, ja. Und das liegt schlicht und einfach daran, dass ein gewisser Nährstoffgehalt einfach für die Fischmenge verantwortlich ist. Und natürlich kann man sich anpassen. Man kann auch im Bodensee noch wunderbar angeln. Es gibt da wunderbare Hechtbestände zum Beispiel und Barschbestände. Aber diese klassischen alten Ertragshöhen, an die man sich vielleicht auch ein Stück weit gewöhnt hat, sind einfach unter derzeitigen Bedingungen nicht mehr zu erreichen. Und das ist so ein Konflikt, wo eigentlich gute Wasserqualität nicht unbedingt auch mit optimaler fischereilicher Nutzbarkeit im Zusammenhang steht. Auf der anderen Seite, in dem konkreten Fall des Bodensees ist einfach... aus gesellschaftlicher Sicht führt gar kein Weg daran vorbei, dass man jetzt dieses Gewässer wieder aufdüngen würde oder ähnliches. Also, es ist völlig indiskutabel und entsprechend sind diese Forderungen auch seitens der Fischerei zwar verständlich, fischereilich gesehen, aber führen an der Realität vorbei. Das ist einfach nicht umsetzbar.

00:18:07: Ursula Weidenfeld: Und wie ist das, Herr Arlinghaus, mit den Anglern die Fische füttern?

00:18:12: Robert Arlinghaus: Das ist so eine ähnliche Debatte, die auch sehr stark geführt wird. Tatsächlich ist das sogenannte Friedfischangeln, also die Fische, die nicht andere Fische essen, sondern kleine Bodenorganismen. Die werden sehr gerne dadurch beangelt, dass man ein bisschen Futter einbringt - Mehle oder auch Mais und ähnliches. Und das ist natürlich erst mal eine Nährstoffzufuhr. Wir konnten in einem Experiment tatsächlich auch mal messen, wo diese Nährstoffe bleiben und konnten dort feststellen, dass die sehr stark in diese Friedfische, also Karpfen, Schleien, Brassen und so weiter inkorporiert werden, also dort wirklich zu einem Produktionsschub beitragen.

00:18:45: Ursula Weidenfeld: Das heißt, es gibt mehr davon.

00:18:47: Robert Arlinghaus: Es gibt einfach mehr davon. Das erhöht sozusagen die Nährstoffe im Ökosystem, entsprechend die Produktion dieser Fische. Und nun wird aber befürchtet, dass eine Zunahme gerade dieser bodenwühlenden Fische dann eben auch zum Verlust von Wasserpflanzen zum Beispiel beiträgt. Das ist die nächste naturschutzfachliche Debatte. Gerade der Karpfen steht da in einer großen Diskussion. Und das ist auch so, wenn die Biomassen eine sehr hohe Menge erreichen, über 100 Kilogramm pro Hektar, hat das wirklich negative Auswirkungen. Wir konnten aber in einer Reihe von Studien in Niedersachsen, wieder an unserem Baggersee, feststellen, dass unter typischen Praxisbedingungen tatsächlich sogar die befischten oder bewirtschafteten Gewässern eine ausgedehntere Wasserpflanzenbestände haben als die unbewirtschafteten, also in der Mehrzahl der Gewässern diese kritische Biomasse gar nicht erreicht werden. Was schlicht und einfach daran liegt, dass diese Fische natürlich auch zurückgefangen werden und entnommen werden. Also, hier gibt es eine Geschichte, die man im Auge behalten muss, dass man eben nicht zu viele Nährstoffe einführt, nicht dadurch zu stark diese Friedfischbestände fördert und entsprechend auch durch eine regelmäßige Entnahme hier auch wieder zu einer Herausnahme von Nährstoffen beiträgt. Und da ist das Angeln und die Fischerei eines der wenigen Aktivitäten, die wirklich auch quantitativ Nährstoffe wieder entnimmt, nämlich über den Fisch, den man dann verspeist.

00:20:02: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Herr Arlinghaus.

00:20:03: Robert Arlinghaus: Sehr gerne.

Über diesen Podcast

Im Podcast "Tonspur Wissen" lädt die Journalistin Ursula Weidenfeld alle Hörerinnen und Hörer auf eine Entdeckungsreise ein. Sie trifft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, stellt ihre Fragen und hört zu. Ursula Weidenfeld ist überzeugt: Nur so kann man Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen. Und zu entdecken gibt es jede Menge in der Welt der Wissenschaft.

Weiterhin verfügbar sind außerdem 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online

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