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Ein Podcast von t-online und der Leibniz Gemeinschaft

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00:00:29: Ursula Weidenfeld: Ich bin Ursula Weidenfeld. Ich habe jede Menge Fragen, weil ich Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen möchte. In diesem Podcast verabrede ich mich mit Wissenschaftlerinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Bereichen, stelle meine Fragen und höre zu. Ich lade Sie herzlich ein, das auch zu tun. Diesmal spreche ich mit dem Soziologen Steffen Mau über Wahlen und politische Teilhabe. Steffen Mau ist Professor an der Humboldt-Universität Berlin, und er bekommt in diesem Jahr den Leibniz-Preis. Herr Mau, in diesem Jahr haben wir Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Berlin und außerdem noch Bundestagswahlen. Wie hat sich denn das politische Klima, die Wählerschaft in den letzten Jahren verändert?

00:01:13: Steffen Mau: Was man mit Sicherheit wahrscheinlich sagen kann, ist, dass alles viel schwerer vorherzusehen und vorauszusagen ist als bislang. Wir haben das ja in den letzten Wahlen, auch den Landtagswahlen, schon gesehen, dass sich die Demoskopen und Umfrageforscher doch immer schwergetan haben, genaue Prognosen überhaupt abzugeben. Und wir haben natürlich eine starke Zersplitterung der Parteienlandschaft. Das ist ja ein langfristiger Trend, den man jetzt nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen westeuropäischen Ländern oder in der gesamten westlichen Welt beobachten kann. Also, dass diese stabilen Parteienbindungen, auch die darunterliegenden Milieus, dass die letzten Endes sich zerfasern, auflösen, die Leute volatiler geworden sind in ihren Wahlentscheidungen, und dass es natürlich auch neue Gruppierungen, neue Polarisierungen gibt, die dann häufig das Zünglein an der Waage sind. Von daher wird das eine, glaube ich, sehr interessante Wahlperiode jetzt werden bis hin zur Bundestagswahl, und da denke ich, sind auch eine ganze Menge Überraschungen möglich.

00:02:12: Ursula Weidenfeld: Volatilität heißt, dass Menschen sich später entscheiden, dass sie nicht mehr so treu wie vielleicht vor zwanzig Jahren noch immer eine Partei wählen. Es heißt aber auch, dass die Repräsentationskraft der alten Volksparteien oder der alten Parteien abgenommen hat. Das heißt, die Menschen, die Wähler haben nicht mehr das Gefühl, dass sie in diesen Parteien ihren Willen repräsentiert finden. Was heißt das für die Bundesländer?

00:02:39: Steffen Mau: Ja, für die Bundesländer ist das auch eine komplizierte Geschichte. Wir haben es jetzt in der jüngsten Vergangenheit auch schon gesehen mit den Wahlen im Osten, also in Thüringen zum Beispiel oder auch in Brandenburg, dass wir zwar sehr ähnliche Sozialstrukturen haben, aber die Leute doch sehr stark auf die Ministerpräsidenten, auf die Spitzenpolitiker geschaut haben, und man sozusagen trotz ähnlicher Milieus dann sehr unterschiedliche Wahlresultate gehabt hat.

00:03:05: Ursula Weidenfeld: Das heißt, in dem einen Land, in Thüringen, haben die Menschen eher Herrn Ramelow gewählt, am Ende, also einen Vertreter der Linkspartei. In Brandenburg eher dann am Ende den Ministerpräsidenten der Sozialdemokraten. Aber in beiden Fällen haben die klassischen Parteien viel verloren und das Parteiensystem ist total zersplittert.

00:03:28: Steffen Mau: Also, wenn man jetzt die Volksparteien immer zusammenzählt, also früher sind immer auf 70, 80 Prozent gekommen bei den Landtagswahlen und haben im Prinzip die allergrößte Mehrheit der Stimmen abschöpfen können. Und wenn sie sich zusammengetan hätten, dann hatten sie natürlich immer satte Mehrheiten, und das brauchten sie gar nicht. Sie konnten eben mit einem kleineren Koalitionspartner das im Prinzip erledigen. Und das wird jetzt immer schwieriger, sodass wir Dreier- möglicherweise auch mal Viererkombination bekommen mit sehr unterschiedlichen Farbspektren. Und ich glaube, das ist eine Entwicklung, die man überall sieht. Das heißt natürlich, dass die Parteien koalitionsfähiger werden müssen. Also, sie müssen sich dann auch mit ungeliebten, überraschenden Partnerinnen und Partnern zusammentun. Aber das heißt natürlich zugleich - also, das sagt ja auch was über den gesellschaftlichen Wandel, dass letzten Endes diese wirklich tragenden Milieus, auf die sich Parteien beziehen können und die letzten Endes dann auch dafür sorgen, dass Leute ihr ganzes Leben über immer dieselbe Partei wählen und vielleicht auch diese Parteipräferenz an die Kinder und Kindeskinder übergeben, dass das eigentlich nicht mehr so zutrifft. Milieu spielt immer noch eine große Rolle für Parteienwahl. Das ist klar. Wir haben immer noch links-alternatives, grünes Milieu und ein konservatives. Aber wir haben doch trotzdem Wechsel, also innerhalb der Biografie, aber auch über den generationalen Wandel hinaus.

00:04:49: Ursula Weidenfeld: Wenn das so ist, dann liegt es ja nahe, dass sich die Parteien, die regieren wollen, politisch eher in die Mitte orientieren, damit sie eben koalitions- und anschlussfähig für alle anderen sind. Auf den anderen Seiten des Spektrums, ganz rechts und ganz links, aber eben viel Platz entsteht für politisch extreme Richtungen.

00:05:11: Steffen Mau: Ja, das ist ja im Prinzip so ein bisschen das Dilemma der alten Volksparteien SPD, CDU, CSU, dass sie eigentlich immer Integrationsparteien waren. Sie hatten sehr breite Flügel. Und dann verschieben sich, verändern sich die Milieus und Aufstiegsprozesse, auch Liberalisierungsprozesse. Auch die Migrationsfrage hat die Parteien, diese Parteien jedenfalls, stark unter Spannung gesetzt, weil sie eben sozusagen konservative, auch traditionalistische, eher am Nationalstaat hängende Segmente der Bevölkerung mit anderen aufgeklärten, offenen, kosmopolitischen zusammengebracht haben. Und das ist heute viel schwerer möglich. Deswegen werden sie so ein bisschen konturlos, gehen dann in die breite Mitte, also haben nicht mehr so eine starke Programmatik. Und das ist zugleich für viele Wähler natürlich auch abschreckend, wenn da diese Unterschiedslosigkeit da ist. Und dann gehen sie eben so auf, was man vielleicht Issue-Parteien nennen könnte, also Parteien, die sich über ein ganz spezifisches, programmatisches Element aufstellen und darüber dann Wähler versuchen zu bekommen. Und das führt natürlich automatisch zu einer Zersplitterung. Und, ja, der Anteil dieser Volksparteien insgesamt an den Wahlerfolgen sinkt eben tendenziell ab, und in anderen Ländern hat das sogar zum Zerfall von ganzen Parteiensystem geführt - also Sozialdemokratie oder die Christdemokratie. Also, wenn man jetzt nach Frankreich schaut oder nach Italien, dann haben sich da natürlich ganz neue auch Bewegungsparteien etabliert. Emmanuel Macron ist ja so ein Beispiel.

00:06:37: Ursula Weidenfeld: Besteht die Gefahr bei uns auch, dass das klassische Parteiensystem am Ende ist?

00:06:43: Steffen Mau: Ja, ich würde das noch nicht sagen. Ich sehe das eher als schleichenden Prozess in Deutschland. Also, es wird ganz bestimmt nicht so eine, so eine starke Sprengkraft und auch so eine so eine Zeitlichkeit haben, wie das jetzt in Frankreich hatte. Es ist natürlich auch von Skandalen und bestimmten Wählerenttäuschungen begleitet gewesen. Das gab's bei uns auch. Hartz IV hat natürlich ein Teil der klassischen Arbeitnehmerschaft auch verschreckt und von der SPD weggetrieben. Die Migrationskrise oder die Krise der Migrationspolitik, muss man korrekt sagen, hat natürlich auch dazu geführt, dass bestimmte Leute abgewandert sind und sich dann nicht mehr so zu Hause gefühlt haben. Aber das ist ein schleichender Prozess. Also, jetzt zumindest in diesem Wahljahr sehe ich das noch nicht. Aber langfristig ist es nicht ausgeschlossen, dass uns das auch treffen wird. Es ist ja jetzt vor allen Dingen mit der Kanzlerschaft sicher auch ein Verdienst von Angela Merkel, dass sie den Laden noch einigermaßen zusammenhält und dann auch sehr breite Teile der Bevölkerung in gewisser Weise ansprechen kann.

00:07:41: Ursula Weidenfeld: Wir haben jetzt darüber gesprochen, wen die Menschen wählen. Die größte Fraktion war in der Vergangenheit, jedenfalls in den Ländern und auf Länderebene, die Partei der Nichtwähler. Das sind Menschen, die ganz offensichtlich nicht mehr den Eindruck haben, dass ihre Stimme zählt, wenn sie zur Wahl gehen. Und dann bleiben die zu Hause. Ist das ein Zeichen dafür, dass es eben nicht nur eine Parteienkrise gibt, sondern auch eine manifeste Repräsentationskrise?

00:08:08: Steffen Mau: Ja, also das eine ist sicher diese Frage, ob man sich in einer Partei noch aufgehoben fühlt. Das andere ist die Frage, ob man mit seiner Stimme tatsächlich einen Unterschied macht und auch was erreicht und sich in gewisser Weise auch durch die Mandatsträgerinnen und Mandatsträger repräsentiert fühlt. Und da sehen wir natürlich schon, dass es da einen größeren wachsenden Anteil von Nichtwählern gibt, also Leute, die wirklich Politik nur noch aus der Beobachterperspektive wahrnehmen. Manchmal sogar nicht einmal das, dass sie wirklich so eine Art politischen Attentismus, also Nicht-beteiligt-sein an den Tag legen. Und das ist ein größer werdender Teil. Und wir sehen natürlich auch, dass zum Beispiel Fragen der Ungleichheit eine Rolle spielen. Also, sind ja vor allen Dingen die einkommensschwachen, bildungsschwachen oder bildungsfernen Gruppen, die dann zu den Nichtwählern übergehen. Und dann sagen die Parteien natürlich: Ja, was sollen wir deren Interessen repräsentieren, weil die sowieso nicht wählen gehen? Und dann ist das eigentlich eine Spirale des Selbstausschlusses, weil dann kommen die Leute wieder und sagen: Wir werden durch diese Partei nicht repräsentiert. Und das ist eben jetzt ein Problem für die Parteiendemokratie, weil sie früher eben auch solche Leute ganz stark über die Milieus, die Vereine, die Partei in Gliederungen vor Ort, auch, ja, das Vereinswesen, alles, was wir zu der Zivilgesellschaft dazu zählen, also in einem vorpolitischen Raum mit integrieren konnten. Kirchen und Gewerkschaften gehören natürlich auch mit dazu.

00:09:35: Ursula Weidenfeld: Wenn man das so analysiert, wie sie das tun und sieht, dass in Ostdeutschland die Wahlbeteiligungen immer nochmal signifikant niedriger sind als im Westen - in Klammern - bis zum Aufkommen der AfD, die ja sehr stark mobilisiert hat. Gibt es ein klares oder ein erkennbares ostdeutsches Problem in der Demokratie?

00:09:56: Steffen Mau: Das würde ich schon sagen. Das hat natürlich auch etwas mit der DDR zu tun. Und da gab es eben nicht diese politischen Strukturen, auch keine Form demokratischer Beteiligung. Das heißt, es ist auch nicht ansozialisiert, vor allen Dingen für die älteren Generationen. Und da natürlich die Situation auch der sehr starken Westdominanz im Vereinigungsprozess, wo viele Leute, die sich vielleicht im Herbst 89 gewisserweise als politische Subjekte erst einmal erfunden haben und Dinge auch ausprobiert haben, wo die dann wieder die Hände in den Schoß gelegt haben: Jetzt kommen ja die Westeliten und auch die westdeutschen Parteien, die übernehmen das hier. Und ich glaube in den 90er Jahren fehlte auch ein bisschen auskonturierter, politischer Konflikt. Also, wenn Sie sich mal erinnern an Kurt Biedenkopf oder auch der thüringische Ministerpräsident...

00:10:43: Ursula Weidenfeld: Bernhard Vogel...

00:10:44: Steffen Mau:...Bernhard Vogel damals, die haben ja eigentlich einen präsidentiellen Stil gehabt. Also, die haben überparteilich regiert und gesagt: wir Thüringer und wir Sachsen. Und da sind auch viele Leute natürlich sehr zufrieden da irgendwie mitgegangen und haben gesagt: Das können wir irgendwie nachvollziehen. Und der haucht uns auch eine ganze Menge an Selbstbewusstsein ein.

00:11:02: Ursula Weidenfeld: Wobei beide ja westdeutsche Politiker waren. Es waren ja beides Westimporte.

00:11:06: Steffen Mau: Aber, es ist letzten Endes so, dass in Ostdeutschland diese Flächenextension der westdeutschen Parteien, wenn ich das so nennen darf...

00:11:13: Ursula Weidenfeld: Das heißt: Die Ausdehnung der westdeutschen Parteien auf den Osten.

00:11:17: Steffen Mau: ...Letzten Endes ohne Anpassung an die lokalen Strukturen vor Ort. Das hat nicht wahnsinnig gut geklappt. Wenn Sie sich nur mal die Zahlen anschauen, dann sind die Mitgliederstrukturen in Ostdeutschland eben sehr, sehr schwach ausgeprägt. Bei der Linkspartei sieht das natürlich anders aus. Aber SPD und CDU haben sehr wenig Mitglieder im Osten. Die sind auch in den Parteien schlecht repräsentiert. Vielleicht werden die Wahlen zum Teil im Osten entschieden. Aber was so in den Parteien diskutiert wird, das ist eben nicht sehr stark ostdeutsch. Und ich denke, ich habe ja ein Buch über Lütten Klein, einen Stadtteil in Rostock geschrieben...

00:11:52: Ursula Weidenfeld: In dem sie aufgewachsen sind!

00:11:54: Steffen Mau: In dem ich aufgewachsen bin. Wenn ich mich da mit dem Landtagsabgeordneten der SPD unterhalte, der sagt mir: Die haben knapp über 40 Mitglieder, da leben 30.000 Menschen. Ich sage: Wie viele sind davon eigentlich noch aktiv, politisch? Wer kommt dann zu diesen Parteiensitzungen? Da sagt er: Ja, vielleicht 30 bis 40 Prozent. Also sieben, acht, neun Leute. Das bei eben 30.000 Menschen, die dort leben. Da kann man sich schon vorstellen, welche Rolle für die politische Kultur vor Ort so eine Partei überhaupt spielen kann. Also, eine sehr schwache nur.

00:12:25: Ursula Weidenfeld: Aber das ist doch eigentlich in jeder Gesellschaft so, dass es nur einen ganz kleinen Bruchteil von Bürgern gibt, die am Ende aktiv in eine Partei eintreten und die sich politisch engagieren. Das sind immer so zwischen ein und zwei Prozent.

00:12:39: Steffen Mau: Ja, das ist richtig. Aber wenn Sie jetzt zum Beispiel mal Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern vergleichen, dann ist in Rheinland-Pfalz sozusagen der Anteil von Mitgliedschaften in den im Bundestag vertretenen Parteien dreimal so hoch bezogen auf die Bevölkerung. Es ist immer noch sehr gering, aber in Ostdeutschland ist das noch geringer. In Brandenburg haben sie wahrscheinlich so viele SPD-Mitglieder wie Ämter zu füllen.

00:13:03: Ursula Weidenfeld: Also, wenn man Karriere machen will, dann sollte man im Osten sich bewerben?

00:13:07: Steffen Mau: Unbedingt! Das Reservoir an Leuten ist eben auch sehr klein, die in solche Parteien hineingehen. Und die spielen auch vor Ort eine sehr, sehr geringe Rolle. Und das ist eben zum Teil auch ein Erbe der DDR, aber auch des Wiedervereinigungsprozesses, was den Parteien jetzt natürlich auch auf die Füße fällt, weil sie die Leute eben nicht binden können, weil sie die Strukturen vor Ort nur mühselig aufrechterhalten können. Also, in kleineren und mittleren Städten hat man dann gar nichts. Das heißt, die Parteien werden eigentlich nur durch Plakate sichtbar, aber nicht mehr durch eine Art von Lebensnähe vor Ort. Und dann hat man eben in Ostdeutschland ja so im Durchschnitt zehn, zwölf Prozent höhere Nichtwählerschaften. Und jetzt könnte man sagen: Ja, die AfD ist ja stark in Ostdeutschland und greift natürlich auch bestimmte Stimmungen dort ab. Aber die AfD-Wähler sind nicht mehr so stark, wenn die Wahlbeteiligung 100 Prozent wäre, dann wäre sie eben auch sieben, acht, neun Prozent kleiner. Das heißt, es ist eigentlich schon das, was Sie auch sagen, also der Kern der demokratischen Aufgabe, diese Leute irgendwie in den politischen Prozess mit einzubinden.

00:14:13: Ursula Weidenfeld: Und wie macht man das? Also, wenn man sieht, das Parteiensystem, was wir im Augenblick haben, das passt in Westdeutschland vielleicht noch halbwegs, in Ostdeutschland aber ganz sicher nicht mehr. Man sieht, dass es eine Partei gibt, die tatsächlich mobilisieren kann und die ja auch ausmobilisiert ist, wenn Sie sagen, wenn mehr Leute wählen würden, würden eben prozentual die AfD-Wähler nicht mehr so sehr ins Gewicht fallen. Es entsteht möglicherweise eine politische Schieflage dadurch, dass wenige Leute wählen, dass wenige Leute sich repräsentiert fühlen, dass wenige Bürger den Eindruck haben, dass dieses politische System ihnen auch nutzt und hilft, dass sie sich darin repräsentiert sehen. Was macht man, um das zu ändern?

00:14:56: Steffen Mau: Ja, in gewisser Weise ist Ostdeutschland für mich auch so ein Laboratorium der Demokratie. Also das, was vielleicht überall bevorsteht, das ist besonders dringlich in Ostdeutschland, nämlich über Beteiligungsformen jenseits oder auch durchaus in Koexistenz mit den Formen der Parteienrepräsentationen zu entwickeln.

00:15:15: Ursula Weidenfeld: Und das heißt was?

00:15:16: Steffen Mau: Es gibt ja dafür auch schon Pilotprojekte, Ideen, wie man das machen könnte. Also, eine Idee sind die aus Belgien jetzt importierten Bürgerräte. Dass man Leute per Losverfahren auswählt, die dann zu spezifischen politischen Themen diskutieren über eine längere Zeit und versuchen dann so eine Art, ja, auch politische Programmatik oder Entscheidungsabwägung zu finden. In Irland wurde das ja auch gemacht beim Schwangerschaftsabbruch, also...

00:15:45: Ursula Weidenfeld: Ja, in Deutschland hat man es gemacht bei der Suche... oder tut man das bei der Suche nach einem Atommüll-Endlager.

00:15:50: Steffen Mau: Ja, also, ich würde... Was ist eigentlich die Funktion von so etwas? Natürlich soll das nicht die parlamentarische Demokratie, auch nicht die Parteiendemokratie ersetzen. Aber es soll Leuten, die jetzt vielleicht nicht unbedingt politisch ansprechbar sind, eine Stimme geben. Und dadurch, dass man die Personen per Lotterie auswählt, kommt man natürlich auch zu so einer Situation, wo Demokratie eingeübt wird. Das macht vielen Leuten auch Spaß. Wir haben so eine Methode mal wissenschaftlich gemacht. Da nennen sich diese Dinge jetzt Mini-Publics oder deliberative Foren, wo wir die Leute auch eingeladen haben und es auch wissenschaftlich begleitet haben. Und da sieht man schon, dass bei vielen auch eine große Freude, eine große Bereitschaft ist, sich in solche Auseinandersetzungen hineinzubegeben.

00:16:30: Ursula Weidenfeld: Weil man sich vorher nicht zugetraut hätte, im politischen Prozess eine Stimme zu haben?

00:16:36: Steffen Mau:] Genau, ja. Und die Prinzipien von solchen Demokratieforen sind natürlich, dass jeder seine Stimme hat. Dass es eine Gleichheit der Argumente gibt. Dass es keine Hierarchien gibt. Dass es auch eine große Offenheit des Austausches gibt. Und das kann man sozusagen vom Format her relativ gut sicherstellen. Und dann kommen auch Leute und fühlen sich ermuntert, Dinge einzubringen, ihre Erfahrungen, ihre Perspektiven, die das vorher nicht so ohne Weiteres gemacht haben. Und andere sind in der Lage, von diesen Leuten auch etwas zu lernen. Also, wir hatten immer wieder die Situation, dass manche gesagt haben: Mensch, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Also, wenn Leute wirklich ihre Hartz IV-Erfahrungen über mehrere Jahre mal berichten, dann verliert man vielleicht auch so ein bisschen die Arroganz oder das drüber Wegwischen und wird vielleicht ein bisschen demütiger und lässt sich doch wirklich mal eine andere Lebensgeschichte erzählen.

00:17:25: Ursula Weidenfeld: Wenn das so ist, dann würde man ja sagen, solche Bürgerräte geben einen Rat an die demokratisch gewählten Politiker und laden politische Entscheidungen nochmal mit Legitimation auf. Auf der anderen Seite ist es aber so, diese Bürgerräte sind ja nicht gewählt, die sind ja gelost. Dann kann man doch umgekehrt auch argumentieren, dass sie den politischen Prozess, so wie wir ihn kennen, delegitimieren?

00:17:53: Steffen Mau: Ja, das ist ein bisschen eine Gratwanderung. Das ist klar. Manche haben da so die Vorstellung, das ist so eine Art Zweikammersystem sein kann, wo sozusagen bestimmte Entscheidungen von beiden, von der klassischen parlamentarischen Demokratie wie auch von dieser Art von Losverfahren-Demokratie, von beiden gemacht werden muss. Andere sagen, das hätte dann stärker empfehlenden oder konsultativen Charakter. Zumindest denke ich, müsste das etwas sein, was man in der parlamentarischen Demokratie sozusagen als Diskussionspunkt oder Bezugspunkt oder auch Resonanzraum mit einbezieht. Und dann könnte das die parlamentarische Demokratie und ihre Entscheidung - also, wenn man sagt, die verbindlichen Entscheidungen wären wirklich nach wie von den Parlamenten getroffen - letzten Endes stärken und muss nicht gegen sie wirken. Also, das würde ich durchaus als Chance sehen. Vor allen Dingen dann, wenn wirklich darüber auch Leute in den politischen Prozess eingebunden werden, die vorher davon nichts wissen wollten und dem sehr fern standen. Das ist, wie gesagt, auch für mich ein Übungsfeld der Demokratie, wenn man sehr viele unterschiedliche Leute in unterschiedlichen Kontexten reinbringt. Vielleicht, denke ich, schnuppern da auch Leute und sagen: Mensch, das ist ja interessant! Politik ist doch was sehr, sehr Spannendes! Das macht mir auch Spaß, mich in so einem Rahmen argumentativ zu anderen zu verhalten. Also, dass man wirklich auch die Lust auf das Politische damit hebt. Und natürlich die Fähigkeit, mit sehr unterschiedlichen Argumenten, Aspekten, Sichtweisen umzugehen und auch festzustellen: Ja, Politik ist eben auch die Kunst des Kompromisses, des Zusammenfindens.

00:19:27: Ursula Weidenfeld: Sie sprechen den Kompromiss an. Es gibt ja noch eine weitere Gruppe, die vom politischen Prozess der Gegenwart total enttäuscht ist. Das ist die junge Generation, die sich eben viel stärker als in Parteien, in Bewegungen, in Demonstrationen, in zum Beispiel Fridays-for-Future-Aktionen politisch artikuliert. Wie kriegt man denn die in ein demokratisches System? Und wie kriegt man die dazu, Kompromisse zu machen?

00:19:53: Steffen Mau: Ja, natürlich ist es erstmal schön, dass die sich engagieren. Hat ja lange immer die apolitische Jugend kritisiert und bemängelt. Und jetzt geht sie auf die Straße und sucht natürlich ihre eigenen Ausdrucksformen. Da würde ich erst mal sagen: Das ist wunderbar. Und dieses Engagement brauchen wir. Es gibt ja nicht nur den Raum der Parteien, sondern es gibt natürlich auch die Zivilgesellschaft, die politischen Aktionen. Im Prinzip ist Politik ja sowieso viel, viel breiter, und da sind sie eben eine Stimme. Man kann immer noch darüber nachdenken - das wird ja auch manchmal demokratietheoretisch gemacht - wie man die Stimme der Jüngeren gewichtet und hineinbringt. Absenkung des Wahlalters ist so ein Thema. Es gab auch manchmal diese theoretischen Vorschläge, von denen ich aber nicht viel halte, dass zum Beispiel Eltern mit ihrer Stimme ein höheres Gewicht haben sollten dann bei den Auszählungen, weil sie eben nicht nur sich selbst repräsentieren, sondern auch die nachfolgenden Generationen. Aber das sind, glaube ich, jetzt erst mal so Planspielmodelle, die vielleicht nicht unbedingt weiterführen. Bei dieser Fridays-for-Future-Generation - das ist ja schon beobachtbar, dass die unglaublich professionalisiert sind und eigentlich auch sehr gut vorbereitet auf den komplexen Prozess der Politik. Das sehe ich durchaus als Vorteil, wie die Leute sich vor Kameras äußern können, wie sie Pressekonferenzen organisieren, wie sie überhaupt auch Lobbyarbeit für die eigene Sache machen. Das ist auch eine Schule der Demokratie. Und ich glaube, das wird der jungen Generation sehr nutzen. Die Erfahrungen, die da gemacht werden, sich auch gegen Widerstände durchzusetzen, gut zu organisieren. Und wenn man das in gewisser Weise auch in den politischen Prozess, wo Entscheidungen gefällt werden, hineinbringen kann, dann glaube ich, wäre das eigentlich zum Nutzen aller. Also sowohl zum Nutzen der Interessen dieser jungen Generation wie auch zum Nutzen der Demokratie selbst natürlich.

00:21:38: Ursula Weidenfeld: Vielen Dank, Herr Mau.

00:21:40: Steffen Mau: Sehr gerne.

Über diesen Podcast

Im Podcast "Tonspur Wissen" lädt die Journalistin Ursula Weidenfeld alle Hörerinnen und Hörer auf eine Entdeckungsreise ein. Sie trifft Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, stellt ihre Fragen und hört zu. Ursula Weidenfeld ist überzeugt: Nur so kann man Dinge verstehen oder einen neuen Blick darauf bekommen. Und zu entdecken gibt es jede Menge in der Welt der Wissenschaft.

Weiterhin verfügbar sind außerdem 30 Folgen von "Tonspur Wissen" rund um die Auswirkungen des Coronavirus. Es kommen nicht nur Virologen im Podcast zu Wort, sondern auch Psychologen, Historiker, Ökonomen, Politik- und Ernährungswissenschaftler und Experten anderer Fachbereiche. "Tonspur Wissen" ist eine Gemeinschaftsproduktion von t-online und der Leibniz-Gemeinschaft.

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von und mit Ursula Weidenfeld & t-online

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